SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. August 2011, 07:23 Uhr

"Super 8"-Regisseur J.J. Abrams

"Als Kind war jeder Tag ein Geschenk"

Er schuf die Mystery-Serie "Lost" und definierte "Star Trek" neu: Mit seinem neuen Film "Super 8" verbeugt sich US-Regisseur J.J. Abrams vor seinem Idol Steven Spielberg. Im Interview spricht er über den Nostalgie-Trend in der Popkultur und verrät, ob er mit Aliens auf Reisen gehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Abrams, stellen Sie sich vor, mitten in der Stadt würde ein Raumschiff landen und die Aliens würden Sie einladen, mit ihnen zu kommen, sagen wir dahin, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist. Was würden Sie tun?

Abrams: Ich würde James Cameron anrufen, der weiß mit solchen Situationen umzugehen. Ich selbst würde wahrscheinlich schnell zu meiner Familie eilen und mit meinen Kindern kuscheln.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie diese Antwort auch vor 20 Jahren gegeben?

Abrams: Sie meinen, als ich noch kein Familienvater war? Hm... wie sehen denn die Aliens aus, sind die hübsch?

SPIEGEL ONLINE: Geht so, sie wissen schon: große Köpfe und Augen, lange, feingliedrige Finger...

Abrams: Haha, alles klar, dann eher nicht! Aber Spaß beiseite, natürlich wäre ich damals sehr interessiert gewesen, auf so eine Reise zu gehen, und selbstverständlich auch heute noch. Aber wenn man die Person trifft, mit der man den Rest seines Lebens verbringen will, und wenn dann noch Kinder dazu kommen, dann verändert das die Perspektive auf so einen Weltraumtrip mit Aliens.

SPIEGEL ONLINE: Schade eigentlich, oder? Haben Sie auch deshalb einen Film wie "Super 8" gedreht, der Sie und den Zuschauer zurück in die späten Siebziger führt, in die Welt von "E.T." und unschuldigen Teenagerträumen? 1979 waren Sie 13, so wie die Kinder im Film.

Abrams: Der Film ist schon sehr autobiografisch, aber auch wenn ich mit meinen Kumpels damals ganz schreckliche Amateurfilme gedreht habe, ist mir natürlich nie so etwas passiert wie den Kids im Film. Es geht einerseits darum, das Gefühl abzubilden, wie es war, zu dieser Zeit in Amerika aufzuwachsen, andererseits aber auch darum, die Filme aus dieser Zeit zu würdigen, die mich mindestens ebenso stark beeinflusst haben wie meine Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Konkret waren das ganz offensichtlich die Filme unter Steven Spielbergs Amblin-Marke: "E.T.", die "Gremlins", die "Goonies", "Zurück in die Zukunft" - Ihr Film erinnert sehr stark an diese Vorbilder. Und Spielberg selbst hat "Super 8" produziert.

Abrams: Ja, mit Steven zusammenzuarbeiten, zu erfahren, welche Filme wiederum ihn einst beeinflusst haben, das war phantastisch! Klar, "Super 8" ist ein veritabler Amblin-Film, und das hat mich eine Zeitlang sehr befangen gemacht, weil der Film, den ich machen wollte, eben genau diese DNS in sich tragen sollte. Ich wusste nicht, ob das für Steven unangenehm sein würde: Vielleicht haben wir zu viele Dinge in unserem Film, die bei ihm schon einmal vorgekommen sind: Aliens, Kinder auf BMX-Rädern und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Spielberg über Ihr Unbehagen gesprochen?

Abrams: Ja. Er meinte: 'Hör zu, ich habe ja Alien-Invasionen und Regierungsverschwörungen auch nicht erfunden, so etwas gehört einfach zu den Konventionen des Genres.' Als er "Unheimliche Begegnung der dritten Art" gemacht hat, sagte er mir, habe er sich genauso wie ich von den Filmen leiten lassen, die er liebte. Es sei total okay, sich von anderen inspirieren zu lassen, solange man seine eigene Geschichte erzählt. Das war sehr wichtig für mich.

SPIEGEL ONLINE: Es muss schon schwierig gewesen sein, eine Hommage an Spielbergs Kino zu drehen, wenn Spielberg selbst an der Produktion beteiligt ist. Einige US-Kritiker vermissten dann auch prompt Ihre eigene Handschrift bei "Super 8".

Abrams: Nicht jeder Film muss die definitive Handschrift seines Regisseurs tragen. Ich könnte noch nicht mal sagen, was meine eigene Stimme ausmacht, ich bin immer noch dabei, das herauszufinden. Ich versuche, Filme zu machen, die mich interessieren, die mich herausfordern und die ich selbst gerne als Zuschauer sehen würde. Ich bin an "Super 8" ja nicht mit der Maßgabe herangegangen, mein Opus Magnum abzuliefern, ich wusste aber, dass ich einen Film machen wollte, der die Amblin-Handschrift trägt.

SPIEGEL ONLINE: Und was macht die aus?

Abrams: Amblin-Filme handeln meistens von Familien und Kindern und tragen ein übernatürliches, ein Mystery-Element in sich. Sie scheuen sich nicht, dich zu erschrecken, dich zum Lachen und zum Weinen zu bringen. So einen Film hatte ich lange nicht gesehen. Und es war ein Glücksfall, dann auch noch Steven persönlich als Produzenten gewinnen zu können. Insofern darf sich eigentlich niemand betrogen fühlen: "Super 8" beginnt mit dem Amblin-Logo. Wer danach noch nicht verstanden hat, wohin die Reise geht, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

SPIEGEL ONLINE: Steven Spielberg hat, vielleicht etwas altväterlich, gesagt, "Super 8" sei Ihr erster richtiger Film.

Abrams: Haha, ja, aber ich glaube, was er damit meinte, war, dass es mein erster Film ist, der nicht auf einer Fernsehserie aus den Sechzigern basiert wie "Mission Impossible 3" und "Star Trek".

SPIEGEL ONLINE: Sie bleiben also unberechenbar: Ihr nächster Film könnte wieder einen ganz anderen Stil, eine ganz andere Tonalität haben? Vielleicht auch wieder auf einer popkulturellen Blaupause basieren?

Abrams: Kann schon sein. Ich empfinde es als großen Luxus, mich mit jedem neuen Projekt einer neuen Herausforderung zu stellen. Vielleicht wäre das anders, hätte ich als Independent-Filmemacher angefangen und jahrelang nur meine eigenen, originären Stoffe verfilmt, dann hätte ich wahrscheinlich nach wie vor den Druck, dieser Kontinuität zu folgen. Ich komme aber aus einer anderen Ecke und habe das Gefühl, mit meinen Fernsehserien bereits einige Originale vorgelegt zu haben. Insofern bin ich entspannt, was Spielfilme betrifft, die mache ich ja auch noch nicht so lange.

SPIEGEL ONLINE: Aber hat nicht jeder Filmemacher den Drang, etwas Eigenes, Persönliches in seinen Filmen zu transportieren?

Abrams: Das tue ich ja! Auch da hat es etwas sehr Beruhigendes, sich das Werk von Steven Spielberg vor Augen zu führen, wie viele unterschiedliche Filme er gemacht hat: Von "E.T." zu "Schindlers Liste", von "Der weiße Hai" bis "München". Dennoch sind alle als Spielberg-Filme identifizierbar.

SPIEGEL ONLINE: Einzigartig ist an "Super 8" in jedem Fall die Tatsache, dass es der einzige Sommer-Blockbuster dieses Jahres ist, der keine Fortsetzung ist oder auf einem Comic, Bestseller oder Spiel basiert.

Abrams: Ist es nicht traurig, dass das allein schon eine Leistung ist? Als jemand, der auch schon eine Fortsetzung gedreht hat, bin ich aber gar nicht hochnäsig, was Sequels betrifft. Eigentlich ist es völlig egal, woher die Geschichte stammt, solange derjenige, der den Film macht, mit echter Leidenschaft dabei ist. Das Publikum kann es spüren, wenn du nur einen Job machst.

SPIEGEL ONLINE: "Super 8" ist ein Film, der in den USA ungewöhnlich viele ältere Zuschauer angelockt hat. Ein amerikanischer Kritiker schrieb: "1979 sah noch nie so gut aus." Offenbar gibt es in der Generation der Mittdreißiger bis Mittvierziger ein starkes Bedürfnis, sich mit nostalgischen Filmen und Retro-Popmusik in die Vergangenheit einzukuscheln. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Abrams: Ich kann da nur für mich selbst sprechen: Mir ging es darum, zurück in meine eigene Kindheit zu gehen, zu diesen komischen, nerdigen Kids, die loszogen und Filme drehten. Ich wollte die Stimmung von damals hervorrufen, nicht so sehr eine bestimmte Zeit. Die späten Siebziger waren nun mal die Jahre, in denen ich aufwuchs, in denen ich mich also auskenne. Wäre ich früher geboren, hätte der Film genauso gut in den Fünfzigern oder Sechzigern spielen können.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie das Charakteristische dieser Zeit?

Abrams: Es fühlte sich an wie das Ende der Unschuld, das Ende einer gewissen Reinheit. Es war eine Zeit, in der man dachte, alles wäre möglich.

SPIEGEL ONLINE: Und das empfinden Sie heute nicht mehr?

Abrams: Wenn man älter wird, kommt man zwangsläufig an einen Punkt, an dem man manche Dinge nicht mehr als so einfach betrachtet. Es wird schwieriger, optimistisch zu sein, das Leben als voller unendlicher Möglichkeiten zu betrachten. Man hat als Erwachsener ein größeres Bewusstsein für schlimme Ereignisse, die auf der Welt passieren, man trägt vielleicht schon Verantwortung für seine eigene Familie, hat selber Kinder. Als Kind war jeder Tag ein Geschenk. Damit will ich aber nicht sagen, dass damals alles nur schön war oder Spaß gemacht hat: In die Kindheit zurückzublicken ist sicherlich einfacher, als tatsächlich wieder in diesem Alter zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie den kleinen J.J. in der Vergangenheit besuchen könnten, was würden Sie zu ihm sagen?

Abrams: Lass dir die Haare schneiden!

SPIEGEL ONLINE: So schlimm?

Abrams: Ja. Aber im Ernst, ich würde ihm wahrscheinlich raten, die Kindheit zu genießen, die ist schnell genug vorbei. Ich frage mich nur, ob ich mir damit etwas Neues erzählen würde, denn ich erinnere mich noch gut daran, dass ich dieses Bewusstsein schon als Kind hatte, Augenblicke, in denen mir kurz ein bisschen flau wurde und eine innere Stimme zu mir sagte: Halt das jetzt fest.

Das Interview führte Andreas Borcholte

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung