"Source Code"-Regisseur Jones "Man muss Geld mit dir verdienen können"

Mit seinem Science-Fiction-Film "Moon" wurde er zum Hoffnungsträger Hollywoods, jetzt legt er mit dem Action-Thriller "Source Code" nach: Im Interview erklärt Regisseur Duncan Jones, warum auch intelligentes Kino Kasse machen muss und warum sein Vater David Bowie nicht immer gute Ratschläge gibt.
Regisseur Jones: "Ich habe versucht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen"

Regisseur Jones: "Ich habe versucht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen"

Foto: Kinowelt

SPIEGEL ONLINE: Mister Jones, in Ihrem Debüt-Film "Moon" geht es um einen einsamen Astronauten, der sich mit Fragen nach Identität und freiem Willen quält. In "Source Code" gerät ein Soldat in eine ganz ähnliche Situation. Wollten Sie das gleiche Thema noch einmal anders erzählen?

Jones: Nein, ich habe das Buch ja diesmal nicht selbst geschrieben. Jake Gyllenhaal, mein Hauptdarsteller, ist schuld: Er ist ein großer Fan von "Moon" und war derjenige, der mir das Skript zu "Source Code" als Erster zu lesen gab. Ich habe darin zunächst nur die enormen Möglichkeiten im Gegensatz zu "Moon" gesehen: ein Thriller mit viel Action und einer Liebesgeschichte, noch dazu mit mehr als nur einem Schauspieler! Vielleicht sind mir die Ähnlichkeiten im Stoff unterbewusst aufgefallen, ich bin aber sicher, dass Jake sie wahrgenommen hat und er genau deshalb gedacht hat, es wäre ein Film, der mich interessieren könnte. Ich habe die Parallelen allen Ernstes erst im Schnitt gemerkt.

SPIEGEL ONLINE: Das überrascht! Angesichts Ihres College-Abschlusses in Philosophie hätten wir Ihnen und Ihren beiden Filmfiguren unterstellt, dass Sie die alte Debatte zwischen Determinismus und Willensfreiheit noch einmal neu verhandeln wollen. Ist das vielleicht doch so etwas wie ein Leitmotiv bei Ihnen?

Jones: Ich finde die Frage natürlich interessant. Ich bin grundsätzlich der Überzeugung, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Wir alle haben Chancen im Leben, die wir nicht vorhersehen oder planen können, aber diese Möglichkeiten ergeben sich viel eher, wenn man harte Arbeit in sein Leben investiert. Ich persönlich versuche immer, in die Zukunft zu planen und eine Strategie zu entwickeln, aber man muss sich bewusst sein, dass das Glück trotzdem an einem vorbeisaust. Wenn es dich aber trifft, kannst du viel mehr daraus machen, wenn du gut darauf vorbereitet bist.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben Ihr eigenes Schicksal in die Hand genommen. Als Sohn des Rockstars David Bowie schien Ihr Leben vorherbestimmt zu sein: ewig im Schatten des berühmten Vaters. Sie haben bewusst dagegengesteuert und können sich jetzt über Ihre eigene Karriere freuen.

Jones: Ich habe viele Jahre damit gehadert, kreativ tätig zu sein, um nicht automatisch an meinem Vater gemessen zu werden. Aber letztlich hat mein Bedürfnis, etwas Künstlerisches zu machen, die Oberhand behalten. Ich habe versucht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen und als Philosophielehrer gearbeitet, aber das entsprach letztlich nicht meiner Natur. Aber das habe ich erst mit Ende 20 wirklich erkannt - und dann entschieden, dass ich Filme machen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Verlorene Zeit?

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Jones: Kann man so sehen, klar. Aber andererseits haben mich diese Jahre zu der Person gemacht, die ich heute bin. Insofern gehe ich vielleicht nachhaltiger und reifer an die Stoffe heran, mit denen ich mich beschäftige. Mich interessieren immer beide Seiten einer Geschichte. Die Lebenserfahrung kommt mir hoffentlich auch im Umgang mit Schauspielern zugute. Ich bin eben kein Bengel, der frisch von der Filmschule kommt und ihnen erzählen will, was Liebe ist.

"Wie sieht Berlin erst in 30, 40 Jahren aus?"

SPIEGEL ONLINE: Damit sollten Sie sich ganz gut auskennen. Es heißt, Sie hätten "Moon" nach einer schlimmen Trennung geschrieben und viel davon im Film verarbeitet. Hat "Source Code" ähnlich persönliche Motive?

Jones: Ja, oh Mann, "Moon" war voller Herzschmerz, vielleicht zu voll davon. Zum Glück hat sich mein Privatleben in dieser Beziehung beruhigt, so dass es bei "Source Code" weniger persönliche Einflüsse gibt. Was nur fair ist, denn schließlich stammt das Drehbuch ja nicht von mir. Bei meinem nächsten Film, wieder Science-Fiction, wieder Action, werde ich die Geschichte selbst schreiben und darin einige sehr persönliche Dinge verarbeiten. Welche, das verrate ich noch nicht. Nur so viel: Es wird sich um meine Sicht auf das Thema Familie drehen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, es wird nicht Ihre lange geplante, immer wieder verschobene "Blade Runner"-Hommage "Mute" sein, die in Berlin spielen soll?

Jones: Abwarten. Meine Grundidee für "Mute" war folgende: "Blade Runner" zeigt eine Zukunftsvision von Los Angeles, wie würde wohl diese Zukunft an anderen Orten auf der Welt aussehen? Da ich als Kind in den siebziger Jahren viel Zeit in Berlin verbracht hatte und das sehr aufregend fand, wollte ich den Film unbedingt dort ansiedeln: Keine Stadt der Welt verändert sich so schnell. Überlegen Sie mal, was sich allein in den 20 Jahren seit der Wende getan hat, all die sozialistischen Bauten, die sich in Bars, Kinos oder Clubs verwandelt haben! Bei dieser Geschwindigkeit, wie sieht Berlin dann erst in 30, 40 Jahren aus? Es ist ein schwieriges Projekt, aber in der einen oder anderen Form werde ich die Geschichte erzählen. Wenn nicht als Film, dann als Graphic Novel.

SPIEGEL ONLINE: Als Comic? Wie ungewöhnlich.

Jones: Ja, aber das würde den Leuten, die über die Finanzierung zu entscheiden haben, einen Eindruck geben, wie der Film aussehen könnte. Vielleicht müssen wir sogar zwingend diesen Umweg gehen, um dann einen hoffentlich erfolgreichen Comic verfilmen zu können, das wäre genau die Sicherheit, die das Studio möglicherweise braucht. Ich habe das Drehbuch zu "Mute" schon lange vor "Moon" geschrieben, da kommt es auf ein Jahr warten mehr oder weniger nicht an.

SPIEGEL ONLINE: Gehört der Dreh einer großen Hollywood-Produktion wie "Source Code" also zu einer langfristigen Strategie, die Sprossen der Erfolgsleiter langsam höher zu klettern, bis das Großprojekt "Mute" allein kraft Ihres guten Namens grünes Licht bekommt?

Jones: Ein bisschen schon. "Moon" hat fünf Millionen Dollar gekostet, minimalen Gewinn erwirtschaftet und hervorragende Kritiken bekommen. Jetzt musste ich zeigen, dass ich nicht nur einen Film machen kann, der bei der Filmpresse gut ankommt, sondern auch an der Kinokasse. Leute müssen Geld mit dir verdienen können. Wenn du das erreichst, dann kommst du in eine Position wie Quentin Tarantino oder die Coen-Brüder, die ihr eigenes Material mit einem Budget ihrer Wahl verfilmen können.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es Ihnen gelegen, dass Hollywood sich momentan den etwas schwierigeren Stoffen im Action-Kino öffnet, auch durch den Erfolg von "Inception"?

Jones: Ich glaube, "Inception" hat Hollywood bewiesen, dass man Science-Fiction- oder überhaupt Entertainment-Filme drehen kann, die sich nicht ausschließlich auf visuelles Spektakel stützen und trotzdem ein großes Publikum anlocken. In den letzten Jahren sind Special Effects so omnipräsent geworden, dass die Studios auf die fatale Idee verfielen, es würde schon reichen, die Leute mit Spezialeffekten zu bombardieren, um sie ins Kino zu bekommen. Aber das ist eben die Natur Hollywoods: Wenn etwas erfolgreich ist, neigen sie dort dazu, es zu übertreiben. Also werden demnächst wahrscheinlich 80 mehr oder weniger intelligente Science-Fiction-Filme den Markt überfluten, und die wenigsten davon werden gut sein.

"Blade Runner ist mein absoluter Lieblingsfilm"

SPIEGEL ONLINE: Sie lieben das Science-Fiction-Kino der siebziger Jahre. Was würden Sie sagen, wenn Ihnen ein großes Studio 150 Millionen Dollar in die Hand drückt, um ein Remake eines Klassikers wie "Westworld" oder "Lautlos im Weltraum" zu drehen?

Jones: So viel brauche ich doch niemals für ein Remake von "Westworld"! Aber im Ernst: Ich würde das für kein Geld der Welt machen, dafür liebe ich den Originalfilm viel zu sehr. Genauso ist es mit "Blade Runner": Jedem, der versuchen würde, davon ein Remake zu machen, würde ich mit einem Messer auflauern. Das ist mein absoluter Lieblingsfilm!

SPIEGEL ONLINE: Sie waren kurzzeitig für die Regie des neuen "Superman"-Films im Gespräch. Sind Superhelden nicht eigentlich genau Ihr Ding? Der ständige Konflikt zwischen Helden- und Tarnidentität, die Fragen nach Verantwortung, Gut und Böse?

Jones: Das hat mich schon immer sehr an Superman fasziniert: Da ist dieser Typ, der den ganzen Tag als gottgleicher Übermensch über die Welt wacht und abends dann versuchen muss, ein ganz normaler Mann zu sein. Bei den meisten anderen Superhelden ist es andersherum: Es sind Normalos, die sich von Zeit zu Zeit ein buntes Kostüm überwerfen und den Superhelden mimen.

SPIEGEL ONLINE: Ein bisschen wie bei Ihrem Vater, oder?

Jones: Haha, ja, aber wenigstens trug er nie ein Cape!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich ein gutes Verhältnis zu ihm?

Jones: Ja, ein sehr gutes sogar. Wir haben in den vergangenen Monaten viel Zeit miteinander verbracht, das habe ich sehr genossen. Er hat immer ein paar gute Ratschläge parat, die meisten sind sehr hilfreich.

SPIEGEL ONLINE: Welche nicht?

Jones: Zum Beispiel hielt er es für falsch, "Source Code" zu machen, ich sollte lieber bei selbstgeschriebenen Stoffen bleiben, meinte er. Wenn ich mir den bisherigen Erfolg des Films und die guten Kritiken ansehe, war das kein guter Ratschlag.

Das Interview führte Andreas Borcholte