Spike Lees "Bamboozled" Nix da Satire!

Mit "Bamboozled" hat Spike Lee das Publikum für dumm verkauft. Denn nicht überall, wo Satire draufsteht, ist auch Satire drin.

Von Nataly Bleuel


Damon Wayans (r.) als Minstrel-Parodie in "Bamboozled": "einfach schlecht gemacht"
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Damon Wayans (r.) als Minstrel-Parodie in "Bamboozled": "einfach schlecht gemacht"

Erich Kästner ist ein äußerst hilfreicher Einfall zu verdanken. Unter ironisch gemeinte Texte schrieb er in schöner Regelmäßigkeit den Vermerk: "Achtung - Ironie!" Manche Schreiber und viele Künstler müssen nämlich die bittere Erfahrung machen, dass die meisten Menschen Ironie nicht als Ironie, sondern als Ernst missverstehen. Und dann ziemlich wütend werden. Also sollte man eine Satire auf die Wirklichkeit sicherheitshalber stets mit einem Hinweis versehen: Hier darf und soll gelacht werden. Oder: Das ist nicht ganz ernst gemeint, hat aber doch den berüchtigten wahren Kern. Eine Satire, das muss vorab gesagt sein, ist dann eine Satire, wenn sie durch Spott, Ironie und Übertreibung bestimmte Personen, Anschauungen oder Verhältnisse kritisiert.

Der dozierende Exkurs ist nötig, um zu erklären, was man von Spike Lees neuem Film "Bamboozled" lernen kann. Dass nämlich nicht immer Satire drin ist, wo Satire draufsteht. "Bamboozled" heißt so viel wie "für dumm verkaufen", und das Ganze beginnt mit einer Definition der Satire aus dem Mund der Hauptfigur Pierre Delacroix (Damon Wayans), der einer der ganz raren schwarzen Autoren bei einem amerikanischen TV-Sender ist. Dem Sender gehen die Zuschauer flöten, und der Unterhaltungschef möchte, dass Delacroix eine unheimlich kreative, lustige Show ersinnt, die unheimlich dolle Quoten bringt. Was Spektakuläres, was Provokantes. Delacroix hat den genialen Einfall: Er will die Minstrel-Shows ins 21. Jahrhundert prolongieren, indem er das rassistische Stereotyp des faulen, depperten, mit den Augen rollenden "Negers" wiederbelebt. Mach ihnen den Affen, bring die Leute zum Lachen.

Doch Delacroix tut das nicht (wie Spike Lee nach dem Film erklären muss), um karrieremäßig und auf Kosten seiner schwarzen Brüder und Schwestern durchzustarten - sondern um endlich gefeuert zu werden. Er rechnet mit einem Eklat. Doch der bleibt aus. Die Zuschauer, weiße wie schwarze, fahren auf die mit Kork geschwärzten Klischees der dumpfesten Sorte ab.

Das klingt noch nach Satire, vom Drehbuch her. Doch irgendwann im Film ging dem Regisseur die Ironie abhanden, er wird mächtig larmoyant und echt dramatisch. Womöglich fehlte ihm der Mut zur Überzeichnung. Delacroix bleibt ein unentschlossener Charakter: ein bisschen blasierter Lackaffe und ein bisschen sympathische Leidfigur. Also keine Karikatur. Wo anfangs noch Witz ist, herrscht gegen Schluss nur noch stereotypes Mittelmaß. Und das ist selten komisch.

Man kann Spike Lee verstehen, wenn ihm nicht mehr zum Lachen zumute ist. Darüber, dass es kaum Schwarze in wichtigen Machtpositionen der USA gibt; dass Schwarze nach wie vor am ehesten als Sportler, Sängerinnen, Entertainer geduldet und geehrt werden; dass keine große Filmgesellschaft sein "Bamboozled" finanzieren wollte (und er also aus Kostengründen digital filmte, was ihm auch nicht gelungen ist, weil das Medium in seiner Eigenheit nicht zum Tragen kommt). Und dass er verdammt wütend wird, als ein amerikanischer Journalist ihm vorhält, er habe einen Stoff über längst vergangene Zeiten gedreht, wo es doch heutzutage keine Benachteiligung der Schwarzen mehr gäbe. "Und wer wurde - nicht vor 100 Jahren, sondern im Herbst 2000 - in Florida von den Wahlurnen abgehalten?", ruft Lee ins Publikum. Es waren vorwiegend schwarze US-Bürger, doch das muss man in den USA ganz laut und immer wieder sagen.

Muss seinen Film erklären: Regisseur Lee in Berlin
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Muss seinen Film erklären: Regisseur Lee in Berlin

Der Film ist also nicht schlecht wegen seiner Message. Im Gegenteil: Es ist ein lehrreiches Verdienst, Ausschnitte aus etlichen Minstrel-Shows zu zeigen. Sonst vergessen die Amerikaner auch noch, wie sich das Image des trotteligen "Blackface" durch ihre Geschichte zieht. Der Film ist, ab der Hälfte, einfach schlecht gemacht. Keine Karikatur, kaum Humor, null Tempo, wenig Stil, nur Drama. Nix da Satire. Und dass er sich dann auch noch bei der Storyline eines Klassikers der Mediensatire bedient - auch in Sidney Lumets "Network" von 1976 werden die Revolution und der Mord des Entertainers per TV übertragen - ist schlichtweg Ideenklau. Den würde nicht zuletzt Spike Lee heftigst anprangern, wenn sich mal wieder ein Weißer an schwarzamerikanischer Kultur zu bereichern weiß. So wie Eminem. Witzig ist das überhaupt nicht. Nicht mal, wenn man Satire drüber schreibt.



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