"Swiss Army Man" mit Daniel Radcliffe Ein langer Furzwitz

"Harry Potter" war einmal. In seinem neuen Film spielt Daniel Radcliffe eine Leiche mit Blähungen, die einem modernen Robinson Crusoe zum besten Freund wird. Tja.

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Amerikanische Marketingmenschen haben sich ein wunderbares neues Akronym ausgedacht: eWOM. Steht für electronic word of mouth, zu Deutsch: elektronische Mundpropaganda. Besonders PR-Leute, die mit Film zu tun haben, lieben eWOM. Weil der Ruf eines Films sich mit eWOM wie von selbst in den sozialen Kanälen verbreitet. Wie bei "Swiss Army Man", diesem eWOM-Wunder. Seit seiner Premiere beim Sundance-Festival im Januar löst er die Frage aus: Ist das nicht dieser Film mit der furzenden Leiche?

Ja, "Swiss Army Man" ist dieser Film mit der furzenden Leiche. Und ja, die furzende Leiche wird wirklich von Daniel Radcliffe gespielt. Das sorgt für Aufmerksamkeit, da werden ungläubig Köpfe geschüttelt. Wie bizarr ist das denn? Allerdings trägt "Swiss Army Man" auch schwer an seinem Ruf. Ist da noch mehr? Was macht man über eine ganze Spielfilmlänge mit einer furzenden Leiche?

Man stattet sie mit noch mehr Fähigkeiten aus. Radcliffes von Blähsucht befallener Toter kann mittels Furzantrieb wie ein Schnellboot durchs Meer schießen. Mit dem Mund Wasser spenden. Oder mit seinen leichenstarren Armen Äste wie eine Waffe durch die Luft schleudern. Daher der Titel: Diese Leiche ist so vielseitig einsetzbar wie ein Schweizer Taschenmesser.

Die Grundidee trägt bestenfalls für einen Kurzfilm

Das ist natürlich komplett gaga. Funktioniert zu Beginn aber durchaus, wenn "Swiss Army Man" als groteske Parodie auf den Robinson-Mythos und Survival-Filme wie "Cast Away - Verschollen" startet. Paul Dano spielt den Schiffbrüchigen Hank, der just in dem Moment, als er sich den Strick geben will, einen von der Brandung angespülten menschlichen Körper entdeckt. Leider entpuppt der sich als mausetot. Trotzdem verhindert die Leiche, dass Hank sich erneut den Strick um den Hals legt. Sie beginnt, man ahnt es, beeindruckend laut, vor sich hinzufurzen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Klingt krass? Man konnte vorgewarnt sein. Vor "Swiss Army Man" sorgte das Regie-Duo The Daniels, bestehend aus Daniel Kwan und Daniel Scheinert, mit Musikvideos und Kurzfilmen für Aufsehen. Da werden im Video zu DJ Snakes "Turn Down For What" Menschen von einer gefährlichen Tanzwut befallen, die ein ganzes Mietshaus in Schutt und Asche legt. Und in "Interesting Ball" sorgt ein roter Ball für denkwürdige zwischenmenschliche Verwicklungen. Die beiden Regisseure spielen selbst mit, wobei der eine Daniel - tja, wie soll man das beschreiben? - im Hintern des anderen Daniel verschwindet, so ist das. Zuerst der Fuß, dann der ganze Mann.

Das Problem des Filmchens ist allerdings weniger diese Art von Humor, über dessen kreative Ausgestaltung man als Zuschauer aller Vulgarität zum Trotz Staunen kann. Sondern, dass es sich nach dem Willen seiner Regisseure um höheren Blödsinn handelt. "Interesting Ball" ist als Feier der Diversität gedacht, als Feier des Lebens. Das funktioniert nur sehr bedingt, und das bei einer Laufzeit von 13 Minuten.

"Swiss Army Man", das Spielfilm-Debüt der beiden Daniels, ist 97 Minuten lang, obwohl die Grundidee bestenfalls für einen Kurzfilm trägt. Nach 30 Minuten hat Hank seinen neuen Freund Manny getauft, herausgefunden, wie er dessen unerschöpfliche Reserven an Körpergasen zu seinem Vorteil nutzen kann und sich mit ihm auf den Weg zurück in die Zivilisation gemacht. Und jetzt?

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"Swiss Army Man": Ein aufgeblähter Kurzfilm

Jetzt ist das Pulver eigentlich verschossen. Wobei, The Daniels wollen nicht nur eine krude Komödie abliefern, sondern auch etwas über die conditio humana erzählen. "Swiss Army Man" soll kein extended cut eines Furzwitzes sein, sondern eine existenzialistische Komödie. Deshalb muss Manny, der in Gestalt eines blass geschminkten Daniel Radcliffe bisher schlaff herumhing, langsam zu neuem Leben erwachen. Und in Hank einen Lehrer finden, der ihn in die Geheimnisse des Menschseins einweiht.

Anfangs geht es dabei nur deshalb um Liebe, weil sich Mannys Penis beim Anblick von Fotos schöner Frauen regt und von Hank als Kompass genutzt wird, der den Weg nach Hause weist. Aber dann entpuppt sich Hank als einsamer Romantiker, der von Liebe nur träumt, sich aber nie getraut hat, seine Traumfrau anzusprechen. Und nun mit seinen Vorträgen und Vorführungen aus Manny einen Zombie macht, der nicht nach Menschenfleisch giert, sondern nach der menschlichen Erfahrung der Liebe.

Unappetitlicher als jeder Furzwitz

Spätestens jetzt beginnt "Swiss Army Man" ganz gewaltig zu nerven. Denn The Daniels wollen auf der visuellen Ebene immer aufs Neue Eindruck schinden mit einem von Michel Gondry entlehnten DIY-Budenzauber, mit handbemalten Masken und einem aus Holz nachgestellten Bus. Aber es wird deutlicher, dass sie eigentlich nichts zu sagen haben.

Anstatt poetisch zu verdichten, stapeln sie Plattitüde auf Plattitüde. Keine der an Geschmacklosigkeiten nicht eben armen Geschichten ist auch nur ansatzweise so schwer zu ertragen, wie die ausgewalzte Banalität der zweiten Hälfte dieses Films, die auf ein simples "Hätte ich sie doch nur angesprochen" hinausläuft und in der das menschliche Verlangen nach Verbundenheit zum infantilen Gewäsch wird.

Noch schlimmer: Man sieht förmlich vor sich, wie die Macher sich am Set auf die Schultern klopfen und für ihre krassen Ideen beglückwünschen. Eine selbstgefällige Attitüde, unappetitlicher als jeder Furzwitz.

Im Video: Filmtrailer zu "Swiss Army Man"

"Swiss Army Man"

    USA 2016

    Drehbuch und Regie: Daniel Kwan, Daniel Scheinert

    Darsteller: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Antonia Ribero

    Produktion: Cold Iron Pictures

    Verleih: capelight pictures

    Länge: 97 Minuten

    FSK: frei ab 12 Jahren

    Start: 13. Oktober 2016

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
astsaft 12.10.2016
1. Interessanter Verriss
Wie unterschiedlich doch Geschmäcker sein können. Dem Autor dieser Kritik scheint der Film absolut nicht gefallen zu haben, wohingegen die Damen und Herren von Filmstarts.de dem Film volle 4 von 5 Punkten geben, eben weil der Film mehr ist, als nur ein langer Furzwitz. Meist passt die Einschätzung von Filmstarts.de für meinen Geschmack besser, sodass ich mich trotz dieser vernichtenden Kritik auf den Film freue.
Chris rockt 12.10.2016
2. Über Geschmack lässt sich vortrefflich streiten ...
ich habe den Film (im O-Ton) sehr genossen und werde ihn auch ausgewählten Personen empfehlen.
spon-facebook-10000123096 12.10.2016
3. Jap
Die Einschätzung von Filmstarts liegt definitiv näher an meiner Bewertung des Films. Die Kritik dieses Artikels, der furzwitz trage höchstens für einen Kurzfilm, trägt höchstens für einen Absatz (-:
c-K 12.10.2016
4. Mhhh
Diese SPON Bewertung trifft für mich persönlich überhaupt nicht zu! Die Bewertung von Filmstarts allerdings schon. Dieser Film ist mein absoluter Favorit 2016 und jetzt schon im Einkaufskorb.
liany 12.10.2016
5. Also ich fand dem Film gut
Für den Geschmack des mürrischen Autors dieses Artikels war's wohl nicht das Richtige.
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