Filmhommage "Stan & Ollie" Zwei für die Ewigkeit

Aus dem Nichts einen Spaß machen: Stan Laurel und Oliver Hardy sind bis heute das größte Komikerduo aller Zeiten - ein wunderbares Biopic verneigt sich vor ihrer Genialität.

SquareOne

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Waren die mal komisch? Und wenn ja, wie sehr? Als Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) 1953 britischen Boden betreten, scheinen sie selbst kaum eine Antwort darauf zu haben. Zu lange liegen ihre größten Erfolge zurück, zu stark wirkt gleichzeitig ihr größter Streit nach.

1937 endete Laurels Vertrag mit dem Produzenten Hal Roach. Laurel glaubte, angesichts ihres Weltruhms mehr Geld heraushandeln zu können. Doch Roach ließ ihn trotzig ziehen und setzte Hardy, den er weiterhin unter Vertrag hatte, Harry Langdon als neuen Kompagnon vor die Nase. Einen Film, "Zenobia, der Jahrmarktselefant", drehten die beiden zusammen, dann wurde die Idee einer ganzen Filmreihe mit Hardy und Langdon begraben. Hardy ohne Laurel - das wollte einfach keiner sehen.

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"Stan & Ollie": Wie zu ihren besten Zeiten

Verrat? Notlösung? Pragmatischer Umgang mit den damals üblichen Knebelverträgen der Studios? Der Brite Jon S. Baird hält sich in seinem wunderbar behutsamen Film "Stan & Ollie" mit keiner Schuldzuweisung auf, wer für die vorübergehende Trennung des famosen Duos verantwortlich ist. Stattdessen forscht er zusammen mit Drehbuchautor Jeff Pope nach, welche emotionalen Folgen "der Film mit dem Elefanten", wie ihn Laurel grimmig nennt, hatte.

Misstrauen und Zweifel säte er zwischen den Komikern, und auch an ihnen als Team. Denn so unzertrennlich, wie immer behauptet, waren sie offensichtlich nicht. In die Skepsis, die ihnen zu Beginn ihrer Theatertournee 1953 durch Großbritannien und Irland vonseiten des Publikums entgegenschlägt, mischen sich deshalb auch Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Prompt spielen sie die ersten Abende vor spärlich besetzten Reihen.

Ihr Manager nötigt sie daraufhin, Auftritte für die Lokalpresse wahrzunehmen, Badeschönheiten zu küren und Fish-and-Chips-Buden einzuweihen, um Werbung für die Tour zu machen. Diese Termine geraten jedoch alles andere als erniedrigend, denn sie funktionieren ganz ähnlich wie der Film selbst: Auf dem Papier mögen "Stan & Ollie" nicht mehr die heißeste Nummer sein. Sieht man sie aber erst einmal in Aktion, sind sie schlicht hinreißend.


"Stan & Ollie"
UK/CAN/USA 2018

Regie: Jon S. Baird
Buch: Jeff Pope
Darsteller: John C. Reilly, Steve Coogan, Shirley Henderson, Nina Arianda
Produktion: Entertainment One, BBC Films et al.
Verleih: Square One
FSK: ohne Altersbeschränkung
Länge: 98 Minuten
Start: 9. Mai 2019


Sie, das sind in diesem Fall die Komiker Coogan ("Alan Partridge") und Reilly ("Stepbrothers"). Beide hat es in den vergangenen Jahren verstärkt zu dramatischen Rollen hingezogen, doch dass sie hier so glänzen, hat weder mit einer etwaigen Rückkehr zu ihren komödiantischen Wurzeln noch einer neu gewonnenen Ernsthaftigkeit zu tun. Vielmehr verkörpern sie Laurel und Hardy - auch dank großer physischer Ähnlichkeit - derartig immersiv, dass sich ihre Leistung in das Gegenteil von Großschauspielerei verkehrt: Sie zeigen nicht ihre eigene Kunst, sondern die von Laurel und Hardy.

Für die bedurfte es bekanntermaßen keiner aufwendigen Kulissen oder hanebüchenen Stories. Ein vertauschter Hut, eine wackelige Leiter reichten aus, um Alltag in Anarchie umschlagen zu lassen. So folgt in ihrem legendären Kurzfilm "The Battle of the Century" auf eine sorglos weggeworfene Bananenschale ein exzessives Handgemenge, bei dem über 3000 Sahnetorten durch die Luft fliegen.

Gefährlich wurde es dabei aber nie. Das Schlimmste, was einem in einem Laurel-und-Hardy-Film passieren konnte, war eben, einer segelnden Sahnetorte im Weg zu stehen. (Oder die Hose heruntergezogen zu bekommen. Oder beides.)

Diese Mechanik macht sich der Film, der überhaupt sehr oft Form und Inhalt zur Deckung bringt, zu eigen. Auch er zeigt einen Alltag voller potenzieller Katastrophen. Eine Tour, die vorzeitig vor leeren Häusern zu enden droht. Ein Geheimnis, das bei Aufdeckung das Zeug zum Vertrauensbruch hat. Ein Herzinfarkt, der tödlich sein könnte.

Alles endet aber ein wenig anders und undramatischer als zunächst gedacht. So macht sich eine Unaufgeregtheit breit, die beiläufig die Größe von Laurel und Hardy unterstreicht. Denn warum ihnen Konflikte und Probleme unterjubeln, wenn es ihr Talent war, aus dem Nichts einen Spaß zu machen?

Im Video: Der Trailer zu "Stan & Ollie"

SquareOne

So ist es am Ende eines ihrer berühmten Tänzchen, das den überaus passenden Schlusspunkt setzt. Ein verzögerter Einsatz, ein schwerfällig verlagertes Körpergewicht, ein ungelenk geschwungenes Bein: Fertig ist eine komödiantische Nummer von ewigem Charme.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 09.05.2019
1.
Tut mir leid, aber nach welchen Kriterien sind die beiden das "größte Komikerduo aller Zeiten" ? Ich hätte da andere Kandidaten, aber wer legt sowas fest ?
mariomeyer 09.05.2019
2. Yo
Aha. 3000 Sahnetorten, die durch die Luft fliegen, sind also weder aufwendig, wenn es um Kulissen geht (weil es "nur" Requisiten sind, oder warum?), noch hanebüchen von der Story her (passiert schließlich dauernd, sowas). Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Passage, in der die scheinbare Einfachheit des Witzes von Stan und Olli proklamiert wird, richtig verstanden habe. Waren es am Ende vielleicht keine 3000 Sahnetorten, sondern viel weniger, und die Autorin übertreibt nur ein wenig - der besseren Anschaulichkeit halber?
taglöhner 09.05.2019
3.
Zitat von quark2@mailinator.comTut mir leid, aber nach welchen Kriterien sind die beiden das "größte Komikerduo aller Zeiten" ? Ich hätte da andere Kandidaten, aber wer legt sowas fest ?
Und? Sind die geheim?
kodu 09.05.2019
4. Laurel und Hardy...
...haben mich bereits als Kind zum Lachen gebracht und das werde ich ihnen nicht vergessen. Hinter dem Slapstick oft auch ein Hauch von naiver Traurigkeit, wenn ihnen das Schicksal mit existenziellen Herausforderungen wieder übel mitspielte - ob mit heimtückischen oder gar gewalttätigen Ehefrauen, ob mit Klavier vor einer endlos langen Treppe stehend oder verarmt (wie meistens) vor dem enttäuschenden Erbe eines Dudelsacks und einer Schnupftabakdose. Leider hat der deutsche Verleih im Trailer zum Film wieder die Unsitte reanimiert, die beiden, die der noble Theo Lingen immer mit "Mister Laurel und Mister Hardy" verehrte, als "Dick und Doof" anzukündigen... So habe ich sie nie genannt.
phthalo 09.05.2019
5. @quark2@mailinator.com
Da der Begriff "größte Komikerduo aller Zeiten" sicherlich nicht geschützt ist, kann das jeder für sich selbst festlegen. Wo ist das Problem?
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