Studentenkomödie "Barcelona für ein Jahr" Erasmus ungelogen

Mit seiner radikal-authentischen Komödie "L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr" hat der französische Kultregisseur Cédric Klapisch dem Studentenaustausch ein Denkmal gesetzt. Der erste wahrhaft europäische Film würdigt das liebenswerte Chaos einer multinationalen Studenten-WG in dokumentarischer Detailversessenheit.

Von Andreas Ross


Szene mit Cecile de France und Romain Duris: Die wundersame Welt des Auslandsstudiums
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Szene mit Cecile de France und Romain Duris: Die wundersame Welt des Auslandsstudiums

"Bestimmt fragt ihr euch jetzt, wer dieser Erasmus eigentlich war", mutmaßt Xavier kurz vor Abflug nach Barcelona. In Wirklichkeit darf man getrost davon ausgehen, dass sich kaum je ein Student für Leben und Werk des Erasmus von Rotterdam interessiert hat, bloß weil vor gut 15 Jahren die Europäische Kommission auf die Idee kam, ihr studentisches Austauschprogramm nach ihm zu benennen. Auch der Pariser VWL-Student Xavier (Romain Duris) hält sich mit historischen Recherchen nicht lange auf. Er begnügt sich damit, dass der Humanist "ein europäischer Reisender" war und verliert sich sogleich in den labyrinthischen Gängen des Auslandsamts, um es ihm nachzutun.

Es dauert Monate, bis sämtliche Dokumente von der Immatrikulationsbescheinigung bis zum Krankenversicherungsschein E-111 beigebracht sind, doch dann ist die Hochschulverwaltung zufrieden, Xaviers Freundin traurig, seine Mutter besorgt und er selbst in Aufbruchstimmung. Zweck der Übung: Xavier muss sein Spanisch verbessern und den spanischen Markt kennen lernen. So hat es ihm der Bekannte seines Vaters aufgetragen. Zur Belohnung winkt ein Job im Pariser Wirtschaftsministerium.

Spätestens als Xavier auf Barcelonas Vergnügungsmeile Maremagnum aber im Wahn glaubt, dem leibhaftigen Erasmus zu begegnen, wird ihm klar, dass dieser Auslandsaufenthalt mehr mit ihm angestellt hat als reine Lebenslaufveredelung. Xaviers karrierebewusste Zielstrebigkeit weicht einer feierfreudigen Lockerheit, und schließlich traut er sich an das heran, was er immer schon tun wollte: Schreiben.

"Barcelona für ein Jahr": Heiteres Studentenleben
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"Barcelona für ein Jahr": Heiteres Studentenleben

Cédric Klapischs witzige Hommage an den Studentenaustausch wurde in Frankreich schon 2002 zum Kinohit und ist nun endlich über den Rhein geschwappt. Der Film müsste eigentlich "Erasmus ungelogen" heißen, denn Klapisch erzählt in liebevoller Detailversessenheit nichts als die Wahrheit über die wundersame Welt des Auslandsstudiums. Welcher Erasmusstudent erinnert sich nicht an den Tag, als er wie Xavier plötzlich ratlos in der neuen Stadt stand, gebeugt von der Last mehrerer Rucksäcke, Reisetaschen und Koffer? Wie ihm das Neue einschüchternd und verheißungsvoll zugleich vorkam? "Nach einer Weile wird das alles ein Teil von mir", sinniert der Franzose, während auf der Mattscheibe in rasantem Tempo die Namen von Straßen, Plätzen und U-Bahn-Stationen Barcelonas überblendet werden.

Cool muss das Leben sein

Es folgt die Wohnungssuche. An öffentlichen Fernsprechern vor lauten Straßen leert Xavier Telefonkarte um Telefonkarte bei dem Versuch, wenigstens die Adressen der zu besichtigenden Wohngemeinschaften zu verstehen. Als er schließlich bei der Engländerin Wendy, dem Dänen Lars, dem Italiener Alessandro, der Spanierin Soledad und dem Deutschen Tobias (Barnaby Metschurat) am Esstisch sitzt, weiß Xavier sofort: Hier will ich leben, denn die WG ist genau "wie das Chaos in mir".

Allerdings sind die Austauschstudenten wählerisch. "We want life to be cool, you know, good vibes", erklärt Tobias. Dagegen hat Xavier nichts einzuwenden, und Tobias' ausgefeilter Fragenkatalog zu Musikgeschmack und Zukunftsvisionen des Bewerbers scheitert glücklicherweise am Veto der anderen - der Franzose darf einziehen. Glücklich bezieht er sein überteuertes Zimmer, und Tobias richtet auch ihm ein eigenes Fach im Kühlschrank ein.

Xavier (Romain Duris) mit Freundin Martine (Audrey Tautou):Rückzug ins Zimmer
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Xavier (Romain Duris) mit Freundin Martine (Audrey Tautou):Rückzug ins Zimmer

Der Verleih hat Mut bewiesen, Klapischs Film auch den notorisch untertitellesefaulen Deutschen nahezu unsynchronisiert darzubieten. Nur als Off-Erzähler spricht Xavier deutsch. Ansonsten funktioniert die Verständigung verblüffend gut in einer Mischung aus Englisch, Spanisch und anderen Idiomen. Klapischs frühere Meisterwerke "Jeder sucht sein Kätzchen" (dessen viel schönerer Originaltitel "Chacun cherche son chat" auch für hartgesottene Romanisten Zungenbrecherqualitäten hat) oder "Typisch Familie!" hatten es schwer in deutschen Kinos. Alle Filme des Regisseurs und Drehbuchschreibers beziehen ihren Reiz aus seiner besonderen Gabe, lebensechte Dialoge zu schaffen - die dafür meist unübersetzbar sind.

Klapischs Trick ist die Improvisation. Er legte auch diesmal nur die Rahmenhandlung fest und simulierte dann mit seiner multinationalen Schauspielertruppe die Erasmus-Situation. Gefilmt wurde L'Auberge Espagnole auf preisgünstigem Videomaterial, das bis zu dreißigminütige Takes ermöglicht und dabei nur geringe Ansprüche an die Beleuchtung stellt. So stand der zwanglosen Improvisation trotz geringen Budgets nichts im Wege.

Verständigung auf Erasmisch

Xaviers Leben ist nun unwiderruflich verquickt mit den Geschicken des hyperaktiven, hippen Alessandro, des polyglotten Lars ("je parle aussi le français"), der strebsamen Wendy, des ordentlichen Tobias, der Quotenspanierin Soledad ("in Spain we don't say 'Caramaba'") und später noch der lesbischen Belgierin Isabelle. Alles abgestandene Karikaturen aus der Mottenkiste der Nationalitätenwitze? Barnaby Metschurat (bekannt aus "Solino", preisgekrönt für "Anatomie 2") bekennt: "Es war schon schockierend zu sehen, wie ich als Deutscher da rüberkomme. Aber ehrlich gesagt, es ist auch viel Wahres dran. Ich finde das zum Beispiel wirklich praktisch mit den Kühlschrankfächern!"

Unvergesslicher Erasmusorgasmus: Xavier mit Affäre Anne-Sophie (Judith Godreche)
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Unvergesslicher Erasmusorgasmus: Xavier mit Affäre Anne-Sophie (Judith Godreche)

Vom internationalen WG-Chaos bis zur erasmischen Sprachverwirrung, von gruseligen No-woman-no-cry-Gitarrennächten auf der Plaza Real bis hin zu emotionalen Debatten über multiple Identitäten im Spannungsfeld von Nation und Europa - Klapischs Kamera bannt jeden Aspekt des Erasmusdaseins auf Video. Fehlt etwas? Nun ja, gerade einmal zwei von 122 Filmminuten spielen an der Uni, wo Xavier und 14 weitere Austauschstudenten daran scheitern, einer Vorlesung in katalanischer Sprache zu folgen. Doch vom Campus hat sich das Filmteam schnell wieder davongemacht. Vielen Erasmusstudenten geht es ähnlich.

Stattdessen rückt Xaviers Liebesleben in den Mittelpunkt. Zur bitteren Enttäuschung gerät der erste Besuch von Freundin Martine aus Paris (fabelhaft gespielt von Audrey Tautou, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch gar nicht als Amélie von Montmartre in Erscheinung getreten war): Empfang am Flughafen, Rückzug ins Zimmer, Feststellung sexueller Entfremdung, Abschied am Flughafen. "Ich hatte den Eindruck, dass wir mehr Zeit damit verbringen, uns 'Auf Wiedersehen' zu sagen, als uns zu sehen", seufzt Xavier.

Doch Trübsal verträgt sich schlecht mit den Reizen Barcelonas. Von der lesbischen Isabelle, die ihre heimatliche Beziehung längst für eine Affäre mit ihrer Flamencolehrerin geopfert hat, erhält Xavier todsichere Verführungstipps. Damit macht er sich sogleich an die erstens verheiratete und zweitens verklemmte Anne Sophie heran. Sie und ihren Spießergatten Jean-Michel hatte Xavier schon bei der Ankunft am Flughafen kennen gelernt ("Gallier müssen zusammenhalten"). Die feurige Affäre mit Anne Sophie führt Xavier zwar nun zu dem ein oder anderen unvergesslichen Erasmusorgasmus, aber auch zur fortschreitenden Entfremdung von Freundin Martine.

Auch deshalb ist alles anders, als das Jahr vorüber und Xavier wieder in Paris ist. "Wie war's?", fragt Maman daheim, und Xavier ist um eine Antwort verlegen. Fast wie ein Fremder wandelt er jetzt durch seine Heimatstadt und gelangt zu der Erkenntnis: "Ich bin wie Europa. Ich bin das totale Chaos." Er freut sich darüber.


L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr


Frankreich/Spanien 2002. Buch und Regie: Cédric Klapisch. Darsteller: Romain Duris, Judith Godrèche, Audrey Tautou, Barnaby Metschurat. Produktion: Bac Films, France 2 Cinéma, Mate Films, Studio Canal. Verleih: Tobis Studio Canal. Länge: 122 Minuten. Start: 13. November 2003



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