Skandal-Kino in Cannes Lady Di ist tot, der Papst in Not

Nervenflattern, Paranoia! In Cannes zeigt Nanni Moretti seine umstrittene Konklave-Rekonstruktion "Habemus Papam". Der britische Dokumentarfilmer Keith Allen analysiert den Unfalltod von Prinzessin Diana - und kommt zu kruden Ergebnissen.

Aus Cannes berichtet


Ein Film über einen Mann, der wegen eines läppischen Sprachfehlers nicht König von England werden wollte, gewann den Oscar. In Nanni Morettis Film "Habemus Papam", der nun im Wettbewerb von Cannes läuft, will ein Kardinal nicht Papst werden, weil seine Nerven flattern und er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlt. Was kommt als nächstes?

Ein Film über einen Bundespräsidenten, der sein Amt hinschmeißt? Nichts scheint mehr ausgeschlossen. Der Italiener Nanni Moretti hat mit dem Film in seiner Heimat die Katholiken erzürnt, weil er Kardinäle während der Konklave zeigt, wie sie einer nach dem anderen Gott anflehen, das Papstamt möge an ihnen vorübergehen wie ein Kelch vergorener Wein.

"Habemus Papam" beginnt mit dem Tod des alten Papstes, rasch kommen die Kardinäle zusammen und marschieren in ihren roten Roben durch den Vatikan, um in ihrer Mitte einen Nachfolger zu finden. Doch keiner von ihnen will es werden. Es trifft dann einen aus der zweiten Reihe, Melville heißt er, wie der große Heilige des französischen Kriminalfilms, gespielt wird er von Michel Piccoli, das kommt hier in Cannes gut an.

Dieser Kardinal Melville ist der Auserwählte, sieht aber plötzlich aus, als habe ihn der Gottes Zorn mit voller Wucht getroffen. Er schreit seine Verzweiflung heraus, statt vor die wartenden Gläubigen auf dem Petersplatz zu treten. Ein Psychologe, gespielt von Moretti selbst, soll Melville I. wieder auf den rechten Weg zu führen. Doch bis zum Ende irrt der Film durch seine Geschichte wie ein Schaf ohne seinen Hirten. Mal zeigt Moretti die Kardinäle beim neckischen Volleyballspielen, dann lässt er seinen ratlosen Papst durch die Stadt Rom laufen, ohne die Erfahrung des weltlichen Lebens auch nur in einem einzigen eindringlichen Bild verdichten zu können. Um sich einen Papst von innen anzuschauen, wagt er sich nicht nah genug an seine Hauptfigur heran, um den Vatikan als Institution zu erkunden, nimmt er sie nicht ernst genug.

Mordbefehl vom Königshaus?

Mit einem - wie fast immer in seinen Filmen - penetrant eitlen Auftritt versucht Moretti, seinem Hauptdarsteller Piccoli die Schau zu stehlen, auf einmal weiß man gar nicht mehr, worum sich der Film wirklich dreht, um einen Papst oder um einen Papagallo.

Andererseits war das wohl noch nie eine gute Kombination, Cannes und der Vatikan. Die Dan-Brown-Verfilmung "Da Vinci Code", die das Festival vor fünf Jahren eröffnete, ließ manchen Gläubigen und auch Cinéasten gleichermaßen den Kopf schütteln. Da prallen zwei Reiche, zwei Glaubenssysteme aufeinander, denn das Festivalpalais von Cannes ist das inner sanctum des Kunstkinos, hier werden Regisseure heilig gesprochen, aber nicht von Männern in roten Roben, sondern von jubelnden Massen am roten Teppich.

Doch manchmal mischen sich in Cannes auch die Systeme, wie etwa bei der Dokumentation "Unlawful Killing" über eine Frau, die verehrt wird wie eine Heilige und die zugleich ein großer Popstar war, eine traurige Prinzessin, die aus einem Königspalast ins Jet Set flüchtete. Der britische Regisseur Keith Allen, eigentlich bekannt als Comedian und Vater der Popsängerin Lily Allen, rekonstruiert den Tod von Prinzessin Diana im Wagen ihres Geliebten Dodi Al-Fayed 1997 in Paris und die offizielle Untersuchung des Falles in London. Einen Teil der Produktionskosten steuerte übrigens Dodis Vater Mohammed Al-Fayed bei. Allen entfaltet ein wüstes Mord-und-Totschlags-Szenario, behauptet, das Königshaus habe Prinzessin Diana ermorden lassen, Prinz Philip stecke hinter dem Komplott. Ein Psychiater erklärt im Film, Philip weise Merkmale eines Psychopathen auf.

Mit derartiger Verve trägt Allen seine krude Theorie vor, dass man schon bald mitgerissen ist wie in einem Paranoia-Thriller. Allen zitiert aus einem Brief Dianas von 1995, in dem sie die Vermutung äußert, ihr Mann Charles plane, sie bei einem getürkten Autounfall ums Leben kommen zu lassen; verbissen verfolgt der Regisseur die Spur eines weißen Fiat Uno, der am Unfall im Pariser Straßentunnel beteiligt war. Erstaunlich, wie amüsant eine Verschwörungstheorie sein kann, selbst wenn man sie für groben Unfug hält.



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