Drehbuchautor Sorkin über "Steve Jobs" "Er hielt eine Menge auf sich. Vielleicht zu Recht"

Was für ein Mensch war Steve Jobs? Diese Frage stellt aktuell ein ungewöhnliches Biopic im Kino. Drehbuchautor Aaron Sorkin hält den verstorbenen Apple-Guru für einen großen Künstler, Mitglied der Mac-Sekte wurde er trotzdem nicht.

Michael Fassbender als Steve Jobs: "Im Film vergleicht er sich auch mit Gott"
Universal Pictures

Michael Fassbender als Steve Jobs: "Im Film vergleicht er sich auch mit Gott"

Ein Interview von


Zur Person
  • AP/ The Canadian Press
    Aaron Sorkin, 1961 geboren, gilt als einer der weltweit besten Drehbuchautoren. Der New Yorker hat Theater an der Syracuse University studiert. Seine Serie "The West Wing" (1999-2006) gilt als Meilenstein der TV-Geschichte. Seit dem Ende der Serie schreibt Sorkin verstärkt Kinofilme. Für "The Social Network" gewann er 2011 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch.
SPIEGEL ONLINE: Mister Sorkin, Steve Jobs' Witwe Laurene Powell Jobs hat versucht, ihren Film zu verhindern. Sie hat sogar die Schauspieler Leonardo DiCaprio und Christian Bale, die als Hauptdarsteller im Gespräch waren, persönlich gebeten, die Rolle nicht zu spielen. Warum dieser heftige Widerstand?

Aaron Sorkin: Das frage ich mich auch. Laurene Powell Jobs hat das Drehbuch nie gelesen, und den Film, soweit ich weiß, bis heute nicht gesehen. Sie hatte nur das vage Gefühl, sie würde ihn nicht mögen. Dafür ist sie ziemlich weit gegangen, finde ich. Sie hat den Schauspielern offenbar gesagt, der Film würde ihre Kinder verletzen. Doch das tut er ganz sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeichnen Jobs als rücksichtslosen Menschen, der sich weigert, Unterhalt für seine Tochter zu bezahlen, obwohl er schon Multimillionär ist.

Sorkin: Ich habe mich mehrfach mit seiner Tochter getroffen. Das Verhältnis zwischen Jobs und ihr wurde für mich ein Schlüssel zu diesem Film. Steve hat lange gebraucht, sie zu akzeptieren. Es fiel ihm schwer, Gefühle für andere Menschen zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Einige seiner Weggefährten beschreiben ihn als grausam.

Sorkin: Er neigte etwas zur Grausamkeit. Er war überzeugt, grausam handeln zu dürfen, weil er glaubte, selbst grausam behandelt worden zu sein. Weil ihn seine Eltern zur Adoption freigegeben hatten, hielt er sich für irreparabel beschädigt. Er fühlte sich ungeliebt. Möglicherweise war das der Grund, warum er alles daran setzte, Produkte zu erschaffen, die von möglichst vielen Menschen geliebt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen auch, wie Jobs seine Mitarbeiter tyrannisiert.

Sorkin: Er glaubte vielleicht, dass er sie nur so zu Höchstleistungen bringt. Ich bin da anders. Wenn ich mit den Schauspielern und dem Regisseur meine Dialoge durchgehe, bin ich wie ein Cheerleader und feuere alle an. Ich will jedem das Gefühl geben, für das Gelingen des Ganzen unerlässlich zu sein. Das war Steve fremd. Er hätte gesagt: "Du bist eitel, du willst nur, dass die Leute dich mögen."

SPIEGEL ONLINE: Liebte Jobs seine Produkte mehr als seine Mitmenschen?

Sorkin: Ich glaube schon. Ich vermute, er hat durch die Entwicklung seiner Produkte viel kompensiert. Das war aber auch einer der Gründe für seinen Erfolg. Er hat es geschafft, dass die Menschen ein starkes emotionales Verhältnis zu ihren Computern und ihren Telefonen entwickeln, dass sie diese Geräte gerne ansehen, gerne berühren.

Im Video: "Steve Jobs" - Porträt eines Soziopathen

SPIEGEL ONLINE: Warum wird unser Kommunikationszeitalter ausgerechnet von Menschen mit schweren Kommunikationsstörungen wie Jobs oder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg geprägt?

