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05. September 2019, 14:09 Uhr

Berlinale-Gewinner "Synonymes"

Wie werde ich mich selbst los?

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In Nadav Lapids furiosem Goldenen-Bären-Gewinner "Synonymes" setzt ein junger Israeli alles daran, sich in Paris neu zu erfinden. Ein Taumel aus Worten, Bildern und Begierden - unser Film der Woche.

Einmal steht Yoav nachts allein vor Notre-Dame. Mit einer eingebildeten Maschinenpistole schießt er auf die Türme der Pariser Kathedrale. Als wüsste er längst, dass die heiligen Symbole unserer Kultur nicht mehr lange halten werden.

Die Luftschloss-Schießerei ist eines der Bilder, mit denen Nadav Lapid eine private Psychokiste in Kulturkritik verwandelt. So verstörend wie humorvoll, abstrakt und doch poetisch. Mit "Synonymes" präsentierte der israelische Regisseur bei der diesjährigen Berlinale einen Film, der durch seine störrische Grundhaltung und Szenen wie diese aus dem Wettbewerb herausragte. Und dafür den Goldenen Bären gewann.

"Synonymes" handelt von Identität. Kann man sich selbst loswerden und danach neu erfinden? Dreht hier jemand durch, oder spielt er nur verrückt? Lapid gibt keine letztgültigen Antworten. Er zweifelt, sucht weiter und findet dabei vor allem eine faszinierende Form für seinen Film.

Alles kreist um Yoav, einen jungen Israeli, den Schauspieler Tom Mercier in seiner ersten Filmrolle mit hypnotischer Präsenz verkörpert. Er promeniert im dottergelben Designermantel durch Paris, zugeknöpft, den Kopf gesenkt. Dabei murmelt er französische Wortketten: abscheulich, erbärmlich, beklagenswert, widerwärtig. So nahm Yoav sein Leben in Israel wahr, das er hinter sich lassen will - und das ihn zuverlässig einholt, je mehr er es verleugnet.

Yoav beschließt, kein Wort Hebräisch mehr zu sprechen. Noch nicht einmal, als er einen Job als Sicherheitsbeamter in der israelischen Botschaft annimmt, um die Miete für seine Bruchbude und den immergleichen Billigfraß zu finanzieren. Nachdem er bei der Botschaft wegen seiner Marotten rausfliegt und Arbeit als Model sucht, wird er selbst bei absurden Pornodrehs auf seine Herkunft zurückgeworfen. "Was mache ich hier? Schwanz, Schwanz! Lass mich!", stöhnt er dann doch auf Hebräisch, während der französische Kameramann ganz entzückt ist von diesem intensiven Höhepunkt.



"Synonyme"
Originaltitel: "Synonymes"
F 2019
Regie:
Nadav Lapid
Buch: Nadav Lapid, Haim Lapid
Darsteller: Tom Mercier, Quentin Dolmaire, Louise Chevillotte, Uria Hayik, Yehuda Almagor
Produktion: SBS Films, Pie Films, Komplizen Film et al.
Verleih: Grandfilm
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 5. September 2019


Die Kamera weicht Yoav beim Versuch, sich zu verlieren und neu zu finden, zwei Stunden lang nicht von der Seite. Immer wieder rückt sie ihm regelrecht auf die Pelle. Seine zunehmend desillusionierenden Erlebnisse werden episodenhaft erzählt. Die Chronologie ist so unzuverlässig wie die Erinnerung, die Filmsprache eher Essay als Drama, die Stimmung tragikomisch. Manche Szene löst die Daueranspannung des Protagonisten in grotesken Humor auf. Etwa wenn ein Vorstellungsgespräch in eine homoerotische Rangelei ausartet. Oder wenn Yoav auf der Suche nach einem Gratis-Snack in einer Bar plötzlich einen Mampf-Tanz zu Technotronics "Pump Up The Jam" zelebriert.

Schon die Wiedergeburt, die Yoav direkt nach seiner Ankunft erlebt - er verliert all seine Habseligkeiten und erfriert beinahe in der Badewanne eines großen, leer stehenden Apartments -, ist ein Ereignis, das ihn auf seine Familiengeschichte zurückwirft. Sein Großvater wäre auch fast erfroren, erzählt er dem Paar, das ihn rettet. Er (Quentin Dolmaire) ist Möchtegernschriftsteller, der nicht weiß, wohin mit dem Geld seiner Eltern. Sie (Louise Chevillotte) will mit klassischer Musik ihre wilden Jugendjahre vergessen. Beide leiden an der Langeweile des eigenen Lebens und sehen in dem mysteriösen Neuankömmling einen Zeitvertreib. Er verliebt sich in Yoav und zehrt von dessen Biografie wie ein Vampir. Trotzdem schläft am Ende sie mit ihm.

So wie Yoav zum perfekten Franzosen mutieren will, so wird Nadav Lapid zum Wiedergänger von Jean-Luc Godard. Mit dem Unterschied, dass Lapid dabei ziemlich überzeugend ist. Der Film macht seine Hauptfigur nicht durch einschmeichelnde Identifikation begreiflich, sondern durch Deklamation.

Yoavs Zerrissenheit erscheint eher als Gleichzeitigkeit von Widersprüchen denn als Folge biografischer Stationen. Besonders eindringlich ist in dieser Hinsicht eine Szene aus einem Integrationskurs, in der die Nationalhymnen Israels und Frankreichs behandelt werden. Lautstark trägt Yoav die "Marseillaise" vor - und zerbröselt sie durch seinen Überschwang.

Im Video: Der Trailer zu "Synonymes"

Damit aktualisiert Lapid Methoden der Nouvelle Vague und schärft gerade durch den Fokus auf die Krise eines Einzelnen den Blick für Grundsätzliches. Identität als zentraler Aspekt politischer Diskussionen, die Themen Nationalismus und Antisemitismus schwingen bei Yoavs Sehnsucht nach einem anderen Leben ständig mit.

"Synonymes" zeigt, wie jemand gegen biografische Prägungen und Zuschreibungen von außen ankämpft und sie doch nicht so einfach loswird. Weder mit einer anderen Sprache noch mit einem neuen Mantel.

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