Tageskarte Film Hallo Nachbar!

Ein ägyptisches Polizeiorchester strandet im israelischen Nirgendwo und versucht die Kontaktaufnahme mit den Einheimischen - Eran Kolirins melancholische Komödie "Die Band von nebenan" erzählt von der Möglichkeit eines Miteinanders.

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Es gibt Filme, auf die können sich fast alle einigen, Programmkino-Gänger, Mainstream-Fans und sogar Kritiker. Das war zum Beispiel bei "Wie im Himmel" so, Kay Pollaks kleinem schwedischen Gospel-Film über einen überspannten Star-Dirigenten, der an einen Kleinstadt-Chor gerät: einhelliges Lob vom Feuilleton, eine Oscar-Nominierung und allein in Deutschland eine unglaubliche Besucherzahl von weit über einer Million. Ähnliches gilt für Marcus Rosenmüllers Überraschungsknüller "Wer früher stirbt ist länger tot" oder für Jean-Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie", wobei letzterer von seiner euphorischen Anhängerschar dann doch so zu Tode geliebt wurde, dass sich irgendwann schon aus Prinzip eine schlecht gelaunte Anti-Amélie-Riege formiert hat, allerdings eher genervt vom Hype um den Film als vom Film an sich.

Szene "Die Band von nebenan": Kleine, feine Geschichte
Concorde

Szene "Die Band von nebenan": Kleine, feine Geschichte

Heute startet wieder so ein Konsens-Kandidat: "Die Band von nebenan", der Debütfilm des israelischen Regisseurs Eran Kolirin, war in der Heimat schon ein Straßenfeger, auf den Filmfestivals von Cannes über München bis Tokio regnete es Preise, die weltweite Presse ist begeistert. Bei so viel Lob könnte man ja gleich wieder misstrauisch werden, muss man in diesem Fall aber nicht. Tatsächlich muss man "Die Band von nebenan" einfach mögen.

Zur Handlung: Ein achtköpfiges Polizeiorchester aus Ägypten wird zu einem Auftritt in ein arabisches Kulturzentrum in Israel eingeladen. Doch am Flughafen in Tel Aviv holt sie niemand ab, Hinweisschilder auf Arabisch gibt es nicht, und so steigen sie in den falschen Bus und landen nicht wie geplant in Petah Tikva, sondern in Bet Hatikva, einem trostlosen Kaff in der Einöde, wo es laut der resoluten Café-Besitzerin Dina "keine arabische Kultur, keine israelische Kultur, überhaupt keine Kultur" gibt. Bevor der nächste Bus kommt, muss die größtenteils furchtbar schüchterne Truppe aus Ägypten in ihren absurden babyblauen (fiktiven) Uniformen im Nirgendwo verharren und sich wohl oder übel mit den Einheimischen auf Übernachtungsmöglichkeiten verständigen. Hotels gibt's natürlich auch nicht.

Was dann folgt, hätte ein kitschiges Rührstück zum Thema Völkerverständigung werden können oder dumpfer Klamauk, der die gegenseitigen Vorurteile gegeneinander antreten lässt. Doch "Die Band von nebenan" will einfach nur eine kleine, feine Geschichte erzählen, verzichtet auf die großen Gesten und die billigen Lacher und spinnt stattdessen mit viel Finesse eine melancholische Komödie voller liebenswerter Figuren, die nur ganz nebenbei und damit viel effektiver auf das mögliche Miteinander zweier verfeindeter Nachbarvölker hinweist, mit leicht trauriger Ratlosigkeit, aber auch nicht ohne einen Anflug von Hoffnung.

Rührende Momente hat sich Regisseur Kolirin dabei nicht verboten, es ist eben ein Film für alle. Man kann sich ziemlich sicher sein, das Kino mit einem Lächeln zu verlassen. Besser geht es eigentlich nicht.



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