Stallone in Köln Rocky Reloaded

Hollywood-Star Sylvester Stallone stellte in Köln seinen neuen Film "Rocky Balboa" vor. Ein letztes Mal steigt der alternde Star als legendärer Boxer in den Ring. Kunstfigur und reale Person waren bei der Pressekonferenz nicht mehr zu trennen.

Von Uh-Young Kim, Köln


Beinahe hätten sie angefangen, im Chor "Rocky! Rocky!" zu skandieren - wie in der bekannten Treppensprintszene aus dem Boxer-Epos. Nur waren es diesmal keine Kinder, sondern sonst eher zurückhaltende Journalisten, die sich nach der Pressekonferenz in Köln fasziniert um Sylvester Stallone scharten, um ihm nahe zu sein und ein Autogramm zu ergattern.

Dabei war Stallone lange Zeit alles andere als ein Liebling der Kritik. Es schien, als wäre er dazu verdammt, auf ewig seinem furiosen "Rocky"-Debüt aus den Siebzigern hinterherzulaufen. Es folgte der totale Ausverkauf und der kontinuierliche Niedergang, begleitet vom Hohn der Presse. Stallone gehört zur ausgestorbenen Spezies des muskelbepackten Actionhelden. Mit "Rocky Balboa", dem finalen Kapitel seiner Herzblut-Saga (Deutschlandstart am 8. Februar), hat er es nun aber tatsächlich geschafft, wieder respektiert und geliebt zu werden.

Der neue Rocky ist wie der alte

Um die drei Jahrzehnte umspannende Geschichte des Boxweltmeisters aus den Slums abzuschließen, ist Stallone zu den Wurzeln seines größten Achtungserfolgs von 1976 zurückgekehrt. Der neue "Rocky" ist wie der alte: sentimental und effektiv, schmutzig und adrenalindurchtränkt. Vergessen sind die patriotischen Töne von George Bushs Lieblingsschauspieler im Zeichen des Kalten Kriegs sowie das filmische Desaster von "Rocky V" vor 16 Jahren. Seitdem hat Stallone in Hollywood keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Vielleicht musste er erst ganz unten sein, um die Tellerwäscherlegende glaubhaft neu aufzulegen.

Nicht zuletzt spiegelt sich so im Werdegang des 50-jährigen Boxers auch die Karriere seines 60-jährigen Schöpfers wider. Beide sind über Nacht zu Superstars geworden, taumelten danach durch Ringe und Filme und erweisen sich nun als Stehaufmännchen der Stunde, obwohl keiner an sie glaubte. Mehr und mehr fallen dabei Kunstfigur und reale Person zusammen.

Wie er lässig und mit comic-hafter Statur den Pressesaal des Hotels betritt, kommt in keiner Sekunde Zweifel darüber auf, dass der Typ morgens rohe Eier trinkt, danach ein paar Liegestützen einarmig macht und in bewegenden Momenten nach seiner "Aaadrian!" brüllt. Entwaffnend naiv schaut er mit dem Trademark-Hundeblick in die Runde und nimmt sich selbst nicht allzu ernst: "Mr. Stallone, haben Sie schon mal daran gedacht, eine romantische Komödie zu drehen?" – "Mit dem Gesicht?" Ganz der simpel gestrickte Mann des Volkes, wie ihn Stallone mit seinem Archetyp des urbanen Underdogs erschaffen hat.

Durchhalten wie im Irak

Wer hier wen imitiert, ist nicht mehr festzustellen, und angesichts des sich anbahnenden Nostalgie-Trips auch nicht so wichtig. "Willkommen im Rocky-Land", begrüßt der Boxkommentator die Zuschauer im Film und bringt damit die Selbstreferenzialität von "Rocky Balboa" auf den Punkt. Zu Bill Contis Klassiker-Soundtrack wird dabei der eigene Bilderfundus geplündert und fetischisiert – von den bekannten Schauplätzen über die originalen Schildkröten bis zu den Schweißflecken auf dem grauen Trainingsanzug. Das erzählerische Grundgerüst baut unverändert auf der Verkettung von Krise, Lösung (durch eine Frau), Training, Kampf und Triumph auf. Orgiastisch werden dabei Szenen früherer Folgen ineinander montiert. So entsteht eine Art Meta-Rocky, der vertraut wirkt und gleichzeitig mythologisch überhöht ist.

Im Alltag steht die kulturelle Ikone jedoch im krassen Gegensatz zum tapsigen Senior: Balboa ist alt geworden und traurig. Seine geliebte Adrian ist gestorben, die Beziehung zu seinem Sohn zerrüttet. Als Restaurantbesitzer unterhält er die Gäste mit Anekdoten aus seinen goldenen Tagen. Die persönliche Alterskrise, der Kampf um Anerkennung und eine letzte Herausforderung, wird durch Unsicherheit, Trauer und Verlustängste verschärft. Dabei hat sich der nationale Populismus, der in Rocky stets einen treuen Agenten hatte, im traumatisierten Post-9/11-Amerika nach innen gewendet. Die Depression kann erst überwunden werden, wenn sich der Held den eigenen Dämonen stellt und ein letztes Mal in den Ring steigt. Dort muss er durchhalten - wie der US-Präsident den Krieg im Irak.

Als Gegner bietet sich kein Geringerer als der amtierende Weltmeister an. Im erst computersimulierten und später realen Kampf mit dem Champion aus der HipHop-Generation schließt sich der Kreis zum Mythos Muhammad Ali, an dem sich der "italienische Hengst" seit jeher abarbeitet. Trotz etlicher Bekenntnisse zur Willenskraft und zum Kämpferherz lässt Rocky pünktlich zum Gong den Umhang fallen und entblößt einen mumienhaften Block von Körper, der faszinierend wie abstoßend zugleich ist.

Sein Hemd hat Stallone während der Pressekonferenz natürlich angelassen. Und nach Rheumabeschwerden oder den Errungenschaften der plastischen Chirurgie hat ihn auch niemand gefragt. Schließlich hat der Mann das Kunststück vollbracht, das nostalgische Potenzial der Saga bis zum Letzten auszuquetschen und dabei den Helden aller Außenseiter in Würde abtreten zu lassen. Rocky ist nun reif für die DVD-Box. Jetzt muss nur noch Rambo seinen Frieden finden.



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