Sorkin: Wie Steve ist auch Zuckerberg eine sehr komplizierte Persönlichkeit. Er war auf der Highschool nicht allzu beliebt, galt als uncool. Als junger Mann hatte er enorme Schwierigkeiten, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Er schuf ein Netzwerk, das es ihm ermöglichte, mit vielen verschiedenen Menschen zu kommunizieren. Das hat eine gewisse Folgerichtigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Ähnelten sich Zuckerberg und Jobs in dieser Hinsicht?

Sorkin: Ich denke schon. Wenn Steve vor Hunderten von Leuten auf der Bühne stand, war er in seinem Element. Saß er nur einer einzigen Person gegenüber, fühlte er sich offenbar eher unwohl. Ich kann das sehr gut nachempfinden, mir geht es genauso. Wenn Menschen so große Schwierigkeiten haben zu kommunizieren, verstehen sie vielleicht besser, wie eine Technik funktionieren muss, die Kommunikation erleichtert.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten mehrfach mit Jobs Kontakt.

Sorkin: Einmal rief er mich an, um mir zu einer Episode von "The West Wing" zu gratulieren, die am Abend zuvor ausgestrahlt worden war. Das zweite Mal lud er mich zu einer Studiotour bei Pixar ein. Er hatte das Studio mit aufgebaut und wollte, dass ich ein Drehbuch für Pixar schrieb. Beim dritten Mal bat er mich, ihm bei einer Rede zu helfen, die er an der Stanford University halten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie's getan?

Sorkin: Mir war etwas mulmig bei dem Gedanken, jemandem wie Jobs vorzuschreiben, was er sagen soll. Ich bat ihn, ein, zwei Absätze zu schreiben. Die habe ich mir angeschaut und versucht, etwas Musik dazuzugeben, mehr nicht. Ich habe ihm gesagt: "Steve, schau's dir an, wenn's dir gefällt: fein. Wenn nicht, schmeiß es weg." So haben wir uns die Entwürfe ein paar Mal hin- und hergeschickt. Dass die Rede am Ende brillant wurde, war sein Verdienst. Er hat allem seinen Stempel aufgedrückt, auch dieser Rede.

SPIEGEL ONLINE: Benutzen Sie selbst Apple-Produkte?

Sorkin: Als ich nach meinem Studium Mitte der Achtzigerjahre nach New York zog, kaufte ich mir zusammen mit meinem Zimmernachbarn einen Mac und blieb bei der Marke, auch aus Bequemlichkeit. Alles was ich geschrieben habe, seit ich Drehbuchautor bin, habe ich auf einem Mac geschrieben. Und ich habe ein iPhone in der Tasche. Aber mir wird nicht warm ums Herz, wenn ich es zur Hand nehme. Ich kann dafür keine Leidenschaft aufbringen. Für mich sind das praktische Hilfsmittel, die das Auge erfreuen, mehr nicht.

SPIEGEL ONLINE: Damit sind Sie wahrscheinlich in der Minderheit.

Sorkin: Ja, wenn man sich im Internet umtut, stellt man fest, dass erbittert darum gestritten wird, wer die besseren Produkte herstellt: Apple, IBM oder Samsung. Fast wie bei Sportvereinen: Wenn du nicht in meinem Fanblock sitzt, bist du mein Feind.

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"Steve Jobs": Detektivarbeit und Klatschrecherche
SPIEGEL ONLINE: Ist Apple eine Religion?

Sorkin: Tatsächlich sind Apple-Geräte in erster Linie darauf ausgerichtet, miteinander zu kommunizieren - und nicht mit den Geräten anderer Hersteller. Man könnte also sagen: Die Gläubigen bleiben unter sich. Steve wollte ein geschlossenes System, aber ich denke nicht, dass es ihm darum ging, andere Menschen auszugrenzen.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Sorkin: Er verstand sich als Künstler, und ein Künstler kann nicht zulassen, dass andere in seinem Werk herumpfuschen. Steve Wozniak, der die ersten Apple-Geräte entwickelte, war der Ansicht, dass Computer erweiterbar sein und möglichst viele Schnittstellen haben sollten. Steve schauderte bei dieser Vorstellung.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das nachvollziehen?

Sorkin: Na, klar! Wenn ich höre, dass es eine neue Software gibt, mit der man Filme manipulieren kann, stelle ich mir vor, dass jemand seine Oma in einen meiner Dialoge reinschneidet. Dann gehe ich an die Decke. Steve wollte den Apple-Käufern keine große Wahl lassen, er war überzeugt, dass er am besten wusste, was gut für sie ist. Kauft es oder nicht, das war seine Devise. Diese Haltung mir sehr sympathisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie lassen Jobs sagen: "Wer behauptet hat, der Kunde sei König, war ein Kunde." Sah Jobs sich als König?

