"Spy Game" Spionage im Schnelldurchlauf

Rasanz ist alles in Tony Scotts Agententhriller über Liebe und Loyalität. Robert Redford und Brad Pitt geraten in "Spy Game" allerdings unter die Räder der Effekte.

Von Oliver Hüttmann


"Spy Game", Darsteller Redford, Pitt: Spione unter sich
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"Spy Game", Darsteller Redford, Pitt: Spione unter sich

Nach mehr als hundert Jahren hat das Kino nicht nur fast alle seine Geheimnisse verloren, auch die Schauspieler haben an Strahlkraft eingebüßt. Heute ist jeder bereits ein Star, der in einem halbwegs erfolgreichen Film mitgespielt hat. In der Omnipräsenz des medialen Hypes entgeht man ihren Gesichtern nicht mehr. Daher musste auch die Hierarchie vom Sternchen zum Star neu geordnet werden. Doch mit vorangestellten Superlativen wie "Mega", "Super" oder "Top" mutiert die Definition vom Star zur Tautologie und der Schauspieler zum Produkt, als ginge es nicht um die Qualität, sondern Packungsgröße von Waschmitteln. Damit dreht sich das Filmgeschäft immer schneller im Kreis, und es ist nur noch eine Frage des Terminkalenders, wann welcher Mega-Star mit welchem Top-Darsteller einen Film dreht.

So ist es schon gar kein Ereignis mehr, wenn Robert Redford und Brad Pitt in "Spy Game" erstmals gemeinsam in einem Film auftreten. Zumal bei Regisseur Tony Scott noch niemals die Schauspieler im Vordergrund standen, abgesehen vielleicht von seinem Debüt "Begierde" mit David Bowie und Catherine Deneuve oder "True Romance", der Verfilmung eines Drehbuchs von Quentin Tarantino. Scott kommt wie sein berühmterer Bruder Ridley ("Blade Runner") aus der Werbebranche und ähnelt mit seinem fleischigem Gesicht einem bärbeißigen General. Wie ein Schlachtenszenario arrangiert er auch seine Filme - "Top Gun", "Tage des Donners" oder "Last Boy Scout" - in denen die Schauspieler wie Staffage durch visuelles Sperrfeuer stolpern. Kaum zu ertragen war zuletzt das tricktechnische Stakkato in "Staatsfeind Nr. 1", die fokussierte Hetzjagd des CIA mit Wanzen, Computern und Satelliten auf den "Top"-Star Will Smith.

Brap Pitt als Nachwuchs-Agent Bishop: Keine Zeit für Emotionalität und Tiefe
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Brap Pitt als Nachwuchs-Agent Bishop: Keine Zeit für Emotionalität und Tiefe

Einen Agenten der alten Schule stellt nun Robert Redford dar. Nathan Muir erfährt an seinem letzten Arbeitstag, dass sein einstiger Schüler Tom Bishop (Pitt) bei einer Befreiungsaktion in einem chinesischen Gefängnis ertappt worden ist und in 24 Stunden hingerichtet werden soll. Da er aus unbekannten Gründen eigenständig gehandelt hat, wollen die amerikanischen Offiziellen nicht eingreifen. Während Muirs Büro bereits leer geräumt wird, erzählt Muir seinem Chef und seinem blasierten Nachfolger in der CIA-Zentrale von seinem Verhältnis zu Bishop. Dadurch will er die Zeit und Möglichkeit gewinnen, Bishop mit der Logistik des Geheimdienstes bis zum endgültigen Ende seines Jobs und des chinesischen Ultimatums doch noch zu retten.

Zeit ist der Aspekt, den Scott hier inhaltlich, historisch, geografisch und technisch in allen Variationen durchpeitscht. Die Entfernung zwischen China und Amerika lässt die Frist bis zur Exekution zeitlich noch kürzer erscheinen. Scott zappt in der Gegenwart hin und her zwischen Muirs unermüdlicher Arbeit an einem Fluchtplan und dem Verhör von Bishop, wie nach Stoppuhr unterbrochen durch Rückblenden über ihre gemeinsame Zeit als Spione. Das führt vom Vietnamkrieg in den Siebzigern, als Muir den Hitzkopf und Scharfschützen Bishop für die CIA anheuert, über das geteilte Berlin der Achtziger, wo Bishop von Muir alle Kniffe und das Kalkül in brenzligen Situationen lernt, bis hin zu einer Liebesgeschichte um Verrat und Loyalität im zerstörten Beirut Anfang der Neunziger. Letztlich verweist die Konstellation auch darauf, dass die Zeit von Redford - dem angegrauten, weisen Nathan - abläuft und Pitt seine Rolle übernehmen könnte.

Actionszene aus "Spy Game": Schnitte wie aus dem Schredder
UIP

Actionszene aus "Spy Game": Schnitte wie aus dem Schredder

Scott interessiert sich allerdings weniger für Zwischentöne, sondern ausschließlich für Tempo. Er selbst nennt seinen Plot einen "wilden Ritt" und schafft es deshalb nicht einmal, mit adäquater Langsamkeit eine dichte Thriller-Atmosphäre oder auch nur Emotionalität aufzubauen. Er traut seiner Geschichte keine Tiefe zu und tanzt wie ein Derwisch zu Technobeats auf den Fragmenten einer Oberfläche aus Video-Ästhetik und Reklame-Design. Er täuscht Spannung vor durch rasante Kamerafahrten oder Dramatik mit einem Konvolut aus Zoom und Zeitraffer, Jump-Cuts und Schnitten, die aus einem Schredder zu stammen scheinen. Wenn Muir etwa mit dem Handy in seinem Porsche telefoniert und Scott deutlich machen will, dass die Zeit drängt, beschleunigt mit einem Ruck nicht das Auto, sondern das Bild. Nicht die Story entwickelt also Dynamik, sondern allein die Technik, und der Film tritt beständig auf der Stelle. Mit solchen kinetischen Kabarettstücken versucht Scott lediglich eine dürftige, langatmige Dramaturgie über die Zeit zu retten.

Der deutsche Titel "Der finale Countdown" ist insofern ungewollt eine passende Metapher für den Zustand des modernen Kinos und seiner Darsteller. Dass "Spy Game" bei seinem zweistündigem Schnelldurchlauf dennoch nicht komplett auf die Nase fällt, ist Redford zu verdanken, der charismatisch und süffisant mit Seelenruhe agiert wie ein echter Star.

"Spy Game ­ Der finale Countdown". USA 2002. Regie: Tony Scott; Drehbuch: Michael Frost Beckner, David Arata; Darsteller: Robert Redford, Brad Pitt, Catherine McCormack, Stephen Dillane, Larry Bryggman; Produktion: Beacon Communications, Red Wagon Entertainment, Zaltman Films; Verleih: UIP; Länge: 126 Minuten; Start: 14. März 2002.



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