Neuer "Spider-Man"-Film Auch Superhelden brauchen mal Ferien

Endlich Urlaub nach dem Avengers-"Endgame" - oder auch nicht: Tom Hollands zweiter Solo-Einsatz als Marvel-Held Spider-Man verliert zwischen Spektakel und romantischem Schultrip die Balance.
Neuer "Spider-Man"-Film: Auch Superhelden brauchen mal Ferien

Neuer "Spider-Man"-Film: Auch Superhelden brauchen mal Ferien

Foto: Sony Pictures

Einfach mal nicht rangehen, wenn der Chef anruft: Der New Yorker Teenager Peter Parker, als Spider-Man jüngstes Mitglied der Superheldentruppe The Avengers, freut sich auf den Schulausflug nach Europa. Sein Plan in diesem Sommer ist nicht die Weltrettung, sondern die Eroberung seiner High-School-Flamme MJ (gesprochen Em-Jay). Vor romantischer Kulisse will Parker ihr in Venedig seine Zuneigung gestehen. Da stört es gewaltig, dass ständig das Handy summt. Es ist Avengers-Boss Nick Fury (Samuel L. Jackson), der dringend Hilfe benötigt.

"Far from Home", der zweite Solo-Einsatz von Tom Holland als Spider-Man, soll einen leichten Abschluss der jüngsten Erzählphase des Marvel Cinematic Universe (MCU) bilden. Keine zwei Monate ist es her, seit mit "Avengers: Endgame" 22 Superheldenfilme und elf Jahre Blockbuster-Erfolgsgeschichte in ein bombastisch-melancholisches Finale mündeten.

Das vorläufige Happy End - Achtung, Spoilerwarnung an die wenigen Menschen, die den Film noch nicht gesehen haben - wurde getrübt: "Iron Man" Tony Stark, väterlicher Freund Peter Parkers, ließ sein Leben. Die Zukunft der Avengers? Ungewiss. Und Spider-Man? Steht mal wieder vor dem ewigen Dilemma dieser populärsten und erfolgreichsten Marvel-Figur: Superkräfte bringen schließlich große Verantwortung mit sich, und so weiter und so fort. Muss Parker also in Starks viel zu große Fußstapfen treten - oder kann Spidey zwischendurch auch mal ein bisschen Peter sein?

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"Spider-Man: Far from Home": Thwip me baby one more time!

Foto: Sony Pictures

Nö, kann er nicht. Und so nimmt die turbulente Abenteuer-Komödie, die "Far from Home" durchaus ist, ihren Lauf. Regisseur Jon Watts wählte für seine Fortsetzung den Screwball-Tonfall, mit dem er "Homecoming" vor zwei Jahren zu einem der sympathischsten aller bis dahin erschienenen Spider-Man-Filme machte. Es war eine liebevolle Neuerfindung des von Alltagsnöten geplagten "Friendly Neighborhood Spider-Man", den Stan Lee und Steve Ditko 1962 geschaffen hatten, fein ausbalanciert zwischen Suspense und Schlamassel.

Am Drehbuch schrieb Regisseur Watts dieses Mal nicht mit, vielleicht erklärt das, warum "Far from Home" diese Balance nun vermissen lässt. Die Szenen, in denen Parker mit seinen multikulturell und divers aufgestellten Klassenkameraden interagiert (u.a. Jacob Batalan als Sidekick-Schwergewicht Ned und Transgender-Schauspieler Zack Barack) sind auch weiterhin smart inszeniert - und der scheue Flirt zwischen MJ (supercool: Zendaya) und Peter ist so hinreißend verstockt, dass er das Herz berührt. Als Bonus gibt es nicht nur zwei signifikante Post-Credit-Szenen, die in die Zukunft des MCU weisen, sondern auch noch reichlich Interrail-Meilen. Die Handlung führt nämlich nicht nur nach Venedig (das spektakulär zerlegt wird), sondern auch noch in ein deutsches Alpendorf (mit Gastauftritt von Model Toni Garrn) und nach Prag, Berlin und London.


Spider-Man: Far from Home
USA 2019

Regie: Jon Watts
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers
Cast: Tom Holland, Zendaya, Jake Gyllenhaal, Jon Favreau, Marisa Tomei, Samuel L. Jackson, Cobie Smulders, Jacob Batalon, Martin Starr
Produktion: Columbia Pictures, Marvel Studios, Pascal Pictures
Verleih: Sony
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 4. Juli 2019


Was stört also? Die dann doch nicht mehr zu ignorierenden Anrufe von Nick Fury natürlich - und was sie mit sich bringen. Denn auch die Erde hat keinen Urlaub, sondern wird von wütenden Elemente-Monstern bedroht, einem lebendigen Meeresstrudel zum Beispiel, der ausgerechnet Venedig als Ziel seiner Zerstörung auserkoren hat.

Bevor sich Parker aber zwischen seiner Unlust auf Heldentaten, seiner Pflicht als Weltretter und dem Schutz seiner Freunde besinnen kann, tritt ein neuer Player auf, ein kerniger Held mit Gladiatorenrüstung und einem Goldfischglas als Helm, in dem es milchig wabert: "L'uomo del mistero" taufen ihn italienische Medien, nachdem er den schwappenden Lagunenschreck in seine Schranken verwiesen hat. "Mysterio" taufen ihn die Ami-Touristen.

Der perfekte Tony-Stark-Ersatz

Dieser tapfere Ritter (Jake Gyllenhaal) scheint nicht nur ein dufter Kumpel, sondern auch der perfekte Tony-Stark-Ersatz zu sein. Mysterio aber, langjährige Spider-Man-Fans wissen Bescheid, ist nicht der, für den man ihn hält.

Alles, was an dessen Agenda und seiner besonderen Art von Fake-News-Inszenierung auch gesellschaftspolitisch interessant ist (und hier aus Spoiler-Gründen nicht verraten werden soll), geht dann aber im langwierigen CGI-Gewitter der Actionsequenzen unter. Die Effekte halten dabei weder den Qualitätsstandard der jüngsten Marvel-Blockbuster, noch verfügen sie über die cartoonhafte Originalität des Animationsfilms "Spider-Man: A New Universe", mit dem Sony zuletzt ein schnittiges Spider-Update ins Kino brachte.

Im Video: Der Trailer zu "Spider-Man: Far From Home"

Gegen dessen visuelle Kraft wirkt nun ausgerechnet die Marvel-Koop "Far from Home" erschreckend konventionell. So wenig Spannung und Schauwert erzeugt der Plot, dass man noch nicht einmal aufhört, über die zahlreichen Logik-Lücken nachzudenken. Das muss man erst einmal schaffen in einem Genre, zu dessen Grundbedingungen das Außerkraftsetzen von Plausibilität gehört.

So bleibt hier eine leider kurze, aber virtuos-verstörende Sequenz, in der sich Peter Parker in vorgegaukelten Trugrealitäten verliert, das Interessanteste - ein Meta-Kommentar zu einer politisch verunsicherten Welt, in der Wahrhaftigkeit oft nur noch schwer zu greifen scheint. Selbst für Superhelden.

Trotz einem sympathischen, beherzt spielenden Ensembles ist "Far From Home" einer der leichtgewichtigsten Filme aus dem Marvel-Universum. Vielleicht gerade richtig, um damit den Flug in die Ferien zu überbrücken.