Sorkin: Im Film vergleicht er sich auch mit Gott und Igor Strawinski. Wenn Sie sich den legendären Werbespot anschauen, den Jobs 1984 für die Präsentation des ersten Mac produzieren ließ, sehen Sie, dass er sich in eine Reihe mit Einstein, Gandhi, Picasso oder Muhammad Ali stellt. Ja, er hielt eine Menge von sich. Vielleicht zu Recht.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie ihn für einen großen Künstler seiner Zeit?

Sorkin: Im Drehbuch habe ich mich für diese Sicht der Dinge entschieden. Ich persönlich sehe das allerdings etwas nüchterner. Ich bin wie ein Anwalt, der einen Klienten verteidigt, von dem er weiß, dass er schuldig ist. Jeder verdient einen fairen Prozess.

Im Video: Der Trailer von "Steve Jobs"

Steve Jobs

    USA 2015

    Regie: Danny Boyle

    Drehbuch: Aaron Sorkin

    Darsteller: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Katherine Waterston und Michael Stuhlbarg

    Verleih: Universal Pictures

    Länge: 122 Minuten

    FSK: 6 Jahre

    Start: 12. November 2015

  • Offizielle Webseite zum Film



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
salsabiker 15.11.2015
1.
Was nutzt einem persönlich der ganze Erfolg, wenn man sich im Umgang mit anderen Menschen als Idiot rausstellt ?
syracusa 15.11.2015
2. Sorkin hat recht
Vorweg: ich halte Jobs für genial, und seine Produkte waren meistens besser als alle anderen. Aber die Abgeschlossenheit der Apple-Systeme und die durch Apple propagierte quasi-religiöse Überhöhung dieser Produkte über den reinen Gebrauchswert hinaus hat mich immer davor zurück schrecken lassen, Apple Produkte zu kaufen oder zu benutzen. Ich bin strikter Apple-Atheist. Lieber nehme ich mehr Mühen in Kauf und zeige mich mit Produkten, die weniger Status vorgaukeln, als dass ich mich als Anhänger der Apple-Religion präsentiere. Mir kam aber auch zugute, dass die Software, mit der ich beruflich hauptsächlich arbeite, nicht auf Apple-Rechnern lauffähig war oder ist.
Newspeak 15.11.2015
3. ...
Jobs war ein Radikaler und als solcher hat er große Dinge leisten können. Trotzdem ist Design und Bedienbarkeit nicht alles, wenn man an der Kompatibilität spart. Apple wird irgendwann an denselben Dingen scheitern, die es groß gemacht haben.
kay_ro 15.11.2015
4.
Zitat von syracusaVorweg: ich halte Jobs für genial, und seine Produkte waren meistens besser als alle anderen. Aber die Abgeschlossenheit der Apple-Systeme und die durch Apple propagierte quasi-religiöse Überhöhung dieser Produkte über den reinen Gebrauchswert hinaus hat mich immer davor zurück schrecken lassen, Apple Produkte zu kaufen oder zu benutzen. Ich bin strikter Apple-Atheist. Lieber nehme ich mehr Mühen in Kauf und zeige mich mit Produkten, die weniger Status vorgaukeln, als dass ich mich als Anhänger der Apple-Religion präsentiere. Mir kam aber auch zugute, dass die Software, mit der ich beruflich hauptsächlich arbeite, nicht auf Apple-Rechnern lauffähig war oder ist.
Als ich mich vor gut 20 Jahren selbstständig machte, habe ich mich für Apple entschieden. Für die Mühe mit anderen OS hatte ich weder Zeit noch Lust. Und was die Abgeschlossenheit des OS angeht: Bis zum heutigen Tag bestaune ich wie schön inkompatibel die unterschiedlichen Word Versionen so sind. Bis zum heutigen Tag bin ich immer mit meinem Equipment arbeitsfähig, mehr muss ein Computer nicht für mich leisten. Bei meinen Klienten sieht das manchmal anders aus. Und die pseudo-religiöse Überhöhung ist eine liebgewonnene Beleidigung von Leuten, die es nötig haben.
bloub 16.11.2015
5.
steve jobs war sicherlich ein begnadeter verkäufer, künstler oder entwickler dafür definitiv nicht. auch visionär ist kaum haltbar, apple hat schon immer ideen von anderen aufgegriffen anstatt selbst welche entwickeln.
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