Tango-Film "Der letzte Applaus" Singen bis ins Grab

Wer Melancholie mag, wird diesen Film lieben. Eine vergessene Gruppe alter Tango-Musiker in Buenos Aires will es noch einmal wissen. Regisseur German Kral hat sie bei ihrem Versuch begleitet, Anschluss an die Zukunft zu finden.

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Wahre Künstler, heißt es, interessieren sich für Ruhm und Geld erst an zweiter Stelle, denn wirklich glücklich sind sie nur, wenn sie ihre Kunst leben können.
Wahrhaftigere Künstler als die musikalischen Senioren aus Buenos Aires, die der Regisseur German Kral ("Musica Cubana") in seinem neuen Dokumentarfilm "Der letzte Applaus" vorstellt, kann man sich demnach gar nicht vorstellen: Jahrzehntelang sangen und spielten sie ihre Tango-Lieder in der kleinen Bar "El Chino" - einfach, damit sie gehört wurden, weil man sie ließ, stets vor begeisterten Zuschauern.

Sie hatten nicht viel Geld, aber immerhin ein musikalisches Zuhause, sie wurden gehört, das reichte. 2001 starb der Besitzer der Bar, und das Zuhause löste sich auf. Die glamouröse Cristina de los Angeles, die grandiose Ines Arce, der melancholische Julio César Fernan, der mit Ende 50 noch bei seiner Mutter wohnte, und all die anderen standen vor dem Nichts. Es gab keinen neuen Ort für sie. Zwangsweise verstummt, das Schlimmste, was einem Musiker passieren kann.

Über Jahre hinweg hat Regisseur Kral die verschiedenen Schicksale begleitet, von den letzten guten Tagen an, als es das "El Chino" samt Besitzer noch gab, über das plötzliche tragische Ende, die mühsamen Versuche, sich über Wasser zu halten, bis in die Gegenwart.

Manche der Künstler sind gestorben, arm und einsam, aber ein paar haben sich zusammengerauft und sich einem kleinen Orchester junger Leute vorgestellt, mit dem sie in die Zukunft gehen möchten. Und wenigstens einen Auftritt im alten "El Chino" wollen sie noch mal absolvieren, die Kamera ist natürlich dabei, und es ist der rührendste Moment des ganzen Films.

Ob man sich sonst als Zuschauer so sehr rühren lassen kann von dieser melancholisch erzählten Geschichte vergessener Musiker, die jetzt in den Kinos anläuft, wird davon abhängen, ob man etwas mit der Musik anfangen kann.

Tango-Liebhaber bekommen einiges geboten, denn die Künstler mögen alt sein, aber sie verstehen ihr Handwerk. Besonders wenn die über 80-jährige Inés Arce singt, die als 48-jährige Hausfrau vom "El Chino"-Chef entdeckt wurde, dürften viele Fans feuchte Augen bekommen. Wer aber keine besondere Beziehung zu diesem Genre hat, dem dürfte das ständige Schmettern pathosschwangerer Weisen schnell auf die Nerven gehen.

"Der letzte Applaus" funktioniert zwar nur für ein kleines besonderes Publikum, aber auch das macht ihn zu einem besonderen Film.



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stesoell 21.05.2009
1. Zum Thema eine Frage
Hallo, eine Frage zum Thema. Ich habe vor einigen Jahren (?) im TV eine Dokumentation über einen "bekannten" "Tango-Club" in den Niederlanden gesehen, respektive über den Tango und seiner TänzerInnen als solchen. Mag sich jemand erinnern, welchen Namen die Dokumentation trägt? Danke Vorab!
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