Pharma-Thriller "Side Effects" Fragen Sie Ihren Arzt oder Anlageberater

Früher wurden Aktienkurse runtergerattert, heute die Namen rezeptpflichtiger Antidepressiva: In "Side Effects" führt Steven Soderbergh in die Welt Psychopharmaka schluckender und schlafwandelnder Finanzfachleute. Trotz Plot-Schwächen ein starker Thriller über Geld, Mord und Glückspillen.
Pharma-Thriller "Side Effects": Fragen Sie Ihren Arzt oder Anlageberater

Pharma-Thriller "Side Effects": Fragen Sie Ihren Arzt oder Anlageberater

Foto: Senator Film

Das Kino liebt Schlafwandlerinnen. Getrieben von mal mehr, mal weniger erklärlichen Impulsen verfallen sie in einen Zustand, den auch die Lichtspielkunst selbst mit ihren Überwältigungstechniken für den Zuschauer anstrebt: die Trance, den Rausch, das Traumwandeln. So war es schon immer - von Jacques Tourneurs Voodoo-Mär "I Walked with a Zombie" (1943) über Alfred Hitchcocks Todessehnsuchts-Thriller "Vertigo" (1958) bis zu Dario Argentos Amnesie-Horror "Phenomena" (1985).

So gesehen ist Steven Soderberghs vorerst letzter Kinofilm (in Cannes wird er noch seinen Fernsehfilm "Behind the Candelabra" über Liberace vorstellen) auch eine Huldigung an das Kino selbst. Der Vieldreher und Vordenker Hollywoods, der gerade gewohnt vollmundig seinen Abschied vom Kino verkündet hat, folgt in seinem Thriller "Side Effects" einer somnambulen Heldin: Am Morgen hatte die junge Anlageberaterin Emily Taylor (Rooney Mara) noch den glücklichsten Sex seit langer Zeit mit ihrem Ehemann (Channing Tatum), am Abend rammt sie ihm im Dämmerzustand ein Messer in den Bauch und lässt ihn auf dem Teppich verbluten.

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Soderberghs "Side Effects": Im Psycho-Knast

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Unerklärlich? Nicht für Soderbergh, der bei aller Liebe zum Kino mehr Analyst als Illusionist ist. Kein Voodoo und keine Todessehnsucht trieben seine Heldin zu ihrer Tat, es war schlicht und einfach die falsche Medikation. Oder wie man im Pillensprech sagt: Die labile junge Frau war falsch eingestellt. Schuld ist ein Antidepressivum namens Ablixa, das im Gegensatz zu ähnlichen Substanzen den Sextrieb nicht schmälert - das leider aber auch noch nicht ganz erforscht ist.

Derivate und Antidepressiva

Der Psychiater Dr. Banks (Jude Law) hatte seine Patientin in ein Programm aufgenommen, mit dem die Nebenwirkungen der Wunderpille erkundet werden sollten. Gespräche mit Emilys vorheriger Therapeutin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones, "Broken City") ließen die junge Frau als geeignete Versuchsperson erscheinen. Der Doktor war aufrichtig daran interessiert, der depressiven Emily zu helfen; die 50.000 Dollar, die er vom Pharmakonzern erhielt, mögen sein Interesse an der Patientin noch verstärkt haben. In einem etwas riskanten Dreh der Handlung kämpft der Psychiater schließlich vor Gericht darum, dass man seine Patientin für die Tatzeit als schuldunfähig erklärt. Schließlich habe sie unter dem Einfluss starker Medikamente gestanden.

"Side Effects" wurde in der Kritik vielfach wegen seiner unwahrscheinlichen Wendungen als Mumpitz abgetan, dennoch stößt Steven Soderbergh mit seinem fröhliche Kapriolen schlagenden Depri-Thriller in gesellschaftliche Gefilde vor, die bislang im Kino wenig ausgeleuchtet wurden: Wie ist es eigentlich um die Zurechnungsfähigkeit einer Nation bestellt, deren Bevölkerung zu nicht unerheblichen Teilen auf Psychopharmaka unterwegs ist? Welche Konsequenzen hat es für die Rechtsprechung, wenn die pharmazeutische Industrie für ein Heer potentiell schuldunfähiger Bürger sorgt? Und schließlich: Lässt sich diese potentielle Schuldunfähigkeit gar strategisch für ein Verbrechen einsetzen?

Mit dieser Fragestellung nähert sich Soderbergh in "Side Effects" dem Überwerk zum Thema Depression und Verbrechen, eben "Vertigo". Wie Kim Novak in Hitchcocks Thrillermelodram gelingt es auch Mara Rooney ("Verblendung") hinter dem somnambulen Antlitz sonderbar aktiv zu wirken.

Nation im Drogennebel

Die Twists der Handlung aber sind in "Side Effects" tatsächlich arg auf die Spitze getrieben: Vom Pharma-Themenkrimi geht es zum Gerichtsdrama, dann zum Psychiatrie-Horror samt Elektroschocktherapie und schließlich zum Erotikthriller inklusive lesbischem Petting. Drehbuchautor Scott Z. Burns - er entwickelte mit Soderbergh auch das Pandemieszenario von "Contagion" - hat Mühe, sämtliche Genre-Wechsel plausibel erscheinen zu lassen.

Trotzdem entwickelt "Side Effects" erhebliche Sprengkraft. Schon weil Soderbergh seinen Film in der Welt der Broker und Banker spielen lässt. Und wo früher Aktienkurse runtergerattert wurden, da sind es heute die Namen rezeptpflichtiger Antidepressiva.

Im Grunde genommen taucht der Regisseur hier noch einmal in die Szene ein, die er vor vier Jahren aus Sicht eines Callgirls beleuchtet hat: In der formvollendeten Milieu-Miniatur "The Girlfriend Experience" ließ Soderbergh die Pornodarstellerin Sasha Grey als in Investmentbankerkreisen verkehrende Escort-Dame Sinn fürs Geschäftliche an den Tag legen. Für Sex und Zuspruch gab es extrem nützliche Anlagetipps. Psychopharmaka wurden da nicht geschluckt. Geld war Droge genug. In "Side Effects" ist das anders. Die Krise hat die Dinge nach Ansicht von Soderbergh offensichtlich verändert. Reichtum verspricht hier kein Glück von Dauer, Stimmungsaufheller halten den Handel am Laufen.

Wie schon bei "Contagion" mag man Soderberghs Alarmismus und Plot-Purzelbäume für übertrieben halten: Als Inneneinsicht einer Nation im Drogennebel ist sein Schlafwandler-Thriller konsequent.

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