"Social Network"-Star Justin Timberlake "Oh shit, dachte ich nur"

Gelungener Rollenwechsel: Mit seiner Leistung im Kinohit "The Social Network" hat sich Justin Timberlake endgültig als Schauspieler etabliert. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Popstar, wie hart er beim Casting ran musste - und was er Napster-Gründer Sean Parker schuldig war.

Sony Pictures

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Regisseur vom Range David Finchers mit "The Social Network" das Skript eines Autors wie Aaron Sorkin verfilmt, tritt halb Hollywood zum Casting an. Half Ihre Popularität, um an die Spitze der Schlange zu gelangen?

Timberlake: Fincher ließe sich nicht mal beeindrucken, wenn man vom Mars käme. Er heuert die aus seiner Sicht besten Leute an - auch wenn er da bei mir einen Fehler gemacht haben muss (lacht). Aber von Bevorzugung konnte keine Rede sein. Ich hatte gleich mehrere Probetermine. Gewöhnlich bereitet man drei, vier Drehbuchseiten vor, ich musste hier 30 Seiten auswendig lernen. Aber ich fand's genial, weil Sorkin persönlich alle anderen Figuren las und wir Szenen stundenlang gemeinsam wie im Workshop entwickelten. Das Herz rutschte mir erst in die Hose, als ich den Part bekam. Oh shit, dachte ich nur, jetzt musst du die Figur tatsächlich zum Leben erwecken - und alle Welt wird zuschauen.

SPIEGEL ONLINE: Im Ernst? In Ihrem Hauptberuf als Popstar wirken Sie nie, als ob es Ihnen an Selbstbewusstsein mangelte.

Timberlake: Seit meiner Kindheit stehe ich als Performer auf der Bühne und arbeite mit Kameras, so dass die Schauspielerei nur eine logische Fortsetzung ist. Doch ich nehme das Kino verdammt ernst und weiß um meinen relativen Anfängerstatus. Noch dazu hatte ich es bei "The Social Network" mit einem realen Charakter zu tun.

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"The Social Network": Facebooks unfreundliches Gesicht
SPIEGEL ONLINE: Sie spielen Napster-Gründer Sean Parker, dessen Filesharing-Technik die Musikindustrie in die Knie zwang.

Timberlake: Welch Ironie, nicht wahr? Aber ganz egal, was ich persönlich von dem Typ halte, der mir den Absatz meiner Musik massiv erschwerte: Als Schauspieler schuldete ich es ihm, ihn so gewissenhaft wie möglich zu porträtieren. Ich traf ihn persönlich nur einmal kurz. Aber es bedurfte keiner nennenswerten Hausaufgaben, weil Sorkin sehr komplette Charaktere schreibt. Die Paranoia, das Suchtverhalten und die Unsicherheit im Kontrast zum Bravado und superlässigen Auftreten in der Öffentlichkeit - all das machte Parker zu einem enorm reizvollen Part, der wunderbar mit der Figur Mark Zuckerbergs harmoniert. Beide haben ihre Schutzmechanismen und lassen kaum einen Riss in ihrer Rüstung zu. Zuckerberg spuckt Gift, wenn er sich bedroht fühlt, Parker killt seine Opfer mit Charisma.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch sind diese Persönlichkeitsprofile?

Timberlake: Das zu beurteilen liegt nicht an mir. Wenn Sie zehn Leute fragen, die die beiden zusammen erlebten, bekommen Sie zehn verschiedene Antworten. Doch unzweifelhaft haben sie die Welt verändert. Sie erkannten das unglaubliche Potential der Facebook-Idee vor allen anderen und besaßen neben der Zielstrebigkeit auch die nötige Skrupellosigkeit, um die Idee durchzuziehen, obwohl sie eigentlich noch grün hinter den Ohren waren.

SPIEGEL ONLINE: In Indie-Filmen wie "Alphadog" oder "Black Snake Moan" ernteten Sie bereits respektable Kritiken. Trotzdem werden Ihre schauspielerischen Ambitionen erst seit "The Social Network" so richtig ernst genommen, oder?

Timberlake: Bewusst versuchte ich nie, mir Abzeichen als seriöser Mime zu verdienen. Aber ich lehnte ungelogen Hunderte von Projekten ab, in denen ich einen Sänger geben und eine Nummer zum Soundtrack beisteuern sollte. Mein Credo war stets: Ich bemühe mich nur um Rollen, die mir ums Verrecken keiner geben will (lacht). Je weniger ein Projekt zu meinen bisherigen Errungenschaften passt, umso besser. Denn es geht nicht um mich als Person, um das Image, den sogenannten Star. Sondern immer nur um den einen Song. Das eine Album. Den einen, speziellen Film. Die Idee hinter dem Werk muss größer sein als die ausführenden Individuen, sonst reizt mich das Ganze nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre beiden Soloalben hätten unterschiedlicher kaum sein können.

Timberlake: Genau das ist der Punkt! Am liebsten hätte ich für "FutureSex / LoveSounds" meinen Namen geändert, weil es sich so sehr von "Justified" unterschied. Ich spielte eine Rolle, die aus einem Konzept heraus geboren wurde. Ich habe einen Charakter erfunden, so wie ein gewisser Robert Zimmerman irgendwann einmal die inzwischen mythische Figur Bob Dylan erfunden hat, die auch nicht seinem wahren Ich entspricht. Leider wird in unserer Zeit immer alles sehr wörtlich genommen. Ich bin ebenso wenig der Mann aus den Videos zu "Cry Me A River" oder "SexyBack" wie jetzt die Person aus "The Social Network". Ich halte mich auch nicht für einen herausragenden Sänger, aber beim Schreiben von Songs hilft es mir, eine Figur zu entwickeln und mit deren Eigenheiten im Hinterkopf die adäquaten Sounds zu produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Musikalisch wurden Sie durch Künstler von Michael Jackson bis Interpol inspiriert. Wer motivierte Sie auf der Leinwand?

Timberlake: Mich hat schon immer interessiert, wer die Fäden bei einem Projekt zusammenhält, weshalb ich eher Regisseure als Schauspieler bewunderte. Jetzt mit Fincher zu arbeiten, fühlte sich an wie eine Jamsession mit den Beatles (lacht). Ich wuchs auf mit "Sieben" und "Fight Club", einige der prägenden Filme meiner Generation. Aber um etwas Originelles zu schaffen, gilt es auch die Filmgeschichte zu verstehen, und da studierte ich alles von Martin Scorsese und Warren Beatty. Beide bewundere ich besonders, weil sie nicht nur unvergessliche Bilderwelten geschaffen haben, sondern auch feinfühlig mit Sprachmelodien arbeiten. Die Dialoge von Scorseses Gangstern haben eine Musikalität, die klassischem Songwriting in nichts nachsteht. Und was Beatty als rappender Politiker in "Bulworth" versucht hat, verdient allerhöchsten Respekt.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das Regieführen für Sie selbst nahe? Zumal Sie auf Tour auch auf der Bühne einen Stab von bis zu vierzig Musikern und Tänzern führen?

Timberlake: Das steht absolut an in der Zukunft, aber zuvor muss und möchte ich noch weiter von den Besten lernen. Ich habe gerade drei Werbespots für die Tequilafirma eines Kumpels gedreht und auch die Arbeit an Musikvideos war nicht die schlechteste Schule. Doch das ist Kleinkram. Ich habe noch längst nicht die Eier, um einen Spielfilm zu wagen. In zehn, zwanzig Jahren können wir uns darüber gern noch einmal unterhalten.

Das Interview führte Roland Huschke



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fannyekdahl 12.10.2010
1. Respekt!
J.Timberlake ist sehr erfolgreich in allem, was er anfasst, trotzdem ist er immer noch irgendwie unterschätzt, in "Social Network" war er sehr gut bis grandiös, allerdings hat der Parker diese recht positive Interpretation seiner Person verdient. Aber noch mehr hat mich Jesse Eisenberg beeindrückt, ein Ausnahmetalent und selten genial.
Eliza 17.10.2010
2. Och...
Zitat von fannyekdahlJ.Timberlake ist sehr erfolgreich in allem, was er anfasst, trotzdem ist er immer noch irgendwie unterschätzt, in "Social Network" war er sehr gut bis grandiös, allerdings hat der Parker diese recht positive Interpretation seiner Person verdient. Aber noch mehr hat mich Jesse Eisenberg beeindrückt, ein Ausnahmetalent und selten genial.
Ich war eher enttäuscht. Anscheinend war es Eisenberg, der schon beim Casting diese rasende Sprechweise drauf hatte, die eine Beleidigung jedes sorgfältig denkenden Menschen ist. Der wirkliche Zuckerberg redet nicht so wahnsinnig schnell. Ich habe keine Ahnung, was für einen Nährwert dies Gerase haben soll. Ich kenne keinen erwachsenen Amerikaner oder Engländer, der seine Reden derart hastig abspult. Das dann auch noch in der Mehrheit der Fälle unterlegt mit taubmachender Rockmusik... Wer soll da noch was mitkriegen? Das Ganze scheint mir ein Regiefehler zu sein. Die Regie hätte nicht auf Eisenbergs Stil eingehen müssen. Dass Mark Zuckerberg derart rasend dachte und alle abhängte, hätte sich auch anders darstellen alssen, als dass der ganze Film ein derartiges verbales Gerase entwickelt.
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