"Soul Kitchen"-Regisseur Fatih Akin "Ich hatte Bock zu lachen"

Fatih Akins neuer Film ist ein Wagnis: "Soul Kitchen" ist seine erste große Komödie. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Regisseur über den Stress, einen lustigen Heimatfilm zu drehen, plötzlichen Weltruhm und die Fehler Hamburgs.
Regisseur Akin: "Mensch, ich hab' eine Komödie!"

Regisseur Akin: "Mensch, ich hab' eine Komödie!"

Foto: Ingo Wagner/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Akin, "Soul Kitchen" ist Ihr erster Heimatfilm. Hatten Sie keine Lust mehr, trübsinnige Autorenfilme zu machen?

Akin: Ein bisschen so war es schon. Als am Ende der Dreharbeiten von "Auf der anderen Seite" Andreas Thiel starb, mit dem ich die Produktionsfirma corazón gegründet habe, dachte ich: Das Leben kann doch nicht nur aus Trübsal bestehen. Andreas wollte immer, dass ich "Soul Kitchen" mache. Er sagte: Ist doch egal, was die Leute sagen! Das denke ich heute auch. Der dritte Teil der "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie, an dem ich gerade arbeite, wird auch wieder heftig. Und ich dachte, bevor es jetzt hier wieder um den Ernst des Lebens geht, mache ich mal was Leichtes. "Soul Kitchen" zu drehen, war zwar sehr schwer, aber der Film hat mir bestimmt fünf Jahre Lebenskraft geschenkt.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie im dritten Teil der Trilogie wieder zur deutsch-türkischen Thematik zurückkehren?

Akin: Beim "Teufel" geht es um das Böse in einem selbst. Es soll ein Film über das eigene Ego werden, mit dem man nicht klarkommt. Ich werde versuchen, einen biografischen, ganz persönlichen Zugang dazu zu finden, jenseits der ganzen deutsch-türkischen Sache. Selbst wenn sie drin vorkommen sollte, werde ich versuchen, sie zu kaschieren.

Fotostrecke

"Soul Kitchen": Schnell und musikalisch

Foto: ASSOCIATED PRESS/ Andrew Medichini

SPIEGEL ONLINE: Warum denn das?

Akin: Das Deutsch-Türkische war bei meinen Filmen immer ein Rahmen, in dem letztlich das Gemälde drin ist. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Aufmerksamkeit bei dieser Thematik immer mehr auf den Rahmen fällt als auf das Bild. Also muss ich mich wohl bemühen, andere Symbole zu finden, damit ich nicht nur wieder auf das Deutsch-Türkische festgenagelt werde. "Soul Kitchen" ist vielleicht der erste Film in diese Richtung, weil er mich völlig frei davon macht.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn so schwierig daran, "Soul Kitchen" zu machen? Hatten Sie Angst, Sie könnten an einer Komödie scheitern?

Akin: Ja, total. Ich habe ganz lange gehadert und den Film lange nicht machen wollen, weil ich gar nicht wusste: Was hab' ich eigentlich für einen Humor? Finden die Leute überhaupt witzig, was ich witzig finde? Viele Leute haben gefragt, ob ich das wirklich Komödie nennen will, ich sei doch kein Komödienmensch, und so weiter. Zu Anfang war ich so verzweifelt, dass ich erstmal bei Wikipedia geguckt habe, was eine Komödie ist. Da stand: "Ein Drama mit positivem Ausgang." Hab ich, dachte ich, geht alles gut aus! Und: "Der Held hat ein Leiden, worüber sich der Zuschauer amüsiert." Hab ich doch auch! Der Held hat einen Bandscheibenvorfall. Also sagte ich mir: Mensch, ich hab' eine Komödie!

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Filmfestival in Venedig wurde "Soul Kitchen" bejubelt, Sie gewannen sogar den Spezialpreis der Jury. Auch in Toronto war der Film ein Erfolg vor internationalem Publikum. Beruhigt Sie das ein bisschen?

Akin: Klar, ich habe ja durch die schweren Dinger, "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite", viel internationalen Erfolg gehabt. Und wenn du erstmal ein bestimmtes Level erreicht hast, dann willst du da nicht wieder runter. Aber du willst auch weiterhin machen, was du selbst gern möchtest - und nicht irgendeine Erwartungshaltung erfüllen. Das war meine persönliche Hauptmotivation, jetzt "Soul Kitchen" zu drehen: Ich hatte Bock, eine Komödie zu machen, ich hatte Bock zu lachen. Und wenn die Leute den Film auch noch mögen, freut mich das natürlich total.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Erwartungshaltung, was für ein Druck ist das, ein gefeierter Autorenfilmer zu sein, der die großen Festivals bespielt?

Akin: Das ist ein bisschen wie beim Fußball. Wenn du Bayern München bist und gewinnst die Meisterschaft, dann geht darunter nichts mehr. Im größeren Zusammenhang: Bei "Gegen die Wand" habe ich auch einfach gemacht, worauf ich Bock hatte, es ging nicht darum, den Goldenen Bären zu gewinnen oder internationales Renommee aufzubauen. Das kam dann zusätzlich und war natürlich auch schön. Danach fing dieser Druck an, das alles auch halten zu wollen: Du hast die Champions League erreicht, und da willst du bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftliche Überlegungen spielen dabei keine eine Rolle?

"Wir brauchen kein Wachstum, sondern einen funktionierenden Sozialstaat"

Akin: Sicher. Der Weltvertrieb zum Beispiel. Alleine in Deutschland machen meine Filme keinen großen Gewinn. Ich mache keinen Verlust, aber das ist nicht wie bei "Männerherzen" oder "Keinohrhasen". Wir haben meistens eine halbe Million Zuschauer, große Sprünge machen kann man damit nicht. Es geht ja nicht darum, dicke Autos oder Häuser zu kaufen, sondern darum, die Firma am Laufen zu halten. Dafür brauche ich das Ausland. "Auf der anderen Seite" hat in Frankreich genauso viel eingespielt wie in Deutschland - auf einmal ist das ein Markt. Auch daher rührte meine zögerliche Haltung "Soul Kitchen" gegenüber. Ich hatte das Gefühl, der Film funktioniert vielleicht nicht außerhalb Deutschlands.

SPIEGEL ONLINE: Von "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" haben Sie einmal gesagt, die Geschichten seien so universell, dass sie überall auf der Welt spielen könnten. "Soul Kitchen" ist sehr auf Hamburg zugeschnitten, aus internationaler Sicht also tatsächlich ein Wagnis. Warum musste Ihre erste Komödie auch gleichzeitig ein Heimatfilm sein?

Akin: Es ist vielleicht gar nicht mein erster Heimatfilm, es gibt da eine Verbindung zu "Kurz und schmerzlos", der in Altona spielt, kurz bevor es zur Boomtown wurde. Altona ist mein Viertel, also ist die Videothek im Film dann halt die Videothek, wo ich immer hingehe, und der Lessing-Tunnel, der im Film vorkommt, liegt auf dem Weg zu mir nach Hause. Bei "Soul Kitchen" hatte ich die Sehnsucht, Hamburg ganz ins Zentrum zu rücken. In den vergangenen Jahren gab es ja so eine Art Korrespondenz zwischen mir und der Presse über meine Filme und über die Frage, wo ich denn nun eigentlich hingehöre. Diesen Dialog setzt "Soul Kitchen" fort. Der Film setzt einen Akzent, vielleicht sogar eine Zäsur.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Akin: Normalerweise verlassen meine Charaktere das Land, um von außen auf ihr Leben zu gucken und sich zu finden. In "Soul Kitchen" bleibt der Held zu Hause. Adams Freundin verlässt zwar das Land, aber er selbst bleibt da. Viele Regisseure sagen, man macht eigentlich immer denselben Film. Natürlich bemühe ich mich, dieser These zu widersprechen. Aber vielleicht gibt es da tatsächlich ein übergreifendes Thema: Der Held in "Soul Kitchen" muss nicht mehr herausfinden, wo er hingehört, diese Suche ist mit "Auf der anderen Seite" zu Ende erzählt. Meine Figuren laufen jetzt nicht mehr weg, sondern verteidigen, was hier ist. In "Soul Kitchen" wehren sie sich zum Beispiel gegen die neoliberalen Kräfte in der Stadt.

SPIEGEL ONLINE: So politisch wirkt der Film gar nicht. Soll man "Soul Kitchen" etwa als Manifest gegen den städtebaulichen Umbruch lesen, der in Hamburg herrscht und zu Protestaktionen wie zuletzt im besetzten Gängeviertel führt?

Fotostrecke

"Soul Kitchen": Schnell und musikalisch

Foto: ASSOCIATED PRESS/ Andrew Medichini

Akin: Nein, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wie sich die Stadt verändert. Ob Gängeviertel oder alte Kontorhäuser, alles soll einfach abgerissen werden. Nicht weil die Bausubstanz schlecht ist, es geht nur um Profit. Das ist der falsche Weg! Architektur ist immer auch ein Ausdruck der Menschen, die in der Stadt leben. Wie können wir denn eine verantwortungsbewusste Gesellschaft werden, die ältere Menschen respektiert, wenn wir die Zeugnisse unserer Eltern einfach abreißen? Das führt dann dazu, dass wir sagen: Ab 65 bringst Du keine Leistung mehr, also zahl' ich deine Krankenversicherung nicht mehr und lasse dich sterben. So ähnlich ist das mit den Gebäuden auch.

SPIEGEL ONLINE: So wütend, wie Sie werden, scheint Sie das alles auch ganz persönlich zu betreffen.

Akin: Es gibt in "Soul Kitchen" eine Szene, die im Mojo-Club spielt, diesem legendären Club an der Reeperbahn, kurz bevor sie ihn wirklich endgültig zugemacht haben. Was hab ich da für Partys gefeiert! Schlüsselmomente meines Lebens habe ich da erlebt, Prince habe ich da mal kennengelernt. Und den Club gibt's jetzt einfach nicht mehr! Auch viele Kneipen wird es bald nicht mehr geben, und aus dem Laden, der als "Soul Kitchen" diente, wird ein Parkplatz. Wir haben bewusst Drehorte ausgesucht, die wir festhalten wollten.

SPIEGEL ONLINE: Alles schön nostalgisch, wie es sich für einen Heimatfilm gehört.

Akin: Sentimental sicher, nostalgisch weiß ich nicht. Der Film handelt ja auch von einer Art Partykultur, vom Ausgehen und Spaßhaben. Das geht nur bis zu einem bestimmten Alter. Heute gehe ich auf Elektropartys und bin der Älteste! Irgendwie ist "Soul Kitchen" also auch ein persönlicher Abschied von einem Lebensstil. Filmpartys wird es immer geben, aber Clubkultur und so, das ist durch für mich - und das muss es auch so langsam. Ich hab' da auch keinen Bock mehr drauf. Ich lege gern noch mal in einer Kneipe Platten auf, aber richtiges Nachtleben muss nicht mehr sein.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Heimatstadtteil Altona rebelliert gerade eine Künstlergruppe gegen den Neubau eines Ikea-Kaufhauses in einer etwas heruntergekommenen Einkaufszone. Sie unterstützen den Protest. Worum geht es Ihnen dabei?

Akin: In der Großen Bergstraße gibt's doch genug Geschäfte! Glauben Sie etwa, der Döner-Mann um die Ecke hat dadurch einen Gewinn, dass die da Ikea hinsetzen? Die bauen doch eine Stadt in der Stadt: Die Leute fahren mit ihrem Auto ins Parkhaus, kaufen ein, essen ihre Hackbällchen und fahren wieder weg. Und die Einzelhändler gucken dumm aus der Wäsche. Das einzige, was passieren wird, ist, dass die Immobilienhändler die Mieten erhöhen. Und dann fliegen alle kleinen Händler raus.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dagegen zu sagen, wenn die Gegend durch ein paar neue Geschäfte und ein neues Publikum aufgewertet wird?

Akin: Wer sagt denn eigentlich, dass die Einkaufszone nicht belebt ist? Sie können da in vielen kleinen Geschäften einkaufen. In Ottensen zum Beispiel, gleich nebenan, kann man sich ansehen, wie eine sogenannte Aufwertung aussieht: Da gibt es von 20 türkischen Gemüsehändlern nur noch zwei. Stattdessen überall schicke Sushi-Läden, Bars und Kneipen, Balzac und Starbucks. Niemand braucht das. Aber unsere Gesellschaft ist ja nur auf Wachstum, Wachstum, Wachstum ausgerichtet. Und wir lernen nicht! Wir brauchen kein Wachstum, sondern einen funktionierenden Sozialstaat.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Hamburg dem denn Einhalt gebieten?

Akin: Man müsste mehr Stiftungen gründen, die solche alten Gebäude erhalten. Davon gibt es viel zu wenig in der Stadt, obwohl alles voller Millionäre ist. Wir haben das Gängeviertel in "Soul Kitchen" ganz bewusst als Kulisse für Adams Wohnung gewählt. Wir wollten nicht, das er aus Altona kommt oder einem anderen Stadtteil, wir wollten einen neutralen Hintergrund, keine Ghetto-Folklore. Er sollte ein Gesamthamburger sein, deshalb haben wir ihn mitten in der Innenstadt angesiedelt. Das Gängeviertel war ideal: Schöne alte Gebäude und drumherum neue Stahl- und Glasdinger. Das repräsentiert auch die Figur Adam: Er ist derjenige, der sich gegen den Wandel sträubt, der das alles nicht mitmacht.

Das Interview führte Andreas Borcholte

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.