Doku-Meisterwerk "Stories We Tell" Bin ich ein Kuckuckskind?

In ihrem mitreißenden Dokumentarfilm "Stories We Tell" geht die kanadische Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley der Frage nach, wer ihr leiblicher Vater ist. Herausgekommen ist ein faszinierendes Familienporträt, das gleichzeitig von Lebensträumen und Lebenslügen erzählt.
Doku-Meisterwerk "Stories We Tell": Bin ich ein Kuckuckskind?

Doku-Meisterwerk "Stories We Tell": Bin ich ein Kuckuckskind?

Foto: Fugu Films

Wie funktionieren Langzeitbeziehungen? In zwei preisgekrönten Spielfilmen, "An ihrer Seite" (2006) und "Take this Waltz" (2011), hat sich die kanadische Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Polley mit dieser Frage beschäftigt, bevor sie sich mit ihrem ersten Dokumentarfilm "Stories We Tell" der wichtigsten und schmerzhaftesten Langzeitbeziehung in ihrem Leben zugewandt hat: Der ihrer Eltern. Oder, besser gesagt, der Menschen, die sie die längste Zeit für ihre Eltern gehalten hat.

"Bitte erzähl mir die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende, so als hätte ich sie noch nie gehört", bittet Sarah Polley ihre vier älteren Geschwister zu Beginn des Films. Die Geschichte ist die ihrer Eltern, der Schauspielerin Diane und des Schauspielers und Theaterautors Michael Polley, die beide charismatische Figuren in der Künstlerszene von Toronto in den siebziger Jahren sind. Dass die Ehe ihrer Eltern überhaupt eine erzählenswerte Geschichte sein könnte, erfährt Sarah erst, als sie schon Anfang 20 ist. Da hört sie zum ersten Mal, worüber ihre Geschwister, aber auch viele Künstlerkollegen schon länger spekulieren: Dass Michael, der sie nach dem frühzeitigen Krebstod ihrer Mutter allein großgezogen hat, womöglich nicht ihr biologischer Vater ist.

Zum Zeitpunkt von Sarahs Zeugung spielte Diane in einem Theaterstück in Montréal. Dort besuchte Michael sie auch, doch für die längste Zeit ihres Gastauftritts blieb er in Toronto und widmete sich dem, für das er seine eigene Bühnenkarriere verblüffend umstandslos aufgegeben hatte: Er verdiente sein Geld als Versicherungsmakler und kümmerte sich um die Kinder. Was dachte er sich, als seine Frau schwanger aus Montréal zurückkehrte? Und was war sein Anteil daran, dass Diane eigentlich schon zur Abtreibung entschlossen war, es sich auf dem Weg zur Klinik aber doch anders überlegte?

Verständnis für einen Seitensprung

Es ist eine der vielen verblüffenden Qualitäten von "Stories We Tell", dass der Film zwar Sarah Polleys Suche nach ihrem leiblichen Vater nacherzählt. Er lässt aber auch Michael, also den Mann, der immer für Sarah da war und auch jetzt bereitwillig Auskunft über sein Leben gibt, zum Rätsel werden. Nicht nur wundert man sich, was aus seinen beruflichen Ambitionen wurde und warum er so bereitwillig ein mögliches Kuckuckskind aufnahm. Im Verlauf des Films stellt man sich auch immer drängender die Frage, ob der duldsame Michael die lebenshungrige Diane überhaupt glücklich machen konnte.

Und plötzlich muss man feststellen, dass Sarah Polley Verständnis dafür geweckt hat, warum ihre Mutter möglicherweise ihren Vater betrogen hat.

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"Stories We Tell": Auf der Suche nach dem Vater

Foto: Fugu Films

Das überrascht auch, weil Mutter und Tochter so unterschiedlich sind. Hier die rastlose Diane, die nach Aufmerksamkeit strebt und mit ihrem Charme und Witz die Menschen zu begeistern weiß, aber vom Leben immer etwas mehr als ihre Familie und ihre überschaubaren Erfolge als Schauspielerin erwartete. Dort die abgeklärte Sarah, die in Kanada schon als Kind ein TV-Star ist, anschließend in preisgekrönten Kinofilmen wie "Das süße Jenseits" oder "Mein Leben ohne mich" mitspielt und schließlich mit 27 Jahren als Debütfilm das Oscar-nominierte Alzheimer-Drama "An ihrer Seite" vorlegt.

"Wenn ich etwas beim Drehen dieses Films gelernt habe", hat Sarah Polley über "Stories We Tell" gesagt, "dann ist es, dass wir nicht alle richtig und nicht alle falsch liegen können. Deswegen müssen wir die Dinge unbeabsichtigt unterschiedlich stark verzerren, um unsere Version der Vergangenheit und der Geschichte zu unterstützen, und deswegen erzählen wir auf unsere eigene Art auch alle die Wahrheit."

Die Prämisse, dass alle Befragten auf ihre Art die Wahrheit sagen, ist es, die den Film emotional öffnet. Mit unerschöpflicher Neugier hört Polley zu, wenn ihre älteren Geschwister, aber auch Kollegen und Freunde der Familie von ihren Eltern erzählen. Alles steht nebeneinander, jedem dieser sympathischen und humorvollen Menschen hört man gleich gern zu, nichts wird als richtig oder falsch überführt.

Fakten, ja selbst die Antwort, wer denn nun ihr leiblicher Vater ist, sind gar nicht entscheidend. Vielmehr zeigt Polley, dass es darauf ankommt, wie wir Fakten in Beziehung zueinander setzen, welchen Sinn wir ihnen verleihen - eben welche Geschichte wir erzählen. Erst spät merkt man, dass Polley mit "Stories We Tell" vor allem ihre eigene Geschichte erzählt und die der anderen zurückstellt. Doch in ihrer brillanten Montage von Interviewsequenzen, Heimvideos, Archivbildern und anderem Material macht Polley von Anfang an klar, wo sie ihre eigenen Bilder und ihre eigenen Deutungen einfügt, weshalb man sich von der schlussendlichen Parteilichkeit des Films nicht betrogen fühlt.

Stories We Tell

CA 2012

Buch und Regie: Sarah Polley

Produktion: National Film Board of Canada

Verleih: Fugu Filmverleih

Länge: 108 Minuten

Start: 27. März 2014

Offizielle Website zum Film 

So wird "Stories We Tell" schließlich noch mehr als das ohnehin schon faszinierende Porträt einer außergewöhnlichen Familie. Der Film ist auch Polleys ganz persönliches Statement, als wessen Tochter sie sich wirklich sieht.

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