Teenagerschwangerschaften Bloß nicht reinreden

Teenagerschwangerschaften sind im texanischen San Antonio ein großes Problem: Micah Magee hat sich des Themas in ihrem Debütfilm "Petting Zoo" jedoch ganz unaufgeregt und unmoralisierend angenommen.
Teenagerschwangerschaften: Bloß nicht reinreden

Teenagerschwangerschaften: Bloß nicht reinreden

Foto: Peripher

Mit das Erste, was wir von Layla sehen, ist, wie sie die versiffte Spüle putzt, während ihr Freund Danny zugedröhnt mit seinen Freunden auf dem Sofa hockt. Danny hat die Schule abgebrochen, einer der Kumpel versucht gerade, einem anderen die Waffe seines Vaters zu verkaufen. Laylas Flucht ist aber schon geplant: Sie ist Einserschülerin im letzten High-School-Jahr und hat ein Universitätsstipendium in der Tasche. Doch kurz nachdem sie die Zusage der University of Austin, Texas, erreicht Layla eine weitere Nachricht. Sie ist schwanger.

In einer vernünftig eingerichteten Welt wäre eine ungewollte Teenagerschwangerschaft misslich, aber nicht zwangsläufig eine Katastrophe. Ein Studium mit Kind würde sich organisieren lassen, über eine Abtreibung nachzudenken wäre kein Affront gegen Anstand und Moral. Doch in "Petting Zoo" sind die Verhältnisse nicht so: Layla wird von ihren Eltern rabiat dazu gedrängt, das Kind zu bekommen, und sagt ihr Stipendium ab; was in diesem Fall keinen Aufschub, sondern das vorzeitige Ende des Versuchs bedeuten kann, einer White-Trash-Existenz als alleinerziehende Mutter zu entkommen.

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"Petting Zoo": Allein mit einer großen Entscheidung

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Dieses Setting wäre in den Händen vieler anderer Regisseure zu einem filmischen Unterschichtengruselkabinett geraten. Das Debüt von Micah Magee umschifft diese Falle aber, darin den Filmen der Dardenne-Brüder verwandt, mit absoluter Sicherheit. Die starke Nähe, die ihr Film zu seiner Protagonistin erzeugt, ist nicht einfach der Anlauf, den es braucht, um den Zuschauer zusammen mit der Heldin in die Verzweiflung zu stürzen. In den Bildern von "Petting Zoo" schimmert freundlich Licht.

Wir begleiten einen Menschen, der in eine Bredouille geraten ist, bei dem Versuch, für sich eine Lösung zu finden. Mehr nicht. Und wir sehen, dass Erwachsene wie Altersgenosse in der Krise keine Hilfe sind, sondern überwiegend durch Empathielosigkeit oder Bräsigkeit auffallen. Laylas Eltern verschwinden schnell aus der Geschichte, Dannys Familie verlangt von Layla, das sie auf jeden Unterhaltsanspruch verzichtet, ihr neuer Freund findet zielsicher die falschen Worte im falschen Moment. Nur ihre Großmutter und die beste Freundin bieten Halt, zumindest anfangs noch. Wenn etwas an "Petting Zoo" verstört, dann ist es der Umstand, wie selbstverständlich hier ein Mensch sich selbst überlassen wird.

Ungeschönter Blick auf die eigene Heimat

Der Schlüssel zu seiner schleichenden, aber nachdrücklichen Wirkung liegt in der Vermeidung jeder aufgekratzter Dramatik. "Petting Zoo" kommt ohne niederschmetternde Schockmomente aus. Es gibt keine emotionalen Ausbrüche und kein Geschrei (nur der Moment, in dem Laylas Vater wie auf Knopfdruck zum Brüllaffen mutiert, bleibt seltsam unverbunden zum Rest des Geschehens). In dieser Unaufgeregtheit liegt eine große filmische Kraft.

Die Newcomerin Devon Keller spielt Layla mit einer schwer beschreibbaren, in sich ruhenden Präsenz. Eine stille und zugleich stark erscheinende junge Frau, die dem Milieu, das sie umgibt, innerlich bereits entrückt zu sein scheint. Sie steht im Zentrum der Bilder, es gibt kaum eines, in dem sie nicht zu sehen ist oder das nicht durch ihre Wahrnehmung gefiltert ist. Trotzdem bleibt die Figur schwer greifbar, Layla zeigt sich äußerlich unbewegt, und der Film lässt im Unklaren, was in ihr vorgeht. Diese Unschärfe verleiht dem Geschehen eine ungewohnte Offenheit.

In anderer Hinsicht lässt "Petting Zoo" wenig Zweifel zu. Der teilweise über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanzierte Film macht deutlich, dass es ihm nicht um ein Einzelschicksal geht, sondern um eine soziale Misere. Er ist auch ein Porträt San Antonios, der Heimatstadt von Micah Magee. Die texanische Stadt hatte 2013, trotz landesweit sinkender Zahlen, in einigen Stadtteilen vier Mal so viele minderjährige Schwangere zu verzeichnen wie der Landesdurchschnitt der USA.

Das ungeschönte Bild, das die Regisseurin von ihrer Heimatstadt zeichnet, ist nicht sehr anheimelnd: "Der Film ist an den Orten meiner Kindheit gedreht, dort, wo meine Cousins heute leben: Schulen, die von Gefängnisarchitekten gebaut worden sind, Trailerparks, Rockbars, verlassene, nie fertig gebaute Trabantenstädte und Gewerbegebiete", erzählt Magee, die bis vor Kurzem noch in Berlin wohnte. Dort studierte sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. "Petting Zoo" war ihr Abschlussfilm, er feierte 2015 auf der Berlinale Weltpremiere.

Trotz seiner schwebenden Erzählweise ist "Petting Zoo" politisch. Die radikale, aber vollkommen selbstverständlich wirkende Konzentration auf die Protagonistin lässt nicht nur jeden moralisierenden Kommentar zum Thema Abtreibung mit einem Mal anmaßend erscheinen. Sie wirkt auch sehr klärend: "Petting Zoo" verneint in aller Ruhe die Idee, es gäbe eine Instanz, die bei der Frage, ob eine Frau ein Kind bekommen will, reinzureden hätte. In diesem Sinne manifestiert sich in diesem kleinen, beeindruckenden Film eine subkutane feministische Haltung.

Im Video: Der Trailer zu "Petting Zoo"

"Petting Zoo"

Deutschland, Griechenland, USA 2015

Buch und Regie: Micah Magee

Darsteller: Devon Keller, Aus­tin Reed, Dez­tiny Gon­za­les, Kiowa Tucker, Jocko Sims

Produktion: The Match Factory

Verleih: Peripher

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 19. Mai 2016

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