"Sweet November" Gezähmt, geliebt, gelangweilt

In dem sinnlos neu aufgelegten Dramolett "Sweet November" kuriert eine geheimnisvolle Schöne Yuppies von ihrer Arbeitssucht. Kein Wunder, dass Charlize Theron und Keanu Reeves agieren, als hätte man sie zum Mitspielen gezwungen...

Von Manfred Müller


Das Drehbuch ist so langweilig, dass sogar die Hauptdarsteller einschlafen. Szene mit Keanu Reeves und Charlize Theron.
Tobis

Das Drehbuch ist so langweilig, dass sogar die Hauptdarsteller einschlafen. Szene mit Keanu Reeves und Charlize Theron.

Auch Cineasten dürften sich kaum an die 1968er Verfilmung von "Sweet November" mit Sandy Dennis erinnern. Ist aber auch gar nicht nötig: Wer die jüngste Entwicklung in der Gattung der romantischen Komödien verfolgt hat, dem wird an Pat O'Connors Remake ohnehin so ziemlich jedes Klischee bekannt vorkommen.

Nelson Moss (Keanu Reeves) ist ein Überflieger in der Werbebranche. Ein bedingungsloser Karrierist, cool, aggressiv und immer ganz dem aktuellen Auftrag verpflichtet. Dr. Digity's Hot Dogs gilt es zurzeit am Markt zu positionieren. Da reicht das spärliche Privatleben gerade noch zur Regulierung des Hormonhaushaltes, wozu sich Freundin Angelica (Lauren Graham) allerdings nicht länger hergeben will.

Gezähmter Yuppie in stoischer Indifferenz: Keanu Reeves (r.) versucht zu retten, was zu retten ist
Tobis

Gezähmter Yuppie in stoischer Indifferenz: Keanu Reeves (r.) versucht zu retten, was zu retten ist

Die flippige Sara (Charlize Theron) hat sich mit gleichem Eifer gegenteiligen Werten verschrieben. Ihr Streben gilt dem Reich der Sinne, der Hingabe an den Augenblick und einem Lebensplan, den sie mit missionarischem Einsatz an den Mann bringt: Monatlich teilt sie Tisch und Bett mit einem neuen Liebhaber, den sie von falschem Ehrgeiz kuriert und zum Carpe Diem bekehrt. Im November ist Werbestratege Nelson der Auserkorene. Auch wenn er zunächst nur widerstrebend sein Luxusapartment gegen den WG-Platz bei Sara tauscht, des Widerspenstigen Zähmung ist natürlich nur eine Frage der Zeit. Und man ahnt, dass diesmal tiefere Gefühle den reibungslosen Monatszyklus stören werden.

Regisseur Pat O'Connor, dem 1997 mit "Die Abbotts" ein sensibel-ironisches Porträt der amerikanischen Jugend der fünfziger Jahre gelungen ist, hat vor der bestürzenden Einfallslosigkeit des Drehbuchs offenbar frühzeitig kapituliert. Saras promiskuitiver Lebenswandel mag in den Endsechzigern noch von erfrischender Frivolität gewesen sein, heute taugt er kaum zu einer "Bravo"-Photo-Love-Story. "Lass dir Zeit", lautet ihr betörendes Mantra, mit dem sie das Tier im Manne zähmt, bis der statt handfestem Sex lieber mal so richtig schön kuscheln will. Da möchte man(n) doch glatt wieder im Stehen pinkeln.

Dunkles Geheimnis: Charlize Theron agiert wie computeranimiert
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Dunkles Geheimnis: Charlize Theron agiert wie computeranimiert

Die sonst so prägnante Charlize Theron wirkt dabei wie computeranimiert, so buchstäblich berechenbar ist ihr Spiel auf die platten Dialoge abgestimmt. Keanu Reeves wechselt mit der ihm eigenen stoischen Indifferenz vom Designerzwirn zum Second-Hand-Sweat-Shirt, zeigt aber in der Rolle des hochtourigen Workaholics deutlich mehr Engagement als nach dem Wandel zum weich gespülten Good Guy. Beim Blinde-Kuh-Spiel werden dem denaturierten Yuppie die Sinne geschärft, ein lebensfrohes Schwulenpärchen darf ihn in Toleranz und Selbstbescheidung unterweisen. Angesichts solcher Herausforderungen hätten wahrscheinlich auch einem mimisch agileren Schauspieler die Mittel versagt.

Doch das dicke Ende kommt erst noch. Die gute Fee, die bei ihren Mitmenschen verlorene Lebensgeister weckt, verbirgt selbst ein düsteres Geheimnis. So wird, wer die erste Stunde dieser lausigen Komödie ertragen hat, auch noch mit einem lächerlichen Melodram abgestraft. Ein dringender Tipp: Wenn das erste Pillendöschen ins Bild kommt, sollte man das Kino verlassen haben.

"Sweet November". USA 2001. Regie: Pat O'Connor; Drehbuch: Herman Raucher, Kurt Voelker, Paul Yurick; Darsteller: Keanu Reeves, Charlize Theron, Jason Isaacs, Greg Germann, Lauren Graham. Länge: 120 Minuten; Verleih: Tobis StudioCanal; Start: 2. August 2001.



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