"Social Network"-Regisseur Fincher "Ich erschaffe keine Bilder, sondern Gefühle"

Der Facebook-Film "The Social Network" ist das erste Charakterdrama des US-Regisseurs David Fincher ("Fight Club"). Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum er manche Szenen 90-mal wiederholen ließ, was er von Kino-Bloggern hält - und warum er Stieg Larssons "Verblendung" nicht in 3D sehen will.

Regisseur Fincher: "Ich wollte, dass sich die Zuschauer mit jeder Figur identifizieren können"
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Regisseur Fincher: "Ich wollte, dass sich die Zuschauer mit jeder Figur identifizieren können"


SPIEGEL ONLINE: Der Hype um "The Social Network" war groß, die Umsätze des Eröffnungswochenendes in den USA jedoch nur mittelprächtig. Ist die Entstehung eines Internetphänomens doch nicht der richtige Stoff für Hollywood?

Fincher: "The Social Network" ist sicherlich nicht die Art von Film, die Hollywood normalerweise produziert. Das war mir von vornherein klar. Deshalb wollte Sony auch nur knapp 40 Millionen Dollar ausgeben...

SPIEGEL ONLINE: ...Was für eine große Studioproduktion eher wenig ist.

Fincher: Daher haben auch alle Beteiligten auf einen großen Anteil ihres normalen Salärs verzichtet. Aber wer sagt, dass man nur die Geschichten von Superhelden erzählen soll? Für uns war die Frage: Können wir einen Film schaffen, der diese Opfer wert ist? Und daran hatten wir keinen Zweifel.

SPIEGEL ONLINE: Woher diese Selbstsicherheit? Weil es eine David-Fincher-Fangemeinde gibt?

Fincher: Glauben Sie mir - es gibt viele Leute, die keine David-Fincher-Filme mögen. Der ausschlaggebende Punkt war das Drehbuch von Aaron Sorkin. Bevor ich es bekam, hatte ich keine große Ahnung von der Facebook-Geschichte. Aber das spielte auch keine Rolle. Die Charaktere waren smart, leidenschaftlich, intellektuell, vielschichtig, und das Skript lässt sie zu einer Konfrontation antreten, bei der die Perspektive jedes Beteiligten nachvollziehbar ist. Mark Zuckerbergs Gegner denken: 'Du hast mich über den Tisch gezogen!' - Und Zuckerberg selbst kann behaupten: 'Ohne mich gäbe es diese Beute von 50 Milliarden Dollar gar nicht erst, die du mit mir aufteilen willst.' Ich wollte, dass sich die Zuschauer mit jeder Figur identifizieren können.

SPIEGEL ONLINE: Aaron Sorkin behauptete allerdings, sein - arg dialoglastiges - Drehbuch wäre genauso gut für ein Hörspiel geeignet. Warum also einen Film daraus machen?

Fincher: Es mag schon sein, dass das für Sorkin ein Maßstab ist. Deshalb will er nur Geschichten schreiben, die auch ohne Bilder funktionieren. Die Eröffnungsszene, in der Zuckerbergs Freundin mit ihm Schluss macht, könnte durchaus im Radio laufen, und man würde verstehen, was los ist. Aber sie mit den Gesichtern von Jesse Eisenberg und Rooney Mara zu sehen, wie sie mit ihren Blicken arbeiten, wie sie den anderen taxieren und dann Distanz aufbauen, das steigert die Wirkung und Wertschätzung noch. Das heißt, auch diese Art von Charakterdrama eignet sich gut für die Leinwand.

SPIEGEL ONLINE: Dafür mussten die Schauspieler aber manche Einstellungen auch bis zu 90-mal wiederholen. Ist das wirklich nötig, um diese Wirkung zu erreichen?

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"The Social Network": Facebooks unfreundliches Gesicht
Fincher: Wenn man die emotionale Komplexität eines solchen Drehbuchs vermitteln will, dann schon. Ich habe darum gekämpft, dass meine Schauspieler die Zeit bekommen, um erfolgreich zu sein. Denn sie sollten auch den fraktalen Raum vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Den fraktalen Raum?

Fincher: Das ist der Raum zwischen den einzelnen Ideen. Im Film soll zu sehen sein, wie die Protagonisten den Übergang von einer Idee zur nächsten vollziehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das erfordert Drehzeit, und die ist kostbar. Wie gelingt so etwas bei einem Discount-Budget?

Fincher: Ich kann nicht verstehen, warum sich die Leute immer so auf die Menge der Einstellungen fixieren. Dass eine höhere Zahl davon viel mehr kostet, ist ein weit verbreiteter Irrtum. Du brauchst Geld, um den Drehort zu wechseln, um einen Raum so auszustaffieren und zu beleuchten, dass er nach einem Restaurant aussieht oder um Proben durchzuführen. Aber wenn du jemandem sagst 'Spiel diese eineinhalb Seiten noch mal', dann ist das billiger als alles andere.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ihrer Filme, wie "Panic Room" oder "Benjamin Button", werden nicht nur von Schauspielern, sondern auch von Ihren technischen und visuellen Innovationen geprägt. Wie versuchen Sie zu vermeiden, dass diese zu sehr in den Vordergrund treten?

Fincher: Alle Mittel, die ich einsetze, auch die technologischen, sind darauf ausgerichtet, eine emotionale Wirkung zu erzielen. Ein Zuschauer mag sich dessen nicht bewusst sein, aber er reagiert auf alles - das Licht, die Kostüme, die Schauspieler, den Ton. Und ich muss die Bilder, Musik, Stimmen und Rhythmen so orchestrieren, dass sie eine Reaktion hervorrufen. Wenn ich sanftes Licht benutze, sagt das über einen Schauplatz etwas anderes aus als hartes Licht. Genauso verhält es sich beispielsweise, wenn ich einen Schauspieler ohne Make-up direkt beleuchte. Ich erschaffe keine Bilder, sondern Gefühle. Filmemachen ist Alchemie - keine Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet, dass Sie die Wirkung Ihrer Filme nicht steuern können.

Fincher: Völlig richtig. Wobei ich natürlich darauf zu achten versuche, welche Elemente für die Leute anziehend wirken und welche sie abstoßen. Ich kann bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, wie ich Informationen vermittle. Wie zeige ich, dass es in einem Zimmer Morgen statt Abend ist oder dass jemand gerade das Bett verlassen hat? Dafür gibt es Mittel und Wege. Trotzdem ist es immer ein Ehrfurcht einflößendes Erlebnis, wenn ich meine Filme zum ersten Mal einem Publikum vorführe. Ich erlebe es immer wieder, dass die Leute zu sehr nachdenken und alle möglichen Dinge hineinlesen. Aber gleichzeitig entgehen ihnen bestimmte Elemente und Informationen. Gerade deshalb wollte ich auch keine Testvorführungen von "Social Network".

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie dann schon vorab die Wirkung Ihres Films hätten testen können.

Fincher: Ja, aber es hätte dann alle möglichen Posts auf Facebook gegeben. Wer sechs Monate im Voraus von einem Film hört, egal ob positiv, neutral oder negativ, nimmt ihn nicht mehr unvoreingenommen wahr. Es ist doch ein ganz anderes Gefühl, wenn plötzlich der Vorhang aufgeht und du den Film jungfräulich siehst. Ich muss wirklich den Hut vor den Sony-Studiochefs ziehen, die mir sagten: 'Der Film ist so, wie er ist. Wir werden jetzt keine Passanten aus dem Einkaufszentrum in eine Vorführung einladen und sie bitten, Feedback-Karten auszufüllen.' Genau aus diesem Grund werden die Zuschauer jetzt von dem Film überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es mit "Verblendung" sein, dem Stieg-Larsson-Bestseller, dessen US-Remake Sie gerade vorbereiten? An den knüpfen sich doch solche hohen Erwartungen, dass Testvorführungen unumgänglich sein dürften.

Fincher: Das wird sich noch zeigen. Bei "Social Network" hatten wir den Vorteil, dass der Film vergleichsweise günstig war. Aber ich finde grundsätzlich, dass diese Blogs, in denen die Leute ihre Meinungen zu nicht fertiggestellten Filmen äußern, der Branche einen schlechen Dienst erweisen.

SPIEGEL ONLINE: Wobei sich die Blogger schon jetzt auf "Verblendung" stürzen. Wollen Sie nach dem alten Trauma von "Alien 3" jetzt endlich eine eigene Filmreihe etablieren?

Fincher: Momentan geht es nur um den ersten Teil, ich will gar nicht weiter überlegen, denn das wäre nur eine Denkfalle. Aber ich gebe zu: Ich war deshalb daran interessiert, weil die Sony-Chefs Michael Lynton und Amy Pascal eine Franchise für ein reifes Publikum schaffen wollten. Und sie waren bereit, den Filmen ihre europäischen Wurzeln zu lassen. Keiner sagte: 'Geh damit nach Seattle, da regnet es genauso wie in Schweden.' Vielmehr hieß es: 'Das soll ein großer, erwachsener Film werden, dafür gibt es Zuschauer. Und du kannst wie entfesselt loslegen.' Also sagte ich einfach: 'Okay'.

SPIEGEL ONLINE: Die Zeiten, wo Sie mit den Studios kämpfen mussten, sind demnach vorbei?

Fincher: Es gibt immer Kämpfe mit den Studios. Zu viele Kontrollebenen sind dazwischengeschaltet, bevor jemand den Scheck für einen Film ausstellt. "Benjamin Button" wurde sechs Jahre lang nicht gedreht, weil wir uns nicht auf ein Budget einigen konnten. Und selbst wenn das endlich der Fall ist, kriegst du nie die Summe, die du ausgeben möchtest.

SPIEGEL ONLINE: Eine Methode, um die Einnahmen hochzutreiben, heißt 3D. Manche Regisseure wie Christopher Nolan äußern sich dazu allerdings sehr skeptisch.

Fincher: Wenn Nolan 3D nicht als Teil seines filmischen Arsenals betrachtet, dann hat er sicherlich seine berechtigten Gründe. Aber es besteht kein Zweifel, dass es dir ein Film wie "Avatar" ermöglicht, auf ganz intensive Weise in eine Welt einzutauchen. Denn er ist eben gut gemacht. Schlechtes 3D ist enorm störend.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie wären interessiert, dieses Mittel zu nutzen?

Fincher: Ja, ich möchte einen 3-D-Film drehen. Aber ich werde kein miserables Skript verfilmen, nur um das zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das Sony-Studio "Verblendung" in 3D sehen möchte?

Fincher: Ich glaube nicht, dass sich die Geschichte und das Milieu dafür eignen. Die "Millennium"-Filme versetzen die Leute an Orte, um die sie am liebsten einen Bogen machen. In diese Welt taucht niemand gerne so tief ein. Welches Publikum möchte schon einen Film über Inzest in 3D sehen?

Das Interview führte Rüdiger Sturm



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Seite 1
fannyekdahl 07.10.2010
1. Misslungen
Das ist kein Interview, sondern ein Verhör. Der Autor sollte vielleicht zum Kripobeamten umschulen. Schade, es hätte ein interessantes Gespräch werden können.
spassamarbeiten 07.10.2010
2. w-t-f is ruediger sturm ?
lieber herr sturm, oder stürmer ? unsensibel fangen sie das interview mit einer geldfrage an, dann zieht es sich weiter -das geldthema- studiofilme blablabla, und dann kommt die 3D frage..so blind kann man nicht sein, und so 1dimensional, dass 3D ein Mittel aus actionfilmen ist und bleibt, welchen sinn macht es das kotzen von zuckerberg in harvard in 3d zu sehen ? was ist das hier fuer ein interview? zum glück sind interviews mit fincher und sorkin und anderen beteiliten im new yorker oder nytimes, sodass man sich ausser dem fremdschämgefühl für peinliche deutsche journalisten nicht weiter damit befassen muss, was im spiegel steht.
lukeserious 07.10.2010
3. 3d
Dieses ganze 3D-Getue ist doch ein Phänomen das alle paar Jahre kommt und geht. Ich finde es schade, dass im Moment bei so vielen Filmen durch "spektakuläre" Effekte, Animationen und so weiter über langweilige Storys, flache Dialoge und miserable schauspielerische Leistungen hinweggetäuscht wird. Gibt natürlich Ausnahmen, aber solange Leute wie blöd in Filme wie Avatar rennen wegen "voll den geilen 3D-Effekten und so" und nichtmal merken, dass der Film eigentlich eine schlechte und kitschige Pocahontas-Kopie in Computerspiel-Grafik ist, wird sich im Großen und Ganzen so schnell wohl nichts ändern^^
Bobby Shaftoe, 07.10.2010
4. nüx
Zitat von spassamarbeitenlieber herr sturm, oder stürmer ? unsensibel fangen sie das interview mit einer geldfrage an, dann zieht es sich weiter -das geldthema- studiofilme blablabla, und dann kommt die 3D frage..so blind kann man nicht sein, und so 1dimensional, dass 3D ein Mittel aus actionfilmen ist und bleibt, welchen sinn macht es das kotzen von zuckerberg in harvard in 3d zu sehen ? was ist das hier fuer ein interview? zum glück sind interviews mit fincher und sorkin und anderen beteiliten im new yorker oder nytimes, sodass man sich ausser dem fremdschämgefühl für peinliche deutsche journalisten nicht weiter damit befassen muss, was im spiegel steht.
na, da wollte wohl jemand seine eitelkeiten ausleben ;-)
hambürger 07.10.2010
5. David ist hier Goliath
Zitat von fannyekdahlDas ist kein Interview, sondern ein Verhör. Der Autor sollte vielleicht zum Kripobeamten umschulen. Schade, es hätte ein interessantes Gespräch werden können.
Machen Sie sich um Fincher mal keine Sorgen. So ein Regisseur gibt hundertmal mehr Interviews - pro Film -, als ein kleiner Spon-Schreiber je in seinem Leben zusammenkriegt. Das Machtverhältnis ist immer Star/Regisseur (top) zu Journalist (down), und Fincher hat hier auch noch den Vorzug der eigenen Muttersprache. Der braucht keine Schützenhilfe.
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