SPIEGEL ONLINE

Neuer "Star Wars"-Film "Der Aufstieg Skywalkers" Am Ende ein Triumph

142 Minuten und jede davon ein Spektakel: Mit der "Star Wars"-Folge Episode IX bringt J.J. Abrams die Skywalker-Saga auf Biegen und Brechen zu Ende. Ein grandioses Finale entschädigt für diesen Kraftakt aber.

Nach einem knappen Drittel von "Der Aufstieg Skywalkers" haben es unsere drei Freunde vom Widerstand mit einer bedrohlichen Schlange zu tun. Diese ist nicht nur meterdick, sondern hat statt einem Augenpaar gleich drei.

Das Tier ist bei Weitem nicht der gefährlichste Gegner, den Rey, Poe und Finn zu bekämpfen haben, es ist wahrscheinlich sogar der harmloseste. Denn Episode IX führt Rey zu der Person, die die Auslöschung aller Jedi-Ritter in der Hand hat - und mithilfe von Kylo Ren genau das zu tun gedenkt.

Dennoch ist die Schlange bedeutsam, denn wie bei ihr setzt der Film auch sonst die längste Zeit einfach auf mehr. Mehr neue Kreaturen und mehr neue Welten, mehr große Schlachten und mehr intime Duelle. Jedes Setting ist mit Details überladen, und jede Figur, deren Loyalität zu heller oder dunkler Seite der Macht unklar ist, wird gleich mehrfach gedreht.

Fotostrecke

"Der Aufstieg Skywalkers": Ein letztes Mal Jedi gegen Sith

Foto: Lucasfilm/ Disney

Aber was sollte J.J. Abrams, Regisseur und Co-Autor von "Der Aufstieg Skywalkers", auch anderes machen im Abschlussteil der größten Filmreihe aller Zeiten? Wie sollte diese Geschichte, die mit einem kleinen Piloten namens Anakin Skywalker begann, ihm als Darth Vader ein schreckliches neues Leben schenkte, seine Kinder Luke und Leia zu den wichtigsten Kämpfern des Widerstands aufsteigen ließ, Enkel Ben Solo zur dunklen Seite der Macht führte und ihm schließlich die geheimnisvolle Jedi-Ritterin Rey als mächtigste Gegnerin in den Weg stellte - wie sollte diese Geschichte anders enden als im Überschwang?

Was Abrams in Episode IX veranstaltet, ist deshalb überaus angemessen - und sieht von den wellenumtosten Ruinen des Todessterns bis zu epischen Gefechten im Weltall wirklich toll aus. Es ist in seiner grundlegenden Hilflosigkeit aber auch ehrlich. Denn außer Spektakel hatte die Sequel-Trilogie, die 2015 mit "Das Erwachen der Macht" ihren Anfang nahm, in den wenigsten Momenten etwas zu bieten, das ihre Existenz jenseits der Erschließung neuer Fan-Generationen gerechtfertigt hätte: Die Originaltrilogie von 1977 bis 1983 hatte keine Fährten in die Zukunft ausgelegt, sie war in ihrer wunderbaren, nachgerade eleganten Schlichtheit so auserzählt wie kaum eine Story sonst.

Ein wenig eigener Glanz

Darüber hinaus hatten die Episoden IV bis VI mit dem Figuren-Triumvirat aus Han, Luke und Leia allen Filmemachern, die an sie anschließen wollten, ein vergiftetes Geschenk gemacht. Denn einerseits konnten sie auf einer emotionalen Verbundenheit mit diesen Figuren aufbauen, die in der Filmgeschichte einzigartig ist. Andererseits band sie dieser Umstand auf Gedeih und Verderb an den berühmtesten Jedi-Ritter, die berühmteste Prinzessin und den berühmtesten Lederwestenträger des Kinos.

Als Abrams Episode VII konzipierte, schien ihm das bewusst zu sein. Schließlich inszenierte er den Trilogieauftakt zu wesentlichen Teilen als Abfolge von Legenden-Cameos. Gleichzeitig versuchte er aber auch noch, dem neuen Heldentrio Rey (Daisy Ridley), Finn (John Boyega) und Poe (Oscar Isaac) ein wenig eigenen Glanz zu verleihen. Er scheiterte.


"Star Wars: Episode IX - Der Aufstieg Skywalkers"
USA 2019
Regie:
J.J. Abrams
Drehbuch: Chris Terrio, J.J. Abrams
Darsteller: Daisy Ridley, Adam Driver, Oscar Isaac, John Boyega, Joonas Suotamo, Billy Dee Williams, Domnhall Gleeson, Keri Russell, Richard E. Grant
Produktion: Lucasfilm, Bad Robot, Walt Disney Pictures
Verleih: Disney
Länge: 142 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 18. Dezember 2019


Den räudigen Charme von Harrison Fords Han Solo konnte Isaac mit seinem Hau-drauf-Poe nur variieren, nicht erneuern. Von der potenziell heiklen Kindersoldaten-Vita von Boyegas Storm-Trooper-Konvertiten Finn ließen die Filmemacher gleich nach deren Anreißen schon wieder die Finger. Und Ridleys Rey blieb eigentlich nichts anderes zu tun, als entweder zu kämpfen, in Erwartung eines Kampfes scharf durch die Zähne zu atmen oder nach Beendigung eines Kampfes von Mitstreitern beherzt in den Arm genommen zu werden.

Allein Adam Drivers Kylo Ren hatte sofort Statur. Das hätte bei dieser Familiengeschichte (Sohn von Leia und Han!) und bei diesem Schauspieler (für "Marriage Story" wird Driver sicherlich bald zum zweiten Mal für den Oscar nominiert) nicht überraschen dürfen. Trotzdem schien die "Star Wars"-Truppe um Produzentin Kathleen Kennedy vom Potenzial dieser Figur verschreckt zu sein. Statt düsterer Emo-Jungs mit daddy issues wollten sie diesmal doch starke Frauen und People of Color im Mittelpunkt haben: Eine neue Hoffnung, jetzt noch mal neuer!

Kein Entkommen vor diesem Erbe

Diesen löblichen Impuls nahm Rian Johnson mit "Die letzten Jedi" auf. Seine Episode VIII war der überaus erfrischende Versuch, die "Star Wars"-Saga von ihrer Fixierung auf Herkunft zu lösen und vom Persönlichen ins Politische, vom Familienerbe zur Agenda zu überführen. Für sich genommen, gelang das dem Film: Als Kylo Ren Rey ins Gesicht sagte, ihre Eltern wären niemand gewesen, fühlte es sich an, als wären mehrere Zentner Erzählballast abgeworfen worden.

Doch mit Freiheit können konservative Kräfte, zu denen Fans unbedingt gehören, nichts anfangen, weshalb "Die letzten Jedi" einen Backlash erlebte wie kein "Star Wars"-Film zuvor. Rebellen, so scheint es, mögen die lautesten Fans der Filmreihe nur als Fantasy-Figuren, nicht als Filmemacher.

Und letztlich konnte auch Johnson nichts für die Profilierung des blassen Heldentrios um Rey herum tun. Die Bande untereinander waren einfach zu schwach, um ihrer Trennung in Episode VIII die Wucht zu verleihen, die "Das Imperium schlägt zurück" zum nach wie vor besten "Star Wars"-Film macht. Die rückblickend einzige Erkenntnis, die sich aus "Die letzten Jedi" und dem Fan-Aufstand gegen den Film ziehen ließ, war wohl: Vor dem Erbe von Han, Luke und Leia gibt es kein Entkommen.

Im Video: Der Trailer zu "Der Aufstieg Skywalkers"

Walt Disney

In "Der Aufstieg Skywalkers" hat sich Abrams diese Erkenntnis nun zu Herzen genommen - und sie letztlich gelungen umgesetzt. Er eröffnet den Film zwar als einstündigen Fan-Service und stellt seine World-Building-Skills eindrucksvoll unter Beweis. Dann beginnt er jedoch, die Verbindungslinien zwischen den alten und neuen Hauptfiguren zu ziehen. Nicht jede davon ergibt Sinn, dennoch kommt zum Spektakel endlich die emotionale Tiefe dazu. Der Kampf zwischen Rey und Kylo Ren spitzt sich zu, und die Erzählung fokussiert sich beständig, bis das passiert, was der Titel die ganze Zeit versprochen hat: Der Aufstieg Skywalkers.

Eine einzelne Person reist zum Schluss zu dem Planeten, den sie als ihre Wahlheimat erkoren hat. Und wie sie sich dort ins strahlende Gegenlicht der Sonne stellt, wird sie zum emphatischen Ausrufezeichen hinter eine Filmsaga, die 1977 begann. Nein, Quatsch, vor viel längerer Zeit. In einer weit, weit entfernten Galaxis.