Sowjetische TV-Version von »Herr der Ringe« Und dann betritt eine Kermit-der-Frosch-Mutation die Bühne

Eine in den letzten Tagen der Sowjetunion entstandene TV-Verfilmung von »Der Herr der Ringe« sorgt für Aufsehen auf YouTube. Es handelt sich um einen Instant-Klassiker des Trashfilms – der doch überraschend ans Herz rührt.
Bilbo Beutlin und seine Freunde auf Russisch: Eine Sowjet-Verfilmung von »Der Herr der Ringe« sorgt auf YouTube für Wirbel

Bilbo Beutlin und seine Freunde auf Russisch: Eine Sowjet-Verfilmung von »Der Herr der Ringe« sorgt auf YouTube für Wirbel

Auf Gandalfs Kopf muss ein Tier gestorben sein, man weiß nicht recht, ob Murmeltier oder Langhaardackel. Jedenfalls kann dieses bizarre Geflecht keine Perücke sein. Andererseits: Ihm gegenüber sitzt ein Mann mit rotem Staub auf dem Kopf, unten drunter schaut etwas Echthaar in Brauntönen heraus. Das ist also wohl auf jeden Fall eine Perücke.

Jüngst ist auf YouTube eine sowjetische Verfilmung von »Der Herr der Ringe« aufgetaucht, schon jetzt wurde Teil 1 rund 1,8 Millionen Mal angeschaut. Wer sie sich ansieht, hat viel Zeit, sich in solche Details zu versenken. Mit etwas mehr als zwei Stunden Laufzeit ist diese TV-Version von 1991 zwar um einiges kürzer als die pompöse Filmtrilogie von Peter Jackson. Dafür passiert aber auch nicht so viel, manchmal hat man das Gefühl: gar nichts. Trotzdem oder gerade deshalb ist diese Produktion ein Instant-Klassiker des Trashfilms.

Die Tricks sind sehr, sehr schlecht – aber trotzdem geht dieser Trash ans Herz

Die Tricks sind sehr, sehr schlecht – aber trotzdem geht dieser Trash ans Herz

Mal sieht man von einem Dreijährigen abgefilmtes Laientheater, mal einen halluzinogenen Drogentrip – vor allem, wenn Gollum auftritt, aber dazu gleich mehr.

Eigentlich ist der Kern der Fantasy-Erzählung ja die Reise, auf der die Helden Heldentaten vollbringen, Schwierigkeiten lösen, an ein Ziel kommen. Bei J.R.R. Tolkien und Jackson ist das Personal also ständig unterwegs. In der Sowjet-Fassung des Klassikers dagegen sitzt es in künstlicher Studiobeleuchtung um ein Tischchen und redet, redet, redet.

Mit Gollum wird es richtig psychedelisch

Auf Russisch natürlich, dieser wunderschönen Sprache, die aber weniger Menschen verstehen als das weit weniger dramatisch klingende Allerweltsenglisch. Man sollte sich trotzdem auf keinen Fall wünschen, zu verstehen, was hier gesprochen wird! Das Schöne ist ja gerade, sich von den Bildern und dem stummfilmhaften Spiel der Darsteller absorbieren zu lassen.

Plötzlich ein Schnitt: Menschen taumeln durch eine (offensichtlich echte) Schneelandschaft. Schnitt zurück: Gandalf und Hobbit Frodo (das ist der mit dem Staub auf dem Kopf) reden wieder, rollen wild mit den Augen, ansatzlos weint einer. Nächster Schnitt, und jetzt wird es richtig psychedelisch: Auftritt Gollum.

Was ist da nur auf seinem Kopf gestorben? Auftritt Gollum

Was ist da nur auf seinem Kopf gestorben? Auftritt Gollum

In der Jackson-Verfilmung wegen seiner bahnbrechenden Animation gefeiert, betritt hier eine Art Kermit-der-Frosch-Mutation die Bühne. Auch auf dem Kopf dieses Darstellers muss etwas verendet sein, hier vielleicht ein Waran. Der Mann wedelt jedenfalls wild mit den Armen und berichtet auf Russisch wahrscheinlich von seiner Begeisterung für den Ring. Er wirkt dabei, als habe er sich sehr lange ausschließlich von Ecstasy ernährt.

Eigentlich galt dieses in den letzten Tagen des Sowjetreiches entstandene Kunstwerk als verschollen. Auf Bitten von Tolkien-Fans, die davon gehört hatten, tauchten Mitarbeiter des St. Petersburger TV-Senders 5 TV in die Tiefen ihres Archivs und brachten den Schatz tatsächlich an die Oberfläche. »Khraniteli« heißt er im Original, übersetzt also »Die Bewahrer«. Einmal soll der Zweiteiler tatsächlich im Sowjet-Fernsehen ausgestrahlt worden sein – bevor ihn der Wind of Change dem Beinahe-Vergessen anheimgab.

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Nichts ist natürlich leichter, als sich aus dem Heute der computergenerierten Spezialeffekte über die unfassbar schlechten Tricks dieses Werks lustig zu machen. Über die Plastik-Handpuppe, die ein Drache sein soll. Die mit Buntstiften gemalten Explosionen.

Und doch – je länger man in diese Welt aus Kostümen und Bühnenzauber des 19. Jahrhunderts eintaucht, desto mehr rührt dieser Film am Herz. Weil die Begeisterung, mit der hier ungelenk getanzt und übertrieben gestikuliert wird, nur ernst gemeint sein kann. Weil die Zeit so ungnädig umgeht mit den besten Absichten.

Und so bereitet ausgerechnet der gemeinste und niederträchtigste Ort dieser Erde – das Internet – dem wiedergekehrten Trash-Meilenstein einen warmen Empfang. »Dieser Film ist absurd und monströs«, schreibt ein YouTube-User. »Und er ist göttlich und wunderbar.« Fürwahr.

P.S.: Inzwischen hat der erste Teil englische Untertitel bekommen. Die Dialoge können allerdings in Sachen Absurdität nicht ansatzweise mit den Bildern mithalten. Ich würde also raten: unbedingt ausschalten.

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