"Space Cowboys" Eastwoods große Sause

Der Stoff, aus dem die Zoten sind: Kino-Opa Clint Eastwood reist mit drei ebenso geriatrischen Kollegen ins All und zeigt dem Hollywood-Nachwuchs ganz locker, wie man Draufgängertum trefflich mit Alterswitz kombiniert.

Von Oliver Hüttmann


Clint Eastwood als "Space Cowboy": Alter Wein in alten Schläuchen
REUTERS

Clint Eastwood als "Space Cowboy": Alter Wein in alten Schläuchen

In seinen Augen, schmal wie Schießscharten, war die Welt nie sehr kompliziert. Fast immer ging es darum, wer zuerst zog. Clint Eastwood schoss als namenloser Revolverheld oder als "Dirty Harry" verdammt schnell ­ und selten daneben. Deshalb brauchte er auch nie viele Worte. Die Dialoge seiner ersten Kinohauptrolle in Sergio Leones Spaghetti-Western "Für eine Handvoll Dollar" (1964) strich er kurzerhand auf ein paar knurrige Brocken zusammen. Auch konnte der italienische Regisseur den stoischen Blonden aus Amerika nicht dazu bewegen, doch bitte etwas emotionaler zu agieren.

Beharrlich, gelassen und direkt ist Eastwood stets geblieben. Das Naheliegende tun und dabei sein eigener Herr bleiben, so könnte man sein Leben und Schaffen resümieren. Als er keine Baugenehmigung erhielt, wurde er eben Bürgermeister. Weil er keine Enkelkinder hat, wurde er mit 66 halt noch mal Vater. Und wenn sein alter Kumpel James "Rockford" Garner meint, eigentlich müsse man mal wieder einen Film zusammen machen ­ klar, warum nicht.

So locker muss man sich nun auch den fertigen Film vorstellen. Da droht der Ausfall eines russischen Satelliten das Kommunikationsnetz des Landes lahm zu legen. Für eine Reparatur haben die Russen weder das Know-how noch das nötige Kleingeld. Die US-Weltraumbehörde will helfen, doch der einzige Mann, der die Leitsysteme aus der Pionierzeit noch kennt und auch die Konstruktionspläne hat, ist allerdings längst im Ruhestand: Frank Corvin (Eastwood) gehörte 1958 zu den besten Testpiloten der Air Force und bereitete sich mit dem Team "Daedalus" auf den ersten bemannten Flug der Amerikaner ins All vor. Doch dann übernahm die Nasa und überließ diese Ehre einem Schimpansen.

Zwar hat Corvin gerade vergeblich einen Defekt am elektronischen Garagentor zu beheben versucht, aber zu jener Mission will er höchstpersönlich im Space Shuttle starten ­ und zwar nur mit seiner früheren Mannschaft. Dafür hat der 70-jährige Eastwood die lässigsten Schauspieler um sich geschart, die aus seiner Zeit noch am Leben sind: Der 72-jährige James Garner spielt Sullivan, der mittlerweile das Himmelreich als Pastor gefunden hat. Donald Sutherland, 65, ist als O'Neill schwer kurzsichtig und trägt ein Gebiss, hat aber eine junge Freundin und futtert Bananen, während er Achterbahnen prüft. Und der immerhin erst 54-jährige Tommy Lee Jones gibt Hawkins, der sich als Kunstflieger verdingt und einem Burschen nach dem Flug im Doppeldecker schon mal das Erbrochene aus dem Gesicht wischt, damit der sich nicht vor seiner Freundin blamiert. Am Ende wird er sich auf einen letzten Ritt begeben, wie es sich für einen echten Cowboy der Lüfte geziemt.

"Space Cowboys": Der Stoff, aus dem die Zoten sind
Foto:Warner Bros.

"Space Cowboys": Der Stoff, aus dem die Zoten sind

Nur Ahnungslose oder Spätgeborene können daran zweifeln, dass diese Veteranen nicht nur gegen die schnöselige adoleszente Konkurrenz bestehen, sondern auch gleich noch die Welt retten werden. In Anlehnung an den Flieger-Film "The Right Stuff" werden sie als "The Ripe Stuff" verhöhnt und doch jonglieren sie aus dem Handgelenk heraus mit dem Stoff, der aus Zoten, Kraftmeierei, Abenteurertum, lakonischem Alterswitz und noch nicht ganz verwesten Resten ideologischer Rivalität besteht. Hier geht es schlicht noch einmal um das Männerritual, wer am weitesten pinkeln kann. Die "Space Cowboys" sind alter Wein in alten Schläuchen. Aber man muss nicht steinalt oder von gestern sein, um bei ihnen Charakter und Charisma spüren zu können, die auch ein Brad Pitt oder Ben Affleck nie erreichen werden.

"Space Cowboys" ist Eastwoods 22. Film seit seinem Regiedebüt "Play Misty For Me" von 1971. Er hat rohe Western gedreht und geradlinige Actionkomödien, die so amerikanisch sind wie Football und der Mount Rushmore, aber auch feinfühlige Dramen wie "Bird", das Charlie Parker ehrte, oder mit "Weißer Jäger, schwarzes Herz" eine Hommage an John Huston. Alles Männerfilme, die von einer Melancholie durchdrungen sind, die tief in die amerikanische Seele führt. Seit er mit "Erbarmungslos" sein Image als Revolverheld erledigt und in "Die Brücken am Fluss" gar Tränen angedeutet hat, dreht er befreit solide Genrefilme, in denen er mit einem Augenzwinkern das Altern verhandelt. So ist Eastwood fast unmerklich zu einem der großen amerikanischen Regisseure gewachsen und dem Verhängnis entgangen, als bloße Legende zu enden. Mit "Space Cowboys" hat er sich noch mal eine richtige Sause gegönnt.

"Space Cowboys". USA 2000. Regie: Clint Eastwood; Drehbuch: Ken Kaufman, Howard Klausner; Darsteller: Clint Eastwood, James Garner, Donald Sutherland, Tommy Lee Jones. Länge: 129 Minuten; Verleih: Warner Bros.; Start: 2. November 2000.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.