Spielfilm von Nicolette Krebitz Im Dickicht der Triebe

Schwer romantischer Irrsinn: Nicolette Krebitz schildert in ihrem Film "Das Herz ist ein dunkler Wald" eine Abrechnung zwischen Mann und Frau - als aufregende Mischung aus realistischer Tragödie, Kino-Poesie und surrealem Mummenschanz.

Von draus' vom finsteren deutschen Kinowald komm ich her, ich muss euch sagen, es schaudert mich sehr: Die als Schauspielerin bekannte Nicolette Krebitz hat einen Film mit Tannenbäumen und Spukschloss und Maskenball gedreht, in dem sehnsüchtige Musik wummert, in dem ein sympathischer Mann und eine schöne (einmal nackt über eine Morgenwiese schreitende) Frau nicht beieinander bleiben können, in dem der böse Gevatter Tod eine wichtige Rolle spielt. Der Film heißt "Das Herz ist ein dunkler Wald". Das ist der Stoff, der Rüdiger Safranski und allen anderen Freunden der deutschen Schauerromantik eigentlich Tränen der Rührung in die Augen zwingen müsste.

In Wahrheit ist "Das Herz ist ein dunkler Wald" aber zunächst mal ein Film, der Männern die Schamesröte ins Gesicht treiben soll: Der nach "Jeans" zweite Spielfilm von Krebitz zeigt Devid Striesow als strikt penisgesteuerten, total verlogenen Mann. Der Kerl ist Orchestermusiker und lebt mit seiner schönen, bleichen Gattin (Nina Hoss) und zwei kleinen Kindern in einem spießigschönen Hamburger Bungalow; eines Tages radelt ihm die Ehefrau (Ex-Musikerin) treusorgend auf dem Weg in die Arbeit nach, weil er sein Handwerkszeug nicht eingepackt hat - und da entdeckt sie, dass ihr Typ in einem anderen spießigschönen Bungalow, mit einer anderen bleichen Frau (Franziska Petri) und anderen Kindern, ein seiner Primärehegemeinschaft grotesk gleichendes Parallelleben führt.

Das ist als groteske Übersteigerung aus mütterlichem Nestbautrieb und männlichem Fortpflanzungswahn hübsch ausgedacht und sauber, aber ein bisschen glatt erzählt in Krebitz' Film, der sich für die Plausibilität und das Innenleben der Charaktere eher wenig interessiert. Aufregender sind da schon die Theaterszenen mit typischen Beziehungsstreitereien, die locker in die Handlung eingebaut sind. Irgendwann folgt die betrogene Ehefrau, ihre Kinder allein zu Haus zurücklassend, dem Mann auf einen Maskenball. Dort zeigt Krebitz dann überraschende und prachtvoll verrückte Bilder, lässt ihre Heldin wie ein Gespenst über eine Festtafel spazieren und den Gatten bedenkenlos herumhuren.

"Das Herz ist ein dunkler Wald" ist ein merkwürdig launischer Film (mit durchweg großartigen Schauspielern), in dem die Storybausteine und Dialoge immer wieder auseinanderzupurzeln drohen. Mal scheint die Regisseurin himmelhochjauchzend auf ihre Mittel zu vertrauen, mal todfinster betrübt an der eigenen Erzählkraft zu zweifeln. Dass hier manches nicht zueinanderpasst, dass hier poetische Trauerarbeit und realistische Ehetragödie und surrealer Mummenschanz munter nebeneinander herrasen, kann man aber auch als Vorzug des Films sehen: Die Abrechnung zwischen Mann und Frau wird hier mal nicht mit kaltem Kalkül exekutiert, sondern mit heißem, untröstlichem Herzen. Deshalb kann die Sache auch nicht gut ausgehen. Schwer romantischer Irrsinn eben.

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