Tageskarte Kino Kalter Entzug

In ihrem US-Debüt "Things we lost in the Fire" versucht die frühere Dogma-Regisseurin Susanne Bier den Spagat zwischen Kunst und Mainstream – was ihr dank der Superstars Halle Berry und Benicio del Toro auch gelingt.

Von Ilse Henckel


Unpassend wirkt Jerry Sunborne (Benicio del Toro) in seinem schlecht sitzenden Anzug am Rande der gepflegten Trauergemeinde im perfekten Haus des Bauunternehmers Brian Burke. Vor ein paar Tagen wollte Burke für seine beiden Kinder Eiscrème besorgen, und plötzlich ist er tot, niedergeschossen, weil er unterwegs zufällig einen Streit schlichten wollte. Nur widerwillig erinnert sich seine gramversteinerte Witwe Audrey (Halle Berry) an Jerry Sunborne, Brians ältesten und engsten Freund, einen heruntergekommenen Ex-Anwalt und Fixer.


Doch ausgerechnet bei diesem Junkie sucht Audrey Halt, als sie ihm wenig später anbietet, in ihre umgebaute Garage zu ziehen. Für Jerry öffnet sich unverhofft ein Weg, clean zu werden. Und tatsächlich rafft er sich auf, freundet sich mit den Kindern an, mit einem Nachbarn und mit einer Selbsthilfegruppe. Täglich neu balancieren Audrey und Jerry ihr prekäres Dasein aus – er zählt seine drogenfreien Tage, sie hält den Haushalt senkrecht. Doch sie findet keinen Schlaf, kann weder ihren Zorn noch ihre Erstarrung in Trauer auflösen. "Es hätte dir passieren sollen, Jerry", sagt sie. "Warum warst du es nicht?" Irgendwann erträgt sie nicht mehr, dass Jerry lebt und Brian nicht, dass ihre Kinder sich ihm zuwenden, um bei ihm zu suchen, was ihr Vater ihnen hätte geben sollen.

Der dänische Regisseurin und Dogma-Veteranin Susanne Bier sind Filme wie "Brothers", "Open Hearts" und "Nach der Hochzeit" gelungen. Für ihr mit Spannung erwartetes US-Debüt "Things we lost in the Fire – eine neue Chance" verabschiedet sie sich von skandinavischer Kargheit in den helleren amerikanischen Nordwesten. Doch ihre Deutlichkeit und Intensität gibt sie dabei nicht auf. Zwar verliert sich der verschachtelte, rückblendenreiche Film oft in langen Close-Ups von Gesichtern, Augen, Händen; wirkt das Geschehen zum Teil konstruiert und schwergängig – doch die Geschichte ist eindringlich, weil sie Audreys und Jerrys Versuche zeigt, sich selbst zu finden, um neu leben zu können. In den Oscar-Preisträgern Halle Berry und (dem gerade wieder in Cannes ausgezeichneten) Benicio del Toro, dem die Empfindsamkeit ins Gesicht gebrannt ist, fand Bier die zwingenden Charakterdarsteller, die dem Jammer und emotionalen Aufruhr ihrer Figuren standhalten; die Verlust, Sucht, Hilflosigkeit, abrupten Entzug und Hoffnung lebendig machen können.

Zu viel oder zu wenig für ein amerikanisches Publikum – das komplexe Abhängigkeitsdrama mit dem unsentimentalen Happy End fiel an den US-Kinokassen durch. Schade.



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