"Tatsächlich Liebe" Schmerz ohne Herz

Ein Fest der Liebe soll es sein: Der Episodenfilm "Tatsächlich Liebe" wird als "ultimative romantische Komödie" angepriesen. Beschert wird aber lediglich eine Tour de Force durch zahllose Geschichten, aufgemotzt mit Starpower und Humorroutine.
Von Daniel Haas

Maßgeschneidert für die Weihnachtszeit serviert Star-Schreiber Richard Curtis ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill") die ultimative Herzschmerz-Klamotte, ein Patchwork, zusammengeflickt aus neun Geschichten und jeder Menge Stars. "Tatsächlich Liebe" ist für die romantische Komödie das, was "Matrix Revolutions" für den Science-Fiction-Film war: der Ausverkauf, das Ende, ein letztlich liebloses Flickwerk perfekt kalkulierter Ideen, die gleich zu Beginn mit einer Geschmacklosigkeit abgesegnet werden.

Zu den Bildern glücklich ankommender Reisender auf einem Flughafen erklärt die Off-Stimme von Hugh Grant, dass es um die Welt nicht so schlecht bestellt sein könne; dies würden allein die Notruftelefonate beweisen, die die Todgeweihten aus den Twin Towers geführt hätten. Da hätte niemand noch eine letzte Hasstirade abgefeuert, sondern alle sprachen von der Liebe. Love is all around. Wer den sorgfältig geplanten Massenmord herbeizitieren muss, um daraus die Prämisse für seine Apologie auf Liebe und Mitgefühl zu zimmern, kann bestenfalls als arglos, schlimmstenfalls als zynisch gelten.

Der Fortgang von Curtis' Gefühlemarathon durch die Welt liebesbedürftiger Großstädter legt Letzteres nahe; es gibt in diesen 129 Minuten immer wieder nur jene selbstgefällige Routine, mit der eine Episode nach der anderen über den Kamm augenzwinkernder Hipness geschert wird. Der Curtis-Touch, bewährt seit Erfolgen wie "Notting Hill" und "Bridget Jones", mischt Trauer, Erotik und Humor zu einem Stilkonzept, das seinen Charme in jeder Szene offensiv zur Schau stellt.

Im Allstar-Team der romantischen Komödien-Darsteller treten auf: Hugh Grant als englischer Premierminister, unglücklich verliebt in eine Angestellte. Emma Thompson als dessen Schwester, unglücklich gefangen in einer Ehe mit Harry (Alan Rickman), der eine andere begehrt (Heike Makatsch). Laura Linney spielt seine Assistentin, auch sie treibt eine unglückliche Liebe um. Außerdem gibt es Colin Firth als Autor, der sich trotz Sprachbarriere in die portugiesische Haushälterin verliebt, und Liam Neeson als Witwer mit altklugem Sohnemann. Natürlich finden fast alle diese Figuren Liebe; Curtis schleust sie zielsicher durch die diversen Plots seines romantischen Programms: Das Leben ist schwer, wir sind alle ein bisschen kompliziert, aber hey, Love is all around!

Dass ausgerechnet die von den exzellenten Laura Linney und Emma Thompson gespielten Frauen letztlich nicht in den Genuss umfassender Liebe kommen, ist da nur konsequent: In Curtis' Universum der kosmetischen Konflikte und gut gestylten Neurosen ist für die Probleme erwachsener Frauen nicht wirklich Platz.

Es gibt Ausreißer aus diesem Parforceritt durch filmische Nettigkeiten: Billy Mack, ein alternder Rockstar, der mit einer schäbigen Weihnachtsversion seines größten Hits ein Comeback versucht. Bill Nighy spielt ihn als sarkastischen Filou, der bei einer TV-Show den Kids todernst davon abrät, Drogen zu kaufen, dann aber nachsetzt: "Werdet Popstar, dann bekommt ihr sie umsonst!" Er entdeckt seine Liebe zu jenem Menschen, der ihm auch dann noch treu geblieben ist, als er sich selbst verraten hat: zu seinem Manager. Wunderbar auch das Statistenpärchen, das in einer Pornoproduktion als Doubles für die Stars einspringt. Zwischen der üblichen Sexakrobatik entspannt sich zwischen den beiden ein so herzlicher wie amüsanter Gedankenaustausch, der zu einer ersten Verabredung führt.

Hier gelingt tatsächlich die schnelle Figuren-Skizze, das liebevolle Porträt eines Charakters, den kennen zu lernen für den Kinogänger ein Glück bedeutet. Ansonsten aber fehlt es "Tatsächlich Liebe" - trotz flotter Dialoge und glänzender Darsteller - an Respekt: Respekt vor den Gesetzen des Mediums Film, das Quantität fast nie mit Qualität quittiert; Respekt vor dem Drama der Figuren, die hier so atemlos durch kleine und große Krisen jagen, dabei aber nie wirklich ernst genommen werden. Es fehlt, in einem Wort, an Liebe.


Tatsächlich Liebe (Love Actually)
USA 2003. Regie und Buch: Richard Curtis. Darsteller: Hugh Grant, Liam Neeson, Emma Thompson, Laura Linney, Keira Knightley, Bill Nighy, Rowan Atkinson, Colin Firth, Heike Makatsch, Billy Bob Thornton. Produktion: Working Title Productions, DNA Pictures, Universal Pictures. Verleih: UIP. Länge: 129 Minuten. Start: 20 November 2003.

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