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Soderberghs "Behind The Candelabra": Showkönig trifft Sahnehintern

Foto: Festival de Cannes

Soderberghs grandioser Liberace-Film Schwul steht ihm gut

Klingt wie ein Witz, ist aber keiner: In "Behind the Candelabra" brilliert Michael Douglas als US-Entertainer Liberace, der bei allem Exzess nie die Courage für ein Coming-out fand. Dem Altstar gelingt die einfühlsamste Rolle seiner Karriere. Und Steven Soderbergh endlich wieder ein exzellenter Film.

Manche Filme scheinen über so perfektes Timing zu verfügen, dass man kaum an Zufall glauben mag. Und dennoch: Die Idee, einen Film über den amerikanischen Hausfrauenschwarm und Las-Vegas-Superstar Liberace zu drehen, kam Steven Soderbergh bereits vor 13 Jahren am Set von "Traffic". Schon damals fragte er Michael Douglas, ob er sich vorstellen könne, den Entertainer zu verkörpern. Douglas, so erzählte er am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Cannes, dachte zunächst, Soderbergh wolle ihn veräppeln.

Keineswegs. Aus einer Eingebung "aus heiterem Himmel", wie Soderbergh sagt, ist nun tatsächlich ein Film geworden, und Michael Douglas spielt darin eine der stärksten Rollen seines Lebens. Beim Festival in Cannes läuft "Behind the Candelabra" im Wettbewerb um die Goldene Palme. Europaweit kommt das gelungene Biopic in die Kinos, in den USA jedoch zunächst nur im Fernsehen. Denn produziert wurde der Film vom Kabelsender HBO ("The Wire").

Soderbergh kann sich keinen PR-trächtigeren Einstieg in sein selbstverordnetes Sabbatical wünschen als einen Film, der mit einem solchen Thema Aufsehen erregt und Oscar-reife Schauspielerleistungen zu bieten hat. Er fühle sich, als hätte sich mit "Behind the Candelabra" eine Klammer geschlossen, sagte der Regisseur. Wie sein ebenfalls in Cannes gezeigtes und bejubeltes Debüt "Sex, Lügen und Video" handele auch dieser Film von "zwei Leuten in einem Zimmer". In diesem Fall von Liberace und dessen Langzeit-Lover Scott Thorson.

Tatsächlich verzichten Soderbergh und Drehbuch-Autor Richard LaGravenese ("König der Fischer") zum großen Teil darauf, die Glitzerwelt abzubilden, die "Mr. Showmanship" Liberace um sich herum errichtete. Sie entwerfen stattdessen ein intensives Kammerspiel. Denn während Liberace bis zu seinem Aids-Tod 1986 aller Welt vorgaukelte, er sei heterosexuell, lebte er das Leben eines schwulen Verführers mit besonderer Vorliebe für sehr junge Männer.

Eifersucht, Hüttenkoller und Eitelkeiten

Einer dieser Jungs ist Thorson, ein bisexueller Waisenjunge, der im Alter von 16 Jahren mit "Lee" bekanntgemacht wird. Zunächst scheint der blond-naive Sahnehintern (Matt Damon mit eindrucksvoller Physis) nur ein weiteres Spielzeug für den Showman zu sein, das entsorgt wird, wenn das nächste attraktive Bürschchen auftaucht. Doch zwischen den beiden entwickelt sich eine enge, sechs Jahre währende Beziehung, die Liberace einmal als Liebe seines Lebens bezeichnete. Thorson, auf dessen gleichnamigen Memoiren der Film basiert, beschrieb es etwas nüchterner: "Es war wie eine Vater-Sohn-Beziehung, aber wir hatten Sex."

Liberace, in den fünfziger Jahren mit einer erfolgreichen TV-Show zum Star geworden, verfügte Ende der Siebziger über ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar. Der Wegbereiter von Pop-Paradiesvögeln wie Elton John und Lady Gaga besaß mehrere Rolls-Royce-Limousinen und 39 Flügel, einer davon komplett verspiegelt. Auf die Bühne trat er im 750.000 Dollar teuren weißen Hermelin samt langer Schleppe, in die 100.000 Bernsteine eingenäht waren. Sein Markenzeichen: ein goldener Kandelaber mit echten Kerzen auf dem Piano. Gegen Liberaces irrsinnig überblasene Auftritte waren die späten Extravaganzen Elvis Presleys ein Witz. Er konnte sich alles leisten: von Penisimplantaten, um seine Sexsucht auch im Alter zu stillen, bis hin zu Schönheitsoperationen, die damals selbst in Hollywood noch nicht alltäglich waren.

Und doch lebte diese schillernde Figur ein Leben in the closet. Denn ein Coming-out wäre, so fürchtete Liberace, angesichts der Moralvorstellungen seines Publikums gleichbedeutend mit Karriere-Selbstmord. So lebten Lee und Scott zeitweise wie ein altes Ehepaar, das sich aneinander gewöhnt hat, nicht mehr das Haus verlässt und vor dem Fernseher fett wird. Genau diese Szene, nicht der spektakuläre Kuss zwischen Douglas und Damon, ist die schönste in "Behind the Candelabra": wie zwei von der Gesellschaft Ausgegrenzte aneinandergekuschelt Wärme und Geborgenheit finden, Thorson Popcorn mampfend in gestreiften Shorts, die Beine gemütlich über den Schoß seines väterlichen Liebhabers gelegt. Die Symbiose geht so weit, dass sich Thorson kosmetisch zum jungen Ebenbild Liberaces ummodeln lässt, der seinen Beau wiederum adoptieren will, um ihm sein Vermögen zu vermachen und ihm Sicherheit zu geben.

Das Idyll währt jedoch nicht lange. Eifersucht, Hüttenkoller, Eitelkeiten und Thorsons fortschreitende Drogensucht zerfressen das schwule Glück. Es ist Soderberghs sensibler Regie und den beherzten Darstellungen von Douglas und Damon zu verdanken, dass "Behind the Candelabra", obschon streckenweise hochkomisch, nicht zur hysterischen "Käfig voller Narren"-Travestie verkommt, sondern ruhig und konzentriert eine tragisch-faszinierende Lovestory erzählt.

Man vergisst nie wirklich, dass es Douglas ist, der den im echten Leben wuchtigeren, fleischigeren Liberace mit akribisch verstellter Stimme verkörpert. Aber man ist froh, dass es nicht Robin Williams geworden ist, der einst auch für die Rolle im Gespräch war: Eine auch nur ansatzweise tuntige Mrs.-Doubtfire-Knallchargerie wäre hier unangebracht gewesen. Douglas hingegen findet den richtigen Ton und die richtige Balance für diesen körperlich wie psychisch schwierigen Auftritt.

Auf der Pressekonferenz in Cannes gab sich der 69-Jährige kurz gerührt und kämpfte mit den Tränen, als er erzählte, wie glücklich er gewesen sei, nach Überwindung seiner Krebserkrankung eine solche Chance erhalten zu haben. Tragisch: Sein grandioser Liberace wird ihm vermutlich keinen dritten Oscar einbringen, es sei denn, HBO entscheidet sich gegen jede Wahrscheinlichkeit, "Behind the Candelabra" auch in den Staaten ins Kino zu bringen.

Verdient hätte er die große Leinwand jedenfalls mehr als so manches hingehudelt wirkende Soderbergh-Werk der vergangenen Jahre.

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