Tarantinos "Inglourious Basterds" Spiel mir das Lied vom Apfelstrudel

Phantasievoller Weltkinokrieg statt krudes "Kill Adolf": Mit dem Filmgedächtnis eines Elefanten und der Subtilität einer Dampfwalze lässt Regisseur Quentin Tarantino in "Inglourious Basterds" das globale, demokratische Hollywood-Kino über den nationalen Leinwandpathos der Nazis siegen.
Tarantinos "Inglourious Basterds": Spiel mir das Lied vom Apfelstrudel

Tarantinos "Inglourious Basterds": Spiel mir das Lied vom Apfelstrudel

Foto: Universal Studios

Der gemeine Tarantino-Jünger, der uninformiert ins Kino geht, wird von "Inglourious Basterds" vermutlich kalt erwischt. Denn dieser ausufernde, widerständige und bei aller zur Schau getragenen Dreistigkeit unerhört kluge Film leistet sich mit einem reißerischen Trailer eine der irreführendsten Werbekampagnen der letzten Jahre. Im durchaus belebenden Rauschen der Diskurse, die sich an diesem faszinierenden Werk in den vergangenen Tagen und Wochen entzündet haben, muss daher noch einmal kurz festgestellt werden, was es nicht ist: Ein geradliniges Hochglanz-Spektakel für ein Publikum, das aufgrund der reichlich missverständlichen Werbung lediglich eine temporeiche Hatz auf Nazis erwartet.

Denn statt sich mit einem simplen "Kill Adolf" zu begnügen, hat Quentin Tarantino erstmals seit "Pulp Fiction" - und mit Abstrichen "Jackie Brown" - wieder einen verschlungenen Weg heraus aus dem Zettelkasten der wohlfeilen Filmzitate gefunden. Was keineswegs heißen soll, dass seine mäandernde Phantasmagorie mit filmhistorischen Verweisen geizen würde, im Gegenteil: Die Filmgeschichte ist hier nur nicht mehr allein Quelle der Inspiration, sondern selbst treibendes Handlungsmoment.

Und wie Georg Seeßlen schon in seinem SPIEGEL-ONLINE-Essay über den kruden, aber effektiven ästhetischen Antifaschismus des Films ausführte, ist es hier das Kino, dieser wahrhaft glorreiche, so gar nicht rassenwahnreine Bastard der klassischen Künste, der den Nazis metaphorisch und buchstäblich das Genick bricht.

Tarantinos Weltkinokrieg

Denn was Tarantino in den großangelegten, problemlos alleinstehenden Kapiteln seines Weltkinokriegs neben den individuellen Schicksalen der Beteiligten beleuchtet, ist der übergreifende Konflikt zwischen immer auch politisch zu denkenden Filmtraditionen. Das dramatische Personal tritt dementsprechend auf.

Brad Pitts Leutnant Aldo Raine etwa, der die titelgebende Einheit jüdisch-amerikanischer Soldaten in einen blutigen Guerillakampf durch das besetzte Frankreich führt, ist nicht nur optisch ein im Übermaß radikalisierter Wiedergänger aller zupackenden Hollywoodhelden. Sein Ansatz zur Rettung der freien Welt folgt dabei der Logik eines brutalen Abzählreims: Jeder tote Nazi macht den Sieg der Demokratie weniger abstrakt. Eben wie einst Woody Allen einen seiner hellsichtigen Stadtneurotiker auf die Frage, wie man den Antisemitismus am besten bekämpft, antworten ließ: "Ich bevorzuge Baseballschläger."

Dieser Zuspitzung US-amerikanischer Handfestigkeit steht SS-Oberst Hans Landa gegenüber, den ein brillanter Christoph Waltz abseits der gängigen Spielfilm-Nazi-Psychogramme nicht als dämonischen Demagogen, sondern als präzise reflektierenden, stets auf Selbsterhaltung bedachten Auftragsmörder porträtiert.

Unverhofft viel Liebe

Die markante moralische Differenz zwischen diesem vollends schuldfähigen Verbrecher und den sonst so putzigen Schurken im Tarantino-Universum illustriert vielleicht am ehesten ein kulinarischer Vergleich: Wenn Samuel L. Jacksons Killer in "Pulp Fiction" einen Big Kahuna Burger verspeist und über die Vorzüge der Bulette doziert, dann ist das purer Pop.

Wenn hingegen Waltz als Landa in einer der vielen Konversationsszenen - dieser Krieg spielt sich analog zur Erfahrung im Kinosaal weitgehend im Sitzen ab - ein Stück deutschen Kuchen bestellt, dann kommt damit auch die ganze provinzielle Perfidie teutonischen Herrschaftsdenkens auf den Tisch. Während Landa genüsslich sein Dessert lobt, erzählt das vermeintlich Banale so vom umfassenden Verderben: Spiel mir das Lied vom Apfelstrudel.

