Neo-Western "Slow West" Kein Land für junge Männer

Die besten Western drehen längst nicht mehr die Amerikaner: Dem britischen Ex-Musiker John Maclean gelingt mit "Slow West" ein wunderbar verspulter und sehr entlarvender Trip durch die Ur-Mythen der USA.
Neo-Western "Slow West": Kein Land für junge Männer

Neo-Western "Slow West": Kein Land für junge Männer

Foto: Prokino

Krimis drehen kann jeder, aber Western, das ist ein ganz spezielles, spezifisch amerikanisches Genre, mythisch überhöht von Regie-Ikonen von John Ford über Sergio Leone bis zu Sam Peckinpah und Clint Eastwood. Wer sich heute trotzdem noch auf die staubige Bühne der Pferdeoper wagt, ist ganz bestimmt kein Amerikaner, da ist zu viel Respekt im Spiel.

Draufgänger und Hasardeure wie Quentin Tarantino ("Django Unchained") oder die Coen-Brüder ("True Grit") sind rühmliche Ausnahmen, die besten Western der jüngeren Zeit stammen aber von Neuseeländern ("Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford"), Australiern ("The Proposition") oder Dänen ("The Salvation").

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"Slow West": Jenseits von Eastwood

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Mit John Maclean wagte sich nun auch ein Brite an die uramerikanische Frontier-Erzählung. Das ehemalige Mitglied der Britrock-Gruppe The Beta Band drehte bereits zwei Kurzfilme mit Michael Fassbender, bevor der Deutsch-Ire mit Filmen wie "Hunger", "Shame" und "12 Years A Slave" zum begehrten Indie- und Hollywood-Star wurde. Eine der Hauptrollen seines Spielfilmdebüts "Slow West", das nun auch in deutschen Kinos anläuft, schrieb er Fassbender auf den Leib, und weil die beiden bei den Shorts so viel Spaß zusammen hatten, sagte der nicht nur zu, sondern übernahm auch gleich noch einen Teil der Produktion.

Fassbender, verlässlich intensiv, spielt Silas, einen dieser typisch heruntergekommenen Glückssucher, die um 1870 den Wilden Westen nach guten Gelegenheiten und ein paar Dollars durchstreifen. In dem 16-jährigen Schotten Jay Cavendish, der es wie durch ein Wunder unbeschadet bis nach Colorado geschafft hat, scheint er ein neues Opfer gefunden zu haben. Der verpeilt wirkende Hänfling (Kodi Smit-McPhee, "The Road") ist auf der Suche nach seiner großen Liebe, der etwas älteren, unlängst mit ihrem Vater in den Westen ausgewanderten Rose (Caren Pistorius). In Rückblenden wird angedeutet, welche Schicksalsgeschichte sich hinter dieser Romanze verbirgt, aber der Film interessiert sich zu Recht mehr für das Drama, das sich in der Neuen Welt abspielt. Die zeigt sich alsbald als noch viel weniger zivilisiert als die zurückgelassene alte.

Was Jay nicht weiß, Silas aber sehr wohl: Für die Ergreifung von Rose und ihrem Vater ist ein Kopfgeld ausgeschrieben. Silas will doppelt abkassieren: Er fordert hundert Dollar von Jay, damit er ihn wohlbehalten zu seiner Flamme begleitet, um sich seiner dann zu entledigen. Doch natürlich kommen sich der Harte und der Zarte näher.

Wie der Westen wirklich war

Ihre Odyssee durch die Wälder und Weiten Colorados - eigentlich Neuseeland - ist auch eine skurrile Reise durch die dunklen Flecken der amerikanischen Historie: Ein Trio schwarzer Musikanten singt ein Afro-Folklore-Ständchen am Straßenrand, woraufhin Jay mit ihnen auf Französisch parliert. Ein deutscher Anthropologe namens Werner kampiert mitten auf freier Steppe und schreibt an einer Chronik der Ureinwohner-Ausrottung. Verfolgt werden sie zudem von dem zwielichtigen Payne, einem alten Bekannten von Silas, der es ebenfalls auf das Kopfgeld abgesehen hat und ihnen Absinth zu trinken gibt, was für unruhige Träume und düstere Visionen sorgt. Der großartige Ben Mendelsohn ("Bloodline") spielt Payne als Archetyp des verschlagenen Western-Schurken im grotesk überdimensionierten Bärenfellmantel.

Ohnehin scheint die Realität in "Slow West" ein wenig verschoben zu sein. Wie der Titel andeutet, lässt sich der Film, der mit knapp 80 Minuten recht kurz ist, sehr viel Zeit und kippt immer wieder ins Übersinnliche und Traumwandlerische, als befände man sich in einer Schauermär von Ambrose Bierce.

Gleichzeitig weiß Maclean genau, was er erzählen will und treibt seine Handlung auf ein grandios inszeniertes Finale zu: Schauplatz ist die mitten in einem unwirklich sattgelben, sehr weitem Kornfeld stehende Hütte, in der Rose und ihr Vater Zuflucht gefunden haben. Wie sich Jay und Silas sowie Payne und seine Bande und ein als Priester verkleideter Scharfschütze auf unterschiedlichste, haarsträubendste und letztlich blutigste Weise der Bretterbude zu nähern versuchen, ist ein meisterliches Set-Piece, feine Hommagen an Leone- und Eastwood-Western inklusive, so viel Reverenz darf sein.

Macleans kleiner, brillant besetzter Film zeigt mit melancholischer Geste, wie der Westen höchstwahrscheinlich wirklich war: Viele europäische Einwanderer kamen, um ihr Glück zu finden; die meisten litten unter bitterer Armut und wurden wunderlich, verrückt, kriminell. Oder sie starben einfach, durch Pech und Kugeln, die damals wie heute sehr locker in den Pistolen saßen. Wer überlebte, musste Ruchlosigkeit lernen, wie Rose, die süße Angebetete, die sich als kaltblütige Schützin erweist.

"Unter jedem Stein wird ein Desperado hervorkriechen und dir ein Messer ins Herz stechen, so lange ein Dollar dabei herausspringt", bringt Silas das Credo des Wilden Westens auf den Punkt, Amerikas brutal-kapitalistische Erfolgslosung. Kein Land für junge, verliebte Männer.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Slow West"

Slow West

UK/NZ 2016

Regie: John Maclean

Drehbuch: John Maclean

Darsteller: Michael Fassbender, Kodi Smit-McPhee, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann

Produktion: SeeSaw Films, Film4, DMC Films

Verleih: Prokino/Fox

Länge: 84 Minuten

FSK: Ab 12

Start: 30. Juli 2015

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