Thatcher-Biopic "Die Eiserne Lady" Politik? War da was?

Für ihre Rolle als Margaret Thatcher hat Meryl Streep soeben den Oscar gewonnen. Ansonsten ist an der Filmbiografie "Die Eiserne Lady" wenig preiswürdig. Mit seinem Fokus auf Thatchers Demenzkrankheit stutzt der Film die umstrittene Politikerin zur rührigen Rentnerin.
Thatcher-Biopic "Die Eiserne Lady": Politik? War da was?

Thatcher-Biopic "Die Eiserne Lady": Politik? War da was?

Foto: Concorde Filmverleih

Die Aufregung auf dem Landsitz des frisch gewählten Tory-Abgeordneten ist schon am Morgen kaum zu ertragen. Zur großen Party am Abend wird der Gast aller Gäste erwartet: die Premierministerin. Alkohol und Kokain befeuern die Nervosität. Doch als sie endlich eintrifft, braucht es keine Drogen, um die Partygesellschaft in Rausch zu versetzen. Ihrer Aura aus Macht und Geld und Gier kann sich keiner entziehen. Ist sie nicht wunderschön, tuscheln sogar die schwulen Männer. Aber es ist erst Emporkömmling Nick, der sich traut, sie zum Tanz aufzufordern. Kurz ist sie irritiert ob der Forschheit des jungen Mannes, dann entspannt sie sich wieder. Zur Mitte ihrer zweiten Amtszeit ist ihr solch libidinös aufgeladene Begeisterung für ihre Politik schon vertraut.

Die Szene stammt aus Alan Hollinghursts Meisterwerk "Die Schönheitslinie". In dem Roman, der 2004 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet wurde, hat Margaret Thatcher nur diesen einen kleinen Auftritt. Trotzdem zeichnet das Buch ein faszinierendes Porträt von ihr, denn es fächert virtuos die Achtziger auf - die Ära, die sie wie keine Zweite geprägt hat. In Phyllida Lloyds umstrittener Filmbiografie "Die Eiserne Lady" hingegen gibt es fast keine Szene ohne Margaret Thatcher. Trotzdem bringt einem der Film die Frau, ihre Zeit und ihre Überzeugungen nicht näher. Im Gegenteil, er versucht sogar, sie dem politisch-analytischen Zugriff zu entziehen.

Mit einer durchaus anrührenden Anfangszene gibt Lloyd den sentimentalen Grundton des Films vor: In einem kleinen Eckladen im London der Gegenwart versucht die demente Margaret Thatcher (soeben Oscar-gekrönt: Meryl Streep), eine Packung Milch zu kaufen. Der Preis erscheint ihr unverhältnismäßig hoch, sie kämpft mit dem passenden Kleingeld, während hinter ihr ein junger schwarzer Mann mit lauter Musik auf den Kopfhörern drängelt. Die Gegenwart entzieht sich ihrem Zugriff. Aber die Vergangenheit hat sie geprägt. Oder?

Der ideologische Überbau kommt vom Papa

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Thatcher-Biopic "Die Eiserne Lady": War doch alles nicht so schlimm

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Zurück in ihrer Wohnung fängt sie an, sich die prägenden Momente ihrer beispiellosen Karriere vor Augen zu führen. Den ersten Sieg im Wahlkreis, den ersten Sieg als Premierministerin, den Falklandkrieg, den Streik der Minenarbeiter, das Ringen um die Macht in Europa, den Fall der Berliner Mauer, schließlich den eigenen Fall.

Viel zu viel Stoff für einen einzigen Film, würde man meinen. Doch Drehbuchautorin Abi Morgan ("The Hour") scheint da anderer Meinung gewesen zu sein. Sie hat die erzählerischen Gewichte zugunsten von Thatchers Demