Alltag mit Splitscreens "Wir sind beobachtete Beobachter"

Splitscreens im Videocall sind derzeit für viele Menschen alltäglich geworden. Was aus der Filmgeschichte über die Ästhetik des geteilten Bildschirms zu lernen ist, verrät Filmprofessor Malte Hagener.
Ein Interview von Marco Kasang
Splitscreen im Film "Bettgeflüster" (1959)

Splitscreen im Film "Bettgeflüster" (1959)

Foto: akg-images/ Album/ UNIVERSAL PICTURES

SPIEGEL: Herr Hagener, viele von uns sehen ihre Verwandten, Freunde oder Kollegen seit einem Monat nur auf einem mehrfach geteilten Bildschirm, einem Splitscreen. Sie haben sich als Filmwissenschaftler auf das Thema spezialisiert. Was an dieser Ästhetik begeistert Sie?

Hagener: Das Kino reflektiert mit seinen Gestaltungsmitteln seit seinem Entstehen unsere von Medien geprägte Welt. Speziell Splitscreens werden häufig eingesetzt, um von neuen technischen Entwicklungen zu erzählen: vom Telefon etwa oder von der Liveübertragung im Fernsehen, später dann vom Leben mit digitalen Netzwerken.

SPIEGEL: Seit wann werden Splitscreens im Kino eingesetzt?

Hagener: Bereits 1913 setzte die Regisseurin Lois Weber in "Suspense" Splitscreen-Technik ein. Im Hollywoodkino um 1960 wurde auf den seltenen Einsatz von Splitscreens noch explizit hingewiesen, damit die Zuschauer verstehen, wie die zwei parallelen Bilder gemeint sind. Heute sind wir durch die Arbeit mit Computern und das Hintereinander und Übereinander vieler Fenster an diese Ästhetik gewöhnt. Filmemacher wie Brian de Palma verwendeten das Stilmittel ganz selbstverständlich, später Quentin Tarantino in "Kill Bill Vol. 1" oder Ang Lee in "Hulk".

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SPIEGEL: Sie schreiben, dass Splitscreens in jüngeren Filmen von einer "Display-Optik" geprägt sind. Was meinen Sie damit? 

Hagener: Wir sind nicht mehr nur externer Beobachter, so wie das über Jahrhunderte seit der Renaissancekunst mit ihrer Zentralperspektive der Fall war. Seit etwa 20 Jahren nehmen wir Bilder als flexibel wahr. Wir können zum Beispiel im Videocall live chatten, weitere Fenster öffnen und damit verknüpfen, Text einblenden. Typisch für unsere heutigen Splitscreens ist, dass nicht jemand anders dieses Bild für uns gestaltet und eingerichtet hat, sondern wir selbst damit in Echtzeit interagieren können. Im Kino hat Mike Figgis diese Logik mit "Timecode" im Jahr 2000 aufgegriffen.

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SPIEGEL: Während wir miteinander über Skype, Zoom oder Jitsi kommunizieren, sind wir im selben Moment Zuschauer und Akteur vor unserer eigenen Kamera. Wie prägt dieser interaktive Splitscreen-Umgang die Videokonferenzen im Corona-Alltag?

Hagener: Während einer Videokonferenz beobachten wir, wie die anderen sich verhalten, und werden von ihnen beobachtet. Im selben Moment sehen wir uns selbst aus dem Augenwinkel. Das hat einen Einfluss auf unser eigenes Verhalten, denn wir können uns permanent selbst korrigieren. Wir sind beobachtete Beobachter, im Bild entsteht also eine Art Rückkopplungsschleife.

SPIEGEL: Unsere Eigenwahrnehmung verändert sich, und der Raum, in dem wir uns befinden, scheint sich zu verdichten.

Hagener: Im Film wird das häufig als Stilmittel verwendet. Dadurch, dass ein Splitscreen mindestens zwei Fenster parallel zeigt, wird damit die Schrumpfung von Raum und Zeit illustriert. Was im Kino normalerweise hintereinander abläuft, ist hier gleichzeitig möglich. Das drückt ein Lebensgefühl aus, bei dem alles immer näher und schneller verläuft.

SPIEGEL: Zeigt das nicht auch eine Auflösung von privatem und öffentlichem Raum? Wir sehen auf dem Splitscreen heute Küchen, Wohnzimmer, Balkone - Orte, die von ihren Bewohnern erzählen.

Hagener: Unsere Monitore oder Displays sind meistens sehr mobil, und dadurch verändert sich unser Bildrahmen kontinuierlich: Dinge kommen hinein und gehen heraus. Manchmal laufen unsere Gesprächspartner während der Videokonferenz durch ihre Wohnung und machen parallel andere Dinge, lassen uns Familienangehörige und Haustiere sehen. Das Off, also das, was im Film normalerweise außerhalb des Bildrahmens unsichtbar bleibt, rückt also in unserer Realität immer häufiger ins Bild. Gleichzeitig scheinen einige Personen sehr genau zu planen, wie sie ihre Wohnung in Szene setzen.

SPIEGEL: Auch viele Fernsehsender und Theater experimentieren derzeit notgedrungen mit Splitscreen-Formaten, Musiker spielen live auf dem geteilten Bildschirm miteinander. Was können sie aus dem Kino lernen?

Hagener: Aktuell sehe ich selten eine innovative Verwendung von Splitscreens. Im Fernsehen oder Theater wird manchmal zwar mit dem Gegensatz von privat und öffentlich gespielt, etwa in einem Sketch der "heute-show" im ZDF, in dem eine Bücherregalattrappe umfällt und einen Palast enthüllt. Aber man könnte viel stärker etwa die vielen Möglichkeiten von Anwesenheit und Abwesenheit einsetzen, mit dem Verschwinden und Auftauchen in den parallelen Räumen arbeiten.

SPIEGEL: Welche Botschaft hält das Kino für uns bereit, die wir uns hinter dem geteilten Bildschirm zu Hause manchmal einsam und gefangen fühlen?

Hagener: Es gibt Filme, die uns nahelegen, den Splitscreen zu überwinden und wieder einen gemeinsamen physischen Raum herzustellen. In der Komödie "Bettgeflüster" mit Doris Day und Rock Hudson von 1959 sind anfangs viele Splitscreens zu sehen, das spätere Liebespaar ist räumlich getrennt. Im letzten Teil des Films gibt es keine geteilten Bilder mehr, und sie treffen sich im selben Raum. Viele Splitscreen-Filme fordern uns dazu auf, die aktuelle Situation nicht nur zu beklagen, sondern auch zu schauen, wie wir mit den Beschränkungen kreativ umgehen können.

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SPIEGEL: Derzeit diskutiert man in Deutschland über die Lockerung der Maßnahmen in der Coronakrise. Wie werden Filme über diesen Ausnahmezustand in den nächsten Jahren aussehen?

Hagener: Wenn heute stundenlang über nicht funktionierende Videokonferenztechnik gerätselt wird, hat das eine unfreiwillige Komik und taugt vielleicht für eine Komödie oder absurdes Theater. Wenn die Menschen auf unheimliche Weise einer nach dem anderen verschwinden, ist das Stoff für einen Horrorfilm oder Thriller. Außerdem sehe ich Potenzial für die sogenannten Desktop-Filme wie etwa "Noah" von 2013, wo sich ganze Existenzen und Dramen komplett auf der Bildschirmoberfläche abspielen.

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