Südafrika-Film "Tsotsi" Ein Oscar gegen das Elend

Das packende Drama "Tsotsi", das gestern den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann, bildet die harte Realität im südafrikanischen Township ab - und zeigt die große Kluft zwischen schwarzen Aufsteigern und Verlierern.
Von Eva Lodde

Berlin - "Füttere das Baby!" Tsotsi hat es aus einer dreckigen Papiertüte geschält und Miriam gereicht. Er richtet die Pistole auf sie. "Mach schon!" herrscht er sie an. Unter Tränen nimmt Miriam (Terry Pheto) das verdreckte und ausgehungerte Bündel. Tsotsi verfolgt mit neidischen Blicken, wie sie ihm die Brust gibt. Neidisch vor allem, weil es ein Moment äußerster Intimität und Zuneigung zwischen ihr und dem Kind ist - etwas, das Tsotsi nie erfahren hat. 

Der Oscar-Gewinner in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" zeigt Hauptdarsteller Presley Chweneyagae als 19-jährigen Gangster in einem packenden Drama: voll mit rücksichtsloser Gewalt, die gelegentlich von seiner hilflosen, tapsigen Suche nach ein wenig Glück durchbrochen wird. Chweneyagae spielt den wortkargen Tsotsi mit einem weichen, aber fast ausdruckslosen Gesicht: Es ist nie klar, ob er gerade kurz davor ist auszurasten, oder ob ihm einfach alles egal ist. Meistens aber ist es beides - für sein Umfeld eine gefährliche Mischung.

Tsotsis Alltag besteht zum großen Teil daraus, zusammen mit seiner Clique Passanten in den dreckigen Zügen der Johannesburger Vorstädte auszurauben. Wer nicht schnell genug die Geldbörse zückt, dem bohrt er das Messer in die Seite. Seine aussichtslose Situation hat ihm jegliche Skrupel genommen. Das geklaute Geld haut er in einer der Shebeens, illegale Township-Kneipen, für selbstgebrannten Fusel auf den Kopf. Regisseur Gavin Hood hat das Leben in Soweto in teils drastischen, teils unwirklich schönen Bildern eingefangen, die sich ins Gedächtnis brennen.

In den Gassen regiert das Elend

Oft gleitet die Kamera über das Meer rostiger Wellblechdächer. Rauch steigt auf, die Morgensonne taucht die kleinen Häuser in orangefarbenes Licht. Doch die Stimmung bleibt frostig. Durch die engen Gassen rinnen Abwässer über den aufgeweichten Lehmboden. Pumpender Kwaito-Bass - der einheimische Beat vertreibt jegliche Friedlichkeit, gepaart mit dem heiser-aggressiven Sprechgesang von Zola, dem südafrikanischen Musikstar, der als Bandenchef in einer Nebenrolle mitspielt. 

Das Elend regiert: Notdürftig sind graue Steine aufeinandergestapelt, sie formen den kargen Raum zum Leben. Die Bewohner stehen an der Pumpe Schlange für Trinkwasser. Das ist das Leben in der Großstadt Johannesburg und Realität für viele schwarze Südafrikaner. Geschätzte 39 Prozent der Bevölkerung leben in Armut, die wenigsten sind weiß.

Tsotsis trister Alltag ändert sich schlagartig mit einem Autodiebstahl in einem wohlhabenden Stadtteil: Die Mauern sind hoch, die Alarmanlagen scharf und die Bewohner gehören zu jener kleinen Schicht von Gewinnern des südafrikanischen Wirtschaftswachstums. Mit vorgehaltener Pistole zwingt er eine schwarze Frau, ihm das Auto zu überlassen. Als sie ihn aufhalten will, drückt er ohne zu überlegen ab. Tsotsi rast die Straße entlang. In der Nähe seines Townships angekommen, kräht etwas von der Rückbank: ein Baby. 

Erinnerungen huschen über sein Gesicht

Tsotsi nimmt es mit. Unbeholfen versucht er sich um das wenige Monate alte Kind zu kümmern und muss doch feststellen: Er weiß nicht, wie es geht. Woher auch? Er hat seine Kindheit weit hinter sich gelassen, nur in kurzen Sequenzen holt der Film sie episodenartig und brutal zurück. Vom Bruch mit seiner Vergangenheit zeugt vor allem sein Name, der keiner ist. Tsotsi - das ist lediglich südafrikanischer Straßenslang für "Gauner".

Ein Gauner, der nun Verantwortung tragen soll, die das unschuldige Baby einfordert. Eine ungewohnte Situation, denn normalerweise kümmert sich niemand darum, ob Tsotsi etwas zu sagen hat. In diesen Szenen verändert sich der skrupellose Ganove: Erinnerungen huschen über sein kindliches Gesicht, und Presley Chweneyagae schafft es mit wenigen Blicken, eine unglaubliche Dramatik zu erzeugen. Ihren Höhepunkt erreicht sie am Ende, wenn das gesammelte Leid, das der Junge sein Leben lang erfahren hat, in einer herzzerreißenden Szene aus ihm herausbricht. Es ist das absolute Gegenteil zu dem verschlossenen Jungen, dem nichts etwas anhaben kann. Das Baby symbolisiert letztlich seinen Versuch, den Weg in ein normales Leben zurück zu finden.

"Tsotsi" schreibt die junge Erfolgsgeschichte des südafrikanischen Kinos fort: Der Film "Drum" über das gleichnamige Magazin, das in den fünfziger Jahren gegen das Apartheid-Regime anschrieb und im Johannesburger Township Sophiatown angesiedelt war, gewann 2005 den wichtigsten afrikanischen Filmpreis. Bei der Berlinale im letzten Jahr gewann das Kino-Musical "U-Carmen eKhayelitsha" den Goldenen Bären - und stach damit, wie gerade "Tsotsi" bei den Oscars, den deutschen Beitrag "Sophie Scholl" aus. Jetzt muss nur noch das südafrikanische Publikum Gefallen an der eigenen Kinoszene finden: Bislang gucken die meisten lieber Hollywood-Blockbuster oder südafrikanische Komödien mit Fäkalhumor wie "Mama Jack".

Der Erfolg "Tsotsis" bei den Kritikern beruht natürlich in erster Linie auf der anrührenden Geschichte, die auf dem gleichnamigen Buch des südafrikanischen Schriftstellers Athol Fugard basiert, und auf der Regieleistung Gavin Hoods. Die Schauspieler aber tragen ohne Frage den größten Teil dazu bei. Sie überzeugen durch ihre Authentizität. Kein Wunder, zuvor haben die Laiendarsteller nur auf den Bühnen von Township-Theatern gestanden. In "Tsotsi" sind sie so stark, weil sie ihr eigenes Leben spielen. 

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