"Tanguy"-Darsteller André Dussollier "Ich fand das Kind im Manne"

Die französische Erfolgskomödie "Tanguy - Der Nesthocker" von Etienne Chatiliez erzählt die Geschichte eines 28-Jährigen, der noch bei den Eltern wohnt und sich weigert, flügge zu werden. Charakterdarsteller André Dussollier ("Drei Männer und ein Baby") brilliert als genervter Vater, dem bald kein Trick mehr zu schäbig ist, seinen renitenten Sohn aus dem Haus zu ekeln.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Dussollier, warum wollen Kinder das Elternhaus heute nicht mehr verlassen?

André Dussollier: Ich gehöre zu einer Generation, die es nicht abwarten konnte, vom heimischen Herd zu flüchten. Wir mussten früh auf eigenen Beinen stehen und für uns selbst sorgen. Das hat sich geändert. Dafür gibt es einige Gründe: die längeren Studienzeiten, die Jugendarbeitslosigkeit und die enge Beziehung, die Kinder mittlerweile zu ihren Eltern haben. Heute sind die Eltern für die Kinder oft wie Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Zu Hause ist es also am schönsten?

Dussollier: Ein Nesthocker spürt und genießt die Wärme der Familie und ist gegen die Kälte, in die er hinaus muss, schlecht gewappnet. Das weiß er, und so zögert er den Zeitpunkt immer weiter hinaus.

SPIEGEL ONLINE: Warum rebelliert die von Sabine Azéma gespielte Mutter noch vor dem Vater gegen den Sohn?

Dussollier: Der Vater ist anfangs nur Zuschauer. Erst als seine Frau fast körperlich gegen den Sohn aufbegehrt, fängt er an, das Problem ernst zu nehmen. Er benutzt seine Frau als Gradmesser, um das Familienklima zu ermitteln, für das er keinen eigenen Sinn zu haben scheint. Doch beide müssen schließlich lernen zu akzeptieren, dass nun eine Persönlichkeit vor ihnen steht, deren Formen und Farben sehr von dem Bild abweichen, das sie sich vor vielen Jahren ausgemalt haben. Nur der Vater drückt sich um diese Erkenntnis länger herum.

SPIEGEL ONLINE: Während der Sohn im Laufe des Films reift, nehmen die Eltern wieder kindliche Züge an. Was ist der Grund für diese Umkehrung?

Dussollier: Bei diesem Film habe ich das Kind in mir wiederentdeckt. Die Eltern von Tanguy sind die wahren Kinder. Ihr Sohn dominiert sie und das gemeinsame Zusammenleben. Sie stehen ihm fast hilflos gegenüber. Sie sind an einen Punkt angelangt, an dem es nicht mehr möglich ist, ihr Erziehungssystem aufrecht zu erhalten. So müssen sie wieder zu Kindern werden und ihrem Sohn Streiche spielen, um ihn dazu zu bewegen, das Haus zu verlassen. Sie entwickeln eine infantile Anarchie.

SPIEGEL ONLINE: Gerade haben Sie "18 Jahre später" gedreht, die Fortsetzung von "Drei Männer und ein Baby". Handelt dieser Film auch von einem Generationenkonflikt?

Dussollier: Ja, aber der Film ist das genaue Gegenteil von "Tanguy". Die Tochter, um deren Geburt sich "Drei Männer und ein Baby" dreht, wird nun erwachsen. Doch ihre drei Ziehväter sind weit weniger liberal als man annehmen sollte und sehr um das Wohlergehen der jungen Frau bedacht. Sie haben echte Trennungsängste.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

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