St.-Pauli-Dokumentation Vom Rotlichtviertel zur Sahnelage

Top-Locations statt Eckkneipen, Lounge Bars statt Rotlichtspelunken: "Empire St. Pauli" dokumentiert, wie die Lifestyle-Branche auf Kosten der alten Bewohner ein ganzes Viertel übernimmt - ein bitterer Agitprop-Film gegen stadtpolitischen Zynismus.

Gelbe Gardinen, Resopaltische, Wimpel und Zierteller an den Wänden. Die Luft ist zum Schneiden. Rentner, Transen und zahnlose Trinker machen Polonaise und schwenken Bierknollen. Leuchtgirlanden baumeln von holzvertäfelten Decken.

Im Tippel-Inn feiert man den letzten Abend. "Abriss gibt's nur einmal" johlt die fidele Hausfrau mit der Spitzenbluse. Eine der letzten Eckkneipen von St. Pauli muss einem Neubau weichen, nachdem die städtische Wohnungsgesellschaft das Altbauensemble hat verwahrlosen lassen. "Wir werden vertrieben, Hermann", sagt die Dame mit Mopfrisur zu ihrem weißhaarigen Begleiter.

Fünf Jahre ist die Abschiedsparty des Tippel Inn her. Ein Film über den Hamburger Kiez lässt sie wiederauferstehen. "Empire St. Pauli" heißt die Dokumentation, die vom Wandel des weltbekannten Viertels erzählt. Der Stadtteil, der wie kein anderer in Deutschland für billiges Vergnügen steht, wird zum teuren Pflaster. Rotlichtspelunken machen Lounge-Bars Konkurrenz, statt Komasaufen gibt's den Drei-Gänge-Lunch für 24 Euro. Im funkelnagelneuen Büro- und Wohn-Karree auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei tummeln sich Werbeagenturen und Wohnungseigentümer, die den wilden Kiez nur noch vom Hörensagen kennen.

"Ich habe gehört, früher war's ein bisschen alternativer hier", sagt der junge Mann im schwarzen Slim-Fit-Hemd, der wegen des Hafenpanoramas hergezogen ist. Beim Grapefruit-Prosecco-Cocktail preist der Projektentwickler das "Design Ready Konzept" des geplanten Marco Polo Towers an: "Hier kann man seine Wünsche von Individualität, Freiheit, Luxus und Flexibilität erfüllen." Top-Locations, Hotspots und Sahnelagen - Marketing-Sprech ist eingezogen zwischen geiler Meile und Elbe. In der Hopfenstraße, wo vorher die Prostituierten in den Fenstern saßen, stehen heute Eigentumswohnungen für 250.000 bis 350.000 Euro zum Verkauf.

Die Huren bekommen mittlerweile Ärger mit der Polizei, wenn sie sich an den Fenstern zeigen. Fassungslos berichtet ein Anwohner, der früher gerne mit Nachbarn auf der Haustreppe ein Bierchen verdrückt hat, dass ihm die Ordnungshüter unlängst dafür einen "Platzverweis" erteilt haben, der ihm das Betreten des Stadtteils untersagt. St. Pauli, was ist aus dir geworden?

"Empire St. Pauli", die Dokumentation, die von alledem erzählt, ist eine filmgewordene Bürgerinitiative. Aus Unmut über Mieterhöhungen und Verdrängung hat das St.-Pauli-Plenum - ein runder Tisch von Anwohnern - die Low-Budget-Produktion initiiert. "Wir wollten einfach dokumentieren, was hier tagtäglich passiert", sagt Steffen Jörg, Sozialarbeiter und Produzent des Films. "Wir wollten denen, die hier wohnen, eine Stimme geben."

Seit jeher leben im Schatten der Touristenhorden, die allwöchentlich den Kiez überrollen, viele Migranten, Arme und Alte, die das Vergnügungsgewerbe als Rentner entlassen hat. Und weil St. Paulianer bekanntlich nicht auf den Mund gefallen sind, schimpfen sie im Film ordentlich gegen die Lattemacchiatisierung ihres Stadtteils an. "Die hauen sich alle ihre Taschen voll und wir sind die armen Geister", erklärt die reife Blondine aus der Holstenschwemme - noch so eine abgewickelte Eckkneipe.

Die türkischen Kids vom Hein-Köllisch-Platz konstatieren trocken das, was die deutsche Leitkultur gemeinhin ihnen vorwirft: misslungene Integration. "Wenn man hier wohnt, sollte man sich auch hier in der Umgebung einleben", sagen sie. "Aber die haben sich ihre eigene kleine Welt geschaffen." Eine Parallelwelt, die ihrerseits das originale St. Pauli wortreich goutieren kann. "Pikobello sauber, herzensgute Menschen, da dürfte man nie was anderes draus machen", lobt der Sprecher des Empire Riverside-Hotelturms die "Scharfe Ecke" direkt vis-à-vis. "Die Geschäftsreisenden wollen schließlich das typische Flair von St. Pauli sehen." Um sie für die Klientel des bronzefarbenen "Livestyle-Hotels" begehbar zu machen, hat der Hotelinvestor die Pinte saniert.

Aber man kann die Freaks und Säufer auf der Davidstraße auch von der Lounge-Bar im Erdgeschoss aus betrachten. Abgeschirmt hinter dunklen Panoramascheiben, in Lederfauteuils, zu Chillout-Musik, bei eurasischem Fingerfood. St. Pauli hinter Glas. "Wir glauben, dass wir hier eine Positionierung als bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil realisieren können" schwadroniert die Dame von der Hamburg Tourismus GmbH über den Kiez, wie ihn sich Standortpolitiker erträumen: Abgezirkelt abgefahren, mit ein paar urigen Hartz-IV-Empfängern als Farbtupfer. Ein Stadtteil wird zum Themenpark.

"St. Pauli Empire" ist kein cineastisches Meisterwerk. Dafür aber ein bitterböser Agitprop-Film gegen stadtpolitischen Zynismus, wie es ihn nicht nur auf St. Pauli gibt. Zurecht hat er dafür den Hamburger Dokumentarfilmpreis gewonnen. Am Donnerstag ist Premiere in einer ehemaligen Bowlingbahn am Eingang der Reeperbahn, der - wie sollte es anders sein - auch der Abriss blüht: Wo einst der legendäre Mojo-Club residierte, werden bald zwei 85-Meter-Glaszähne in die Höhe wachsen. 33.000 Quadratmeter neue Bürofläche in einer Stadt, in der heute schon eine Million Quadratmeter unvermietet sind, dazu ein Vier-Sterne-Hotel. "Aber im Erdgeschoss werden sicher St.-Pauli-affine Nutzungen sein", verspricht der Projektentwickler. Was immer das dann noch heißen mag.


Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak, Deutschland 2009, 85 Min.

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