Das Privileg, in einem kühn vom üblichen historischen Authentizitätszwang befreiten Szenario für poetische Gerechtigkeit zu sorgen, liegt indes allein bei der untergetauchten Jüdin Shosanna Dreyfus (Melanie Laurent), die in Paris ein Kino betreibt. In die Figur der jungen Frau, die bei einer Galavorstellung in Anwesenheit Hitlers aus hochbrennbaren Nitrofilmen ein Inferno für die NS-Führung entfachen will, investiert Tarantino unverhofft viel Liebe und Solidarität.

Ein Sieg für den Bastard-Film

Am Ort der Entscheidung, wo die Erzählungen Raines, Landas und Shosannas aufeinandertreffen, leistet sich der Regisseur zudem die plakativsten Exkurse in die ständig präsente Filmgeschichte: Hier parlieren seine Figuren über den Bergfilmklassiker "Die weiße Hölle vom Piz Palü" von Arnold Fanck und G. W. Pabst, dort lässt er Goebbels persönlich in Rage geraten ob der bloßen Erwähnung von Ufa-Komödienstar Lilian Harvey, die Nazi-Deutschland den Rücken kehrte. Und sogar dem vom Regime hofierten Schauspielstar Emil Jannings beschert er einen markanten Miniauftritt. Shosanna schließlich findet die probate Antwort auf Goebbels' Hetze gegen die "Filmjuden", wenn sie in einer Kinoprojektion ihr eigenes Gesicht als Symbol für die Rache der Verfolgten und Ermordeten an den Tätern zur Verfügung stellt.

Regisseur und Tarantino-Kumpel Eli Roth - der auch einen der schlagkräftigen "Basterds" gibt - inszenierte zudem als Film-im-Film den fiktiven, faschistischen Propagandareißer "Stolz der Nation", der die Kriegserlebnisse des Wehrmachtssoldaten Frederick Zoller (Daniel Brühl) im perfekt imitiertem NS-Inszenierungsstil glorifiziert.

In einem boshaften Insiderwitz Tarantinos vergleicht sich Zoller, der Shosanna beeindrucken will, gar mit dem amerikanischen Kriegshelden Alvin C. York. Jenem "Sergeant York" hatten Warner Bros. und Regisseur Howard Hawks in Hollywoods Kampf gegen Hitler ein wirksames Denkmal gesetzt, doch statt als germanischer Gary Cooper entpuppt sich Zoller bald darauf als pathologischer Vorfahre von Karlheinz Böhms bildfixiertem Mörder aus "Peeping Tom".

Globales Hollywood gegen Goebbels' Nationalkino

Nun sind die Produzenten Harvey und Bob Weinstein nicht die Erben von Harry und Jack Warner, ebenso wenig wie Quentin Tarantino ihr Michael Curtiz, ihr Hawks oder ihr William Wyler ist (auch wenn ihm der Vergleich sicher gefallen würde). Dennoch lässt "Inglourious Basterds" als durchweg international besetzter und - zumindest in der unbedingt zu empfehlenden Originalfassung - mehrsprachiger Film unweigerlich an die großen Anti-Nazi-Filme der vierziger Jahre denken.

Wie die Emigranten in Curtiz' "Casablanca" auf der Leinwand ihre Stimme gegen das in ihrer Heimat herrschende Unrecht erheben konnten, so triumphiert bei Tarantino das polyphone, demokratische und sich seiner globalen Herkunft bewusste Hollywood über Goebbels' autoritäres Nationalkino. Und dass "Inglourious Basterds" fast vollständig in den Studios von Babelsberg gedreht wurde, aus denen die Nazis ab 1933 die jüdischen Filmschaffenden und die künstlerische Tradition des Weimarer Kinos verdrängten, verleiht diesem Sieg noch deutlich mehr Süße.

Quentin Tarantino mag oft nerven mit seinem nur notdürftig als Prahlerei getarnten Gequengel, ihn doch bitte als legitimen Nachfahren seiner heißgeliebten Auteurs ernst zu nehmen. Auch in "Inglorious Basterds" findet sich die kaum ironisch gebrochene Feststellung, dass hier ein Meisterwerk zu bewundern sei - doch diesmal hat Tarantino mit dem visuellen Gedächtnis eines Elefanten, der Subtilität einer Dampfwalze und seiner aufrichtigen Leidenschaft für das Weltkino tatsächlich etwas geschaffen, von dem nach dem Abspann weit mehr als die Summe der einzelnen Teile bleibt.

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