Sowjetisches Hollywood Proletarier aller Länder, vergnügt euch!

Action, Gags und Agitprop made in Moscow: Das Studio Meschrabpom schuf in den zwanziger und dreißiger Jahren großartiges Genre-Kino, das Hollywood Paroli bot. Die Retrospektive der Berlinale und eine Arte-Doku huldigen nun der "roten Traumfabrik".

Deutsche Kinemathek

Von Jörg Schöning


Douglas Fairbanks fühlte sich wie zu Hause: Auch in der Sowjetunion jubelten ihm die Fan-Massen zu! Der Star aus Hollywood genoss es sichtlich. Sein Lachen steckt noch heute an, so fröhlich winkt er in die Menge. Als Mary Pickford, seine Ehefrau, dann im Filmstudio einen Stuntman küsst, gibt es kein Halten mehr. Moskau ist vom Filmfieber erfasst - und die Firma Meschrabpom hat einen neuen Kassenschlager. "Moskau glaubt den Tränen nicht", heißt das turbulente Filmlustspiel von 1926, das mit den gefeierten "Klassenfeinden" besetzt ist und nun auch das Publikum der "Retrospektive" auf der Berlinale zu Beifallsstürmen hinriss.

Zu verdanken ist dies der Initiative eines Münchner Filmwissenschaftlers. Alexander Schwarz hat gemeinsam mit Günter Agde, einem Berliner Kollegen, die Geschichte dieser deutsch-russischen Film-Unternehmung erforscht. In dreijähriger Arbeit haben sie Schätze zutage gefördert, die in Deutschland vielfach unbekannt und in Russland weitgehend vergessen waren. Ein populäres Kino zeichnet sich dabei ab, das die unterschiedlichsten Genres bedient hat: Actionkrimi und Komödie, Science-Fiction und Zeichentrick, sogar ein Western ist dabei.

Auch in der Sowjetunion gab es also eine "Traumfabrik" - ein "rotes Hollywood" war das allerdings nicht. Denn nicht den Eskapismus wollte das Studio befördern, sondern sozialpolitische Utopien. Hervorgegangen war es schließlich aus der "Internationalen Arbeiterhilfe" (IAH), und das genau heißt "Meschrabpom" übersetzt. Mit der IAH hatte der Deutsche Willi Münzenberg, ein kommunistischer Verleger und Filmemacher, Geld für die Hungernden in "Sowjetrussland" eingesammelt. Aus ihr entstand ein moderner Medienkonzern, der Münzenberg den Ruf des "Roten Pressezaren" einbrachte.

Lust am Effekt

Seine Filmaktivitäten verschmolz Münzenberg 1923 mit dem noch aus zaristischen Zeiten stammendem Studio "Rus". Um sich vom sowjetischen Staatskino abzusetzen, musste die Firma in Marktlücken vorstoßen. Avantgarde und Unterhaltung boten sich an. "Aelita" (1924), ein futuristisches Spektakel, das einen Ingenieur und einen Rotarmisten auf den Mars katapultiert, war der erste internationale Erfolg. Alltagskomödien behandelten Alltagsprobleme: Von Liebeswirren und Wohnungsnot erzählte "Moskau wie es singt und lacht" (1927) in Gestalt einer exaltierten Romanze. Die Ausbeutung der Dienstboten vom Lande durchs städtische Kleinbürgertum schilderte "Das Haus in der Trubnaja-Straße" (1928) als wilde, eine Moskauer Mietskaserne aufs Höchste strapazierende Farce.

"Populäre Stoffe mit revolutionärem Anstrich", fasst Alexander Schwarz die Produktpalette des Studios zusammen. Einer neuen Ökonomie, die der Sowjetunion die Moderne erschließen sollte, entsprach die moderne Filmsprache, gemäß der Lenin-Losung "Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung". "Es gab eine Lust am Effekt", sagt dazu Schwarz. Zugleich ging es um das normale menschliche Glück.

Und es ging um Technologien. Aus dem Meschrabpom-Studio kam immerhin der erste sowjetische Tonfilm. Auch der erste Farbfilm des Landes wurde dort hergestellt. 600 Titel hat das Studio in den 15 Jahren seines Bestehens produziert. Es gab eine produktive Trickfilmabteilung und Dokumentationen, die in neue Dimensionen vorstießen: Der Regisseur Wladimir Schnejderow drehte sie auf den Gipfeln des Pamir-Gebirges und in den Wüsten des Jemen. Um in "Zwei Ozeane" (1933) die Expedition eines Eisbrechers durch die Arktis einzufangen, baute er seine Kamera auf den Eisschollen auf. Sein im Altai-Gebirge entstandener Spielfilm "Kampf um Gold" (1935) ist ethnografisches Dokument und spannender "Indianer-Western" zugleich.

1936 hatte das fröhliche Filmemachen ein Ende. Die Firma, unter Stalin in "Rot Front" umbenannt, wurde liquidiert. In Deutschland hatten drei Jahre zuvor schon die Nazis die Berliner Dependance zerschlagen.

In seiner Arte-Dokumentation über dieses wunderbare Kapitel deutsch-russischer Filmgeschichte, die am Mittwoch ergänzend zur "Retrospektive" gezeigt wird, belässt es Alexander Schwarz nicht bei der Historie. Er zeigt in dem Film auch, was von den "Russenfilmen" übrig blieb. Ein postkommunistisches Popcorn-Kino dominiert inzwischen den Markt, auf dem Autorenfilmer Außenseiter sind. Von Orientierungslosigkeit spricht Naum Klejman, Direktor des Moskauer Filmmuseums. Die Filmindustrie baut auf digitale Hightech-Fabrikate aus einem neuen Mega-Studio und setzt auf die internationalen Märkte. Auch Geld aus Hollywood will man locken.

Douglas Fairbanks war damals aus persönlicher Bewunderung für den Elan der Filmkollektive gekommen, Geld hat bei ihm keine Rolle gespielt. Der Mann hatte einfach gut lachen.


"Die rote Traumfabrik": Retrospektive auf der Berlinale bis zum 19. Februar
TV-Doku unter gleichem Titel: Mittwoch, 22.10 Uhr, Arte

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
stefan taschkent 15.02.2012
1. Innovative Zeit
Auch die Konstruktivisten in der Architektur und viele andere haben in dieser Zeit erstaunliche Innovationen hervorgebracht in diesen Breiten. Trotzdem waren diese Jahre auch alles andere als Beverly Hills und Malibu im postmodernen Entwurf des Russischen Reiches. Guter Artikel, gute Veranstaltung!
traenenlicht 15.02.2012
2.
...jetzt würde mich nur mal interessieren, was Kuhle Wampe und Mutter Krausens Fahrt ins Glück mit der ganzen Kiste zu tun haben sollen. Das sind deutsche Produktionen, wenn mich nicht alles täuscht und haben bestenfalls eine Eindordnung aus politischen Gründen ihre Berechtigung, wenn man Arbeiterfilme zum Thema hat. Hier geht´s aber um ein sowjetisches Studio...auch um Genreproduktionen...versteh ick allet nich...
dasmonokel 15.02.2012
3. "Moskau glaubt den Tränen nicht"?
Zitat von sysopDeutsche KinemathekAction, Gags und Agitprop made in Moscow: Das Studio Meschrabpom schuf in den zwanziger und dreißiger Jahren großartiges Genre-Kino, das Hollywood Paroli bot. Die Retrospektive der Berlinale und eine Arte-Doku huldigen nun der "Roten Traumfabrik". http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,815280,00.html
Weiß jemand, weshalb der Film "Poceluj Meri Pikford" ("A Kiss from Mary Pickford") von 1926 hier und auf der Berlinale mit "Moskau glaubt den Tränen nicht" übersetzt wurde? "Moskau glaubt den Tränen nicht" ist doch ein sowjetischer Film aus den späten 1970ern (?) - der Film, den Ronald Reagan sich angesehen hatte, um sich auf seinen Besuch mit Gorbatschow vorzubereiten.
Holmeor Kowa 16.02.2012
4. Ein Hauch von und zu Guttenberg?
Zitat von dasmonokelWeiß jemand, weshalb der Film "Poceluj Meri Pikford" ("A Kiss from Mary Pickford") von 1926 hier und auf der Berlinale mit "Moskau glaubt den Tränen nicht" übersetzt wurde? "Moskau glaubt den Tränen nicht" ist doch ein sowjetischer Film aus den späten 1970ern (?) - der Film, den Ronald Reagan sich angesehen hatte, um sich auf seinen Besuch mit Gorbatschow vorzubereiten.
Völlig zu recht gefragt (und sollte auch nicht nachträglich geändert werden!) - wie kann ein Mensch mit diesen filmhistorischen Kenntnissen die Retro einschätzen, in der die wichtigsten Filme (Eisensteins "Oktober" und "Potemkin" u.v.a.m. mit Meshrabpomfilm nichts zu tun haben??!! Genauso gewagt ist die Behauptunng "Neuentdeckung", "Ausgrabung", "vergessen" - viele der Filme laufen mindestens einmal im Jahr im selben Haus, im Filmhaus am Potsdamer Platz (exakt im Kino "Arsenal"), um sie ein paar Stockwerke höher in 3jähriger Arbeit ausgraben zu lassen :) Auch der Titel Ihres Artikels, Herr Schoene, scheint geklaut - aus der TAZ vom Dienstag, kann das sein?
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