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19. Mai 2019, 19:02 Uhr

Terrence Malicks Weltkriegsdrama "A Hidden Life"

Unvergesslich

Aus Cannes berichtet

Der Österreicher Franz Jägerstätter wurde wegen Wehrdienstverweigerung von den Nazis hingerichtet. Altmeister Terrence Malick hat die wahre Geschichte verfilmt - und sich und dem Dissidenten ein Denkmal gesetzt.

Erst überraschte Terrence Malick damit, dass er nach 20 Jahren Pause wieder anfing, Filme zu drehen. Dann überraschte er damit, dass viele der Filme, die er in ungewöhnlich schneller Taktung folgen ließ, gar nicht mal so gut waren. Und nun überrascht er damit, dass man alle Bedenken bezüglich seines Alterswerks schon wieder in den Wind schreiben kann: In "A Hidden Life", der soeben Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes gefeiert hat, finden Stil und Herzensthema von Malick zu perfekter Passung. Nächste Überraschung Goldene Palme?

Eigentlich hatte das fast dreistündige Epos, das seit mehreren Saisons für jedes erdenkliche Festival gehandelt worden war, zunächst "Radegund" heißen sollen - benannt nach dem Heimatdorf des Österreichers Franz Jägerstätter, der sich im Zweiten Weltkrieg weigerte, den Wehrdienst anzutreten und deshalb hingerichtet wurde.

Der neue Titel "A Hidden Life", einem Zitat von George Eliot entlehnt, setzt einen anderen, prägnanteren Akzent: Immer wieder machen Nazischergen Jägerstätter klar, dass von seinem Akt des Widerstands keine Wirkung ausgehen wird, dass niemand von seinen Taten hören wird. Dieser Film stellt sicher, dass von diesem Mann und diesem Leben nichts verborgen bleibt.

Immer neue Momente des Glücks

Eine seltsam offensive Art der Selbstrechtfertigung könnte man meinen. Doch hier ist es angebracht. Als 75-jähriger Amerikaner, der bis auf "Thin Red Line" ausschließlich in den USA gedreht hat, sind Sujet und Setting in den österreichischen Alpen nicht naheliegend für Malick. Außerdem häufen sich in letzter Zeit Filmprojekte über den Nationalsozialismus, die sich als relevant gerieren, da jedes Dritte-Reich-Drama auch immer über den heutigen Rechtspopulismus aufklären würde.

Auch in "A Hidden Life" gibt es einen kurzen Moment der Rückkoppelung an die Gegenwart. "Es werden Männer kommen, die die Wahrheit nicht bekämpfen, sondern sie ignorieren werden", sagt eine Figur früh. Mehr will Malick mit diesem Film aber nicht über die Gegenwart sagen, womöglich geht es ihm noch nicht einmal um die Vergangenheit. Denn die Ewigkeit ist es, die den gläubigen Katholiken so umtreibt wie keine zeitliche Perspektive sonst.

Wie so viele seiner Filmpaare lässt Malick anfangs auch Franz ( August Diehl) und Fani Jägerstätter (Valerie Pachner) verliebt durch die Natur taumeln. Die Kamera (erstmalig Jörg Widmer statt Emanuel Lubetzki) scheint wie die Verliebten ihr Glück kaum zu fassen und setzt aufgeregt immer wieder neu an, um noch ein Bild von ihnen zu erhaschen. Dazu klingen die Worte von Jägerstätter nach, er habe gehofft, sie hätten sich ein Nest bauen können, hoch oben in den Bergen.

Die Worte sind wie so oft bei Malick aus dem Off gesprochen - und sie sind auf Englisch. Entgegen der Ankündigungen ist "A Hidden Life" größtenteils auf Englisch gedreht, eine Handvoll deutscher Sätze beglaubigt eingangs nur die Abstammung des großen deutsch-österreichischen Ensembles (u.a. Franz Rogowski, Maria Simon, Mark Waschke). Ansonsten sprechen die Figuren untereinander Englisch, was zum Schluss in einem Gerichtssaal in Berlin, in dem August Diehl und Bruno Ganz (in einer seiner letzten Rollen) aufeinandertreffen, noch mal einen Ausschlag ins Bizarre markiert.

Zwei wie Adam und Eva

Insgesamt mischt sich das Sprachgewirr jedoch gut in die Manierismen von Malick ein, die Weitwinkelaufnahmen und die extremen Close-ups. Diese Künstlichkeit übersetzt seine Figuren auch ins Urtypische, Franz und Fani sind ebenso Adam und Eva wie es schon Pocahontas und Captain Smith in "The New World" waren.

Ein paar Jahre dauert das alpine Paradies der Jägerstätters noch an, Kinder kommen, der gemeinsame Bauernhof ernährt alle gut. Erst 1940, nach dem Franz zu einer ersten Mobilisierungsübung einbestellt worden ist, schaut er sich besorgt um: "Ich erkenn mein eigenes Land nicht mehr." Während im Dorf die Kriegsbegeisterung wächst, gedeiht bei Franz der Zweifel. Als er schließlich eingezogen wird, verweigert er, den Eid auf Hitler abzulegen und wird ins Gefängnis geworfen.

In konventionelleren Filmen folgt auf den heroischen Akt schnell die drakonische Strafe. Malick verweilt dagegen lang bei seinen Liebenden, bei Franz im Gefängnis und bei Fani im Dorf. Er zeigt, dass es nicht nur eine Bürde ist, eine Entscheidung wie die Verweigerung zu treffen. Damit zu leben, ist es mindestens genauso. Franz wird von Wärtern schikaniert, Fani von alten Freunden bespuckt und geschubst.

Der Glaube an die Liebe und die schweren Zeiten, die sie überdauern wird, tragen Figuren wie Film in diesen Momenten, denn Malick teilt den Glauben von Franz und Fani. So entsteht eine Nähe zwischen ihm und seinen Figuren, die außergewöhnlich ist - auch für Ungläubige. Denn persönliche Filme über den Nationalsozialismus zu machen, das wollen viele. Einen so überzeugenden Zugang wie Malick finden jedoch die wenigsten.

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