"Spider-Man 3" Ein Held sieht schwarz

Gegen was muss Spider-Man nicht alles kämpfen: gegen Liebeskummer, gegen Gangster - und im dritten Teil der Action-Saga, der nächste Woche anläuft, sogar gegen sich selbst. Dabei ist er doch nur ein netter Junge. Ein Superheld wie du und ich.

Von Daniel Haas


Die meisten Superhelden sind super: super cool (Batman), super stark (Superman), super introvertiert (Silver Surfer). Spider-Man war erst einmal ein super Kindskopf. Ein Highschool-Junge, den alle verlachten und der wie Charlie Brown ein Mädchen anhimmelte, das ihn vermutlich nie erhören würde.

Wer sich moralisch hängen lässt, hat schnell ein böses Alter Ego am Hals. Wie Peter alias Spider-Man den dunklen Venom
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Wer sich moralisch hängen lässt, hat schnell ein böses Alter Ego am Hals. Wie Peter alias Spider-Man den dunklen Venom

Wer kann einen aus so einer Pubertätsmisere erlösen? Die Eltern wohl kaum. Außerdem hatte Peter Parker noch nicht mal welche. Er war Waise und wurde von Tante und Onkel erzogen. Hilfe kam in Gestalt einer radioaktiven Spinne. Ihr Biss verwandelte den Schul-Nerd in einen Extremsportler mit siebtem Sinn, der behänder war als Tarzan und schlagkräftiger als Old Shatterhand.

Das Ganze passierte 1962, als der Marvel-Verlag den Spinnenmann ins Rennen um die Gunst junger Leser schickte. Und dann noch einmal 2002, als Regisseur Sam Raimi begann, Spider-Man über die Kinoleinwand zu hetzen. Seitdem ist der Großstadtakrobat im rotblauen Kostüm auch eine Ikone des globalen Film-Entertainments.

Und das liegt nicht nur an der Marketing-Offensive, mit der die produzierenden Columbia-Studios die Filme begleiten. Spider-Man alias Peter Parker ist zuerst Arbeitnehmer, dann Held; zuerst Romantiker, dann Gangsterjäger. Kurz: ein Mensch, in dem Heroenkäfte schlummern - kein Gigant, der sich als Mensch verkleidet.

Das ist auch im dritten Teil der Spider-Man-Saga so, nur dass Peter (Tobey Maguire) mittlerweile nicht mehr Schuljunge (Teil eins) beziehungsweise Studienanfänger (Teil zwei) ist. Parker ist ein erfolgreicher Student, als Spiderman eine New Yorker Lokalgröße mit dem Beliebtheitsgrad eines Popstars und - noch wichtiger - Liebhaber der wunderbaren Mary Jane (Kirsten Dunst).

Wie geht ein Mensch mit soviel Glück um? Er vermasselt es wahrscheinlich. Auch Peter bildet da keine Ausnahme: Berauscht vom eigenen Ruhm - Spider-Man wird zum New Yorker Ehrenbürger ernannt - vernachlässigt er seine Freundin, lässt den besten Freund im Stich und kokettiert zu allem Überfluss mit der dunklen Seite der Macht.

Super realistisch

Dies ist auch die große Stärke von Sam Raimis drittem Spider-Werk: Dass die Konflikte nicht aus dem All auf die Erde purzeln (auch wenn das Virus, das Spider-Man in sein böses Alter ego namens Venom verwandelt, via Meteorit unsere Gefilde erreicht), sondern ganz realistisch in psychologischen und gesellschaftlichen Strukturen verankert sind.

Dass der von Liebeskummer und Jobstress geplagte Parker sich gern dem Virus hingibt, das ihn in einen Draufgänger mit tierischem Sexappeal verwandelt, kann jeder verstehen. Die Sach- und Anpassungszwänge des modernen Alltags loswerden, das innere Korsett von Sublimierung und Vernunft abstreifen - wer wollte das nicht?

Als Zuschauer hat man dafür doppelten Spaß: Man kann Parker als Venom durchs Testosteron-durchwölkte Terrain der Selbstenthemmung streifen sehen und die Läuterung gleich mitgenießen. Denn natürlich wird der Sex zur Sucht, die Power zur Paranoia, die Kraft zur Katastrophe - und dann zur Katharsis.

Bezeichnenderweise wird der Held das böse Virus erst in einer Kirche, zum Klang von Glocken, wieder los (er springt auf den Fotoreporter Eddie Brock (Topher Grace) über, der sich ebenfalls sofort in Venom verwandelt). Religion, da ist dieser Film konservativ, hat reinigende Wirkung. Sie befähigt Parker im Anschluss zur sozialen Säuberungsaktion, bei der New York von gleich zwei Schurken befreit wird.

Aber auch die sind, wie Spider-Man, Opfer der Umstände: Flint Marko (Thomas Haden Church) alias Sandman ist ein Verbrecher wider Willen, der eigentlich nur Geld für die Heilung seines todkranken Töchterchens zusammenklauen will. Brock/Venom hat seinen Job an Parker verloren - in spätkapitalistischen Zeiten des verschärften Verdrängungskampfs eine Kränkung, die Vergeltungswünsche nur allzu verständlich macht. Und dann schwirrt noch Harry, eigentlich Peters bester Freund, als grüner Kobold durch die Geschichte: auch so ein Gekränkter, der sich mit waffenstarrender Gemeinheit an anderen für einen Mangel an Liebe und Fürsorge rächen will.

Der Feind als Freund und Helfer

Materialismus und Humanismus sind also die ideologischen Grundlagen für diese wunderbare Action-Sause, und das ist ein Glücksfall: Zynische Helden und eitle Gewalt gibt es im Blockbusterkino schon genug. Spider-Man hingegen hat Feinde, die in quasi therapeutischer Weise letztlich seine Freunde und Helfer sind. Erst gemeinsam aus seinen und ihren Nöten ergibt sich das Selbstfindungsabenteuer, das immer auch eine Kritik der Verhältnisse ist.

Dieser dialektische Drive bewegt den dritten Spider-Man-Film noch energischer als seine Vorgänger: Jede Figur spiegelt sich in einer anderen, kein Helden-Konflikt, der sich nicht auch auf der Seite des Gegners fände. Mary Jane verliert ihren Job wie der Fotoreporter Eddie, Peter ist von der Mitschuld an der Ermordung seines Ziehonkels geplagt wie Harry von der am Tod seines Vaters. Persönliche und gesellschaftliche Probleme verbinden sich zu jenem Netz, das Spider-Man viel weniger kontrolliert als dass es ihn gefangen hält.

Auch die Bilder selbst knüpfen unbarmherzig ihr Geflecht aus Bezügen und Verweisen: Wenn bei einem Bauunglück ein Riesenkran ein ganzes Stockwerk aus einem Hochhaus fräst und Büromöbel in die Tiefe stürzen, dann ist wieder der 11. September. Und wenn der Sandman, ein Koloss aus umherwirbelndem Sand, in der New Yorker City von Panzern der Armee gestellt wird, dann ist der Irak-Krieg nach Hause, ins Land seiner Verursacher, zurückgekehrt.

So viel Leid und Kummer - die Zeit für Helden ist günstig wie lange nicht. Wenn sie dabei menschlich bleiben, können sie ruhig Abkömmling einer Spinne sein.



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