Sophie Marceau in Sterbehilfe-Drama »Ich sehe mich als Anwältin, nicht als Richterin«

Im neuen Film von Regisseur François Ozon beeindruckt Sophie Marceau als Charakterdarstellerin – ein weiter Weg vom Teeniestar in den Achtzigern. Welche Strategien leiteten Sie dabei?
Ein Interview von Felix Bayer
Sophie Marceau bei der Premiere von »Alles ist gutgegangen« in Cannes: »Ich halte es mit Epiktet«

Sophie Marceau bei der Premiere von »Alles ist gutgegangen« in Cannes: »Ich halte es mit Epiktet«

Foto: Valery Hache / AFP

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SPIEGEL: Ihre Schauspielkarriere hat 1980 begonnen. Haben Sie in dieser langen Zeit eine Methode entwickelt, wie Sie Ihre Rollen auswählen?

Marceau: Nein, ich habe keine Strategie. Ich lese das Buch und mag es oder nicht. Manchmal möchte ich jemandem helfen, aber da bin ich nicht gut darin, fürchte ich. Es kommt also aufs Drehbuch an. Aber da bin ich auch nicht rational. Grundsätzlich mag ich Herausforderungen.

Zur Person
Foto: Beatriz Velasco / Getty Images

Sophie Marceau, 55, heißt eigentlich Sophie Maupu. Den Nachnamen änderte die Französin, als sie mit 13 Jahren die Hauptrolle der Schülerin Vic in »La Boum« spielte. Die romantische Teenager-Komödie machte sie schlagartig zum Star. Nach nur einer Fortsetzung trat sie in anspruchsvolleren Rollen auf, mehrfach auch in Filmen ihres deutlich älteren Ehemannes Andrzej Zulawski. In den Neunzigerjahren war sie auch in internationalen Großproduktionen wie »Braveheart« von Mel Gibson oder dem James-Bond-Film »Die Welt ist nicht genug« zu sehen. Zuletzt lag ihr Schwerpunkt aber wieder in Frankreich, wo sie ungebrochen populär ist. Seit 2002 hat sie bei mehreren Filmen auch Regie geführt.

SPIEGEL: Es ergibt sich also aus der Abfolge der Rollen keine Erzählung für Sie? Mit langen Linien und Brüchen?

Marceau: Was wären denn die Linien?

SPIEGEL: Zum Beispiel gab es eine Phase, in der Sie sehr viele Historienfilme gemacht haben.

Marceau: Ah, das stimmt. Leider wurden irgendwann kaum mehr Kostümfilme gedreht in Frankreich. Vielleicht wird es jetzt wieder mehr, bei den Streamingdiensten.

SPIEGEL: Und die Plot-Twists in Ihrer Karriereerzählung? Dass Sie kein »La Boum 3« drehen wollten etwa?

Marceau: Ich hatte schon damals den Instinkt, mich nicht zu sehr langweilen zu wollen.

SPIEGEL: Zuletzt haben Sie 2018 selbst Regie geführt – jetzt kommen Sie zurück unter der Regie eines so berühmten Filmemachers wie François Ozon. Ein bewusster Bruch?

Marceau: Ich wollte damals eigentlich nicht mehr als Schauspielerin arbeiten. Dann bekam ich das Geld zusammen für den Film, bei dem ich Regie führen wollte. Und habe es also gemacht. Danach kamen länger keine interessanten Angebote. Erst ein anderer Film, der noch nicht raus ist, brachte mir die Lust zurück. Und dann fragte François.

SPIEGEL: Es heißt, Ozon habe schon zweimal zuvor versucht, Sie zu besetzen?

Marceau: Wissen Sie, ein Film ist eine Kreuzung von vielen Dingen. Es muss zu einer bestimmten Zeit zwischen den richtigen Leuten passen. François und ich suchten schon lange nach etwas, das für uns beide passen würde. Dabei mag ich besonders die von seinen Filmen, die er nicht so mag. So wie »Angel« zum Beispiel.

SPIEGEL: Was haben Sie von ihm erwartet?

Marceau: Er ist ein sehr genauer Beobachter. Das gefällt einem als Schauspielerin, wenn der Regisseur sehr direkt mit einem arbeitet. Er ist sehr präzise, sehr schnell, ungeduldig – das mag ich auch. Er ist ein Anführer.

SPIEGEL: Aber eine Eigenschaft fehlt ihm doch: Sie haben mal gesagt, jeder Regisseur sollte wenigstens einmal als Schauspieler gearbeitet haben.

Marceau: Oh ja, davon bin ich überzeugt! Manche Regisseure scheuchen die Schauspieler herum als wären sie Hunde. Das macht Schauspieler wiederum irre.

SPIEGEL: Und umgekehrt? Hat ihnen die Arbeit als Regisseurin geholfen, eine bessere Schauspielerin zu sein?

Marceau: Nein, ich glaube nicht, dass es verändert hat, wie ich spiele. Aber ich bin jetzt toleranter mit Regisseuren. Mir ist klarer, dass nicht nur ich es bin, die die Geschichte voranbringt, sondern auch wie die Kamera sich bewegt oder das Licht gesetzt ist. Die Regisseure haben das große Ganze im Blick, und ich habe gelernt, ihnen zu vertrauen.

Marceau als Emmanuèle in »Alles ist gutgegangen«: »Muss sie verstehen, sonst kann ich sie nicht spielen«

Marceau als Emmanuèle in »Alles ist gutgegangen«: »Muss sie verstehen, sonst kann ich sie nicht spielen«

Foto: Wildbunch

SPIEGEL: Hat es für »Alles ist gutgegangen«, einen Film über Sterbehilfe, eine Rolle gespielt, dass Sie in Ihrem Leben zuletzt mit Todesfällen konfrontiert wurden? Ihr Vater ist gestorben, Ihr Ex-Mann und Vater Ihres Sohnes.

Marceau: Nein, ich bin einfach in einem Alter inzwischen, in dem mehr Menschen um einen herum sterben. Und dann ist es naheliegend, dass ich Rollen bekomme, in denen das auch ein Thema ist. Aber alles im Leben kann eine Lehre sein. Deswegen interessiere ich mich so für die Psychologie der Menschen. Anthropologie, Philosophie, Körpersprache, das ist alles so interessant. Deswegen mache ich diesen Job wohl.

SPIEGEL: Das ist eine Voraussetzung, um Schauspielerin zu sein?

Marceau: Und zu beobachten, zuzuhören. Das machen Erwachsene nämlich oft nicht mehr. Sie reden über sich selbst. Zum Beispiel im Flugzeug heute, das war so typisch: Der Steward erkannte François Ozon und sagte: »Ah, ich habe eine Freundin, die in Ihrem letzten Film mitgespielt hat. Ich habe gerade neulich mit ihr zu Mittag gegessen« – er sprach nur von sich selbst. Anders die Kinder: Wir denken, die machen etwas ganz anderes – aber sie hören die ganze Zeit zu, sie nehmen alles in sich auf.

»Alles ist gutgegangen« – der Film
Foto: Wildbunch

Die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Bestsellers von Emmanuèle Bernheim erzählt die Geschichte von Emmanuèles Vater (André Dussollier), der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Der gerade eben noch umtriebige Kunsthändler bittet seine ältere Tochter (Sophie Marceau) darum, ihm Sterbehilfe zukommen zu lassen. Sie kontaktiert ein Schweizer Institut, dessen Repräsentantin von Hanna Schygulla mit eigenartig leuchtender Würde spielt. Eine andere starke Nebenrolle, die von Emmanuèles kranker Mutter, hat Regisseur François Ozon mit Charlotte Rampling besetzt. »Alles ist gutgegangen« behandelt das existenzielle Thema mit erstaunlicher Nonchalance, ohne unernst zu sein. Immer wieder kontrastiert Ozon den Tod mit dem Alltag seiner Hauptfigur Emmanuèle, einer mitten im Leben stehenden Frau.

SPIEGEL: Der Film stellt viele schwerwiegende Fragen über den Tod und lässt den Zuschauer damit zurück, sie für sich selbst zu beantworten. Sie haben sich natürlich noch länger damit befasst – sind Sie für sich zu Schlussfolgerungen gekommen? Ist es das Richtige, was der Vater will? Dass seine Tochter für ihn die Sterbehilfe organisieren soll?

Marceau: Das ist für jede und jeden eine ganz persönliche Entscheidung. Aber das Wichtige ist, darüber zu reden. Denn wir neigen dazu, den Tod zu leugnen. Selbst wenn jemand im Sterben liegt. Die Gesellschaft lässt uns glauben, dass wir unsterblich sind, unendlich jung, unendlich glücklich. Denn wer glücklich ist, konsumiert auch mehr. Der Tod auf der anderen Seite wird genutzt, um Menschen Angst zu machen. Religion gab wenigstens eine halbe Antwort darauf, was kommt. Heute haben wir keine mehr. Also ist es wichtig, darüber zu reden. Die Gefühle bleiben ja da, und man sollte sich auch nicht vor seinen Gefühlen fürchten.

SPIEGEL: Aus Ihrer Sicht gibt der Film auch keine eindeutige Antwort?

Marceau: Ich glaube nicht, dass François sich in diesem Film für eine politische Position entschieden hat – was er in anderen Filmen ja durchaus tat. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte, es gibt ein Buch darüber. Der Mann entschied sich damals so. Wir machen keine allgemeine Lehre daraus. Es ist sehr persönlich. Manche Leute wollen die Entscheidung treffen. Die meisten wollen nicht entscheiden, sie lassen das Schicksal seinen Gang gehen. Aber es ist sehr wichtig, darüber zu reden, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.

SPIEGEL: Gab es Situationen, in denen Sie dachten: Ich hätte anders gehandelt als die Person, die Sie im Film spielen, Emmanuèle Bernheim?

Marceau: Ich verstehe sie. Sonst hätte ich sie nicht spielen können. Stimme ich ihr zu? Ich weiß nicht, das ist meine Sache, nicht wahr? Aber ich muss verstehen, wen ich spiele, selbst wenn es ein Serienmörder ist. Ich vergleiche das mit einem Anwalt. Ich bin kein Richter. Unsere Aufgabe ist es, alle Farben des menschlichen Lebens zu zeigen. Bei Emmanuèle habe ich ihre Zweifel verstanden, den Respekt vor ihrem Vater, ihren Opferwillen. Ich mag diese Figur.

SPIEGEL: Das Gute an dieser Haltung ist: Man muss nicht alle anderen Personen auch verstehen.

Marceau: Genau. Mein Vater in dem Film zum Beispiel. Er ist politisch inkorrekt, ein Freigeist, ein Manipulator. Solche Charaktere sind so großartig: Er bringt uns zum Lachen, er schockiert uns. Das ist eine gute Sache. Denn es fällt ihm auf diese Weise nicht schwer, über den Tod zu reden.

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SPIEGEL: Viel schwerer, viel tastender kommt ein Dokumentarfilm über Emmanuèle Bernheim daher, »Être vivant et le savoir« von Alain Cavalier; er sollte auch ursprünglich Bernheims autobiografischen Roman »Alles ist gutgegangen« verfilmen. Kannten Sie sie?

Marceau: Nein, nicht persönlich. François Ozon kannte Bernheim sehr gut, er hat ja mehrfach mit ihr als Drehbuchautorin gearbeitet. Ich habe ihr Buch gelesen und auch das von Serge Toubiana, ihrem Ehemann (»Les bouees jaunes«). Daraus habe ich gelernt, dass sie eine sehr freigebige Person war. Deswegen bat sie ihr Vater wohl auch darum. Es ist meine Arbeit, wie eine Polizistin die Psychologie dieser Person zu erforschen. Um so etwas wie ein Bild zu malen. Aber dann ist es auch ein Film, und der Film entwickelt seine Realität. Wir haben versucht, möglichst nah an ihr zu bleiben, ihre Bescheidenheit, ihren Mangel an Drama zu zeigen.

SPIEGEL: Und doch sagt Ozon, er sähe den Film auch als eine Art Dokumentation über Sie, so wie es »Unter dem Sand« über Charlotte Rampling gewesen sei. Was würden Sie sagen, was dieser Film über Sie, Sophie Marceau, enthüllt?

Marceau: Ich weiß nicht, warum er das gesagt hat. Kinokarten verkaufen? Ozon ist sehr neugierig. Es ist das erste Mal, dass wir zusammen gearbeitet haben. Der Film ist relativ bescheiden. Eigentlich ist die Hauptfigur der Vater. Emmanuèle ist eine recht introvertierte Person, er wollte ihr sehr nahekommen. Ich glaube, darum ging es François: in ihren Kopf hineinzukommen. Er ist mir nahegekommen, um Emmanuèle nahezukommen. Deswegen zeigt er auch so viele Details. Ist es nötig, jemanden zu zeigen, der seine Kontaktlinse austauscht? Ja, weil ihr Bezug zu Tod und Leben gezeigt werden soll.

SPIEGEL: Ja, die Kontaktlinsen sind unbedingt nötig, denn es geht in dem Film ja auch um Menschen in der Mitte ihres Lebens. Um Menschen, die auch schon mehr als die Hälfte des Lebenswegs zurückgelegt haben. Da ist der Film sehr realistisch. War Ihnen das auch wichtig?

Marceau: Ja, der Film ist sehr realistisch. Und zugleich rennen wir auch rum und verstecken uns vor der Polizei. Ich erinnere mich an die Lesungen zu Anfang, noch vor den Dreharbeiten. Da habe ich Druck gemacht, wollte etwas psychologischer werden. Und François sagte: Nein, nein, lass uns bei den Fakten bleiben!

SPIEGEL: Als Sie jünger waren, war es damals auch wichtig für Sie, Figuren zu spielen, die zu dem Alter passten, das Sie gerade hatten?

Marceau: Wahrscheinlich schon. Ich weiß nicht, ob ich so war wie die Figuren, aber sie waren so wie ich gern gewesen wäre: Starke Frauen mit Ideen, die sich nicht treiben lassen. Sehr unabhängig.

SPIEGEL: Gibt es Rollen, über die Sie von heute aus sagen, wenn ich heute in dem Alter wäre, würde ich die nicht spielen?

Marceau: Nein, ich halte es mit Epiktet, dem Philosophen. Er sagt: Wenn du etwas beeinflussen kannst, tu es. Wenn du es nicht beeinflussen kannst, warum solltest du damit deine Zeit vergeuden? Natürlich kann man aus der Vergangenheit lernen. Aber ob ich 16, 25 oder 32 war: Ich habe immer mein Bestes gegeben. Es waren verwirrende Zeiten, ich wusste manchmal nicht, was ich tun soll. Und vielleicht war ich nicht immer die Beste. Aber ich habe immer versucht, mein Bestes zu geben.

Dreams are my reality: Sophie Marceau engtanzt sich zum Star in »La Boum - die Fete« (1980)

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Foto: ddp images

SPIEGEL: Sie sagten einmal, es sei ein Paradox, dass Sie in Frankreich so populär sind, weil Sie die Leute an ihre Jugend erinnern, während Sie keine Jugend hatten zu der Zeit. Weil Sie hart arbeiteten, Ihr Bestes gaben, wie Sie sagen?

Marceau: Aber nicht, weil ich hart gearbeitet habe, sondern weil ich berühmt wurde. Ich hatte nicht genug Zeit davor, um mir ein Leben aufzubauen. Ich war 13. Meine Eltern zogen oft um, ich hatte keine Freunde. Und dann wurde ich berühmt, wechselte die Schule, konnte mich nirgends festhalten.

SPIEGEL: Wie haben Sie die Zeit überstanden?

Marceau: Ich entschied mich, nicht darin unterzugehen. Ich hörte nicht auf zu arbeiten, aber ich zog mich ein wenig heraus, um an mir selbst zu arbeiten. Um mich zu bilden, zu lernen, zu lesen. Damit opferte ich etwas von meiner Jugend, ja, gewiss. Aber ich war nicht stark genug. Wenn ich mich nicht etwas herausgezogen hätte, wäre ich von dem ganzen System aufgefressen worden, wäre jemand anderes geworden. Es ist sehr schwierig, und ich habe gute Instinkte. Einen Überlebensinstinkt.

SPIEGEL: Auch in Frankreich gab es im Zuge von Harvey Weinstein und der #metoo-Bewegung Enthüllungen. Wie haben Sie darauf reagiert? Wie war das für Sie? Hat Sie Ihr früher Ruhm in irgendeiner Form beschützt vor Übergriffen?

Marceau: Absolut nicht! Mir ging es wie jeder Frau. Nennen Sie mir eine Frau, die nicht in irgendeiner Form belästigt worden ist! Es ist traurig, das sagen zu müssen – aber wenigstens reden wir darüber. Wer auch immer darüber reden will, sollte es tun! Das ist toll und eine historische Errungenschaft. Vielleicht ist #metoo manchmal zu radikal oder unfair – aber ich werde nicht heulen deswegen! Wir haben jahrhundertelang geweint. Ich finde es genial. Jetzt ist es noch ganz neu, und die ganze Gesellschaft – Männer wie Frauen müssen anders denken. Aber es wird irgendwann normal werden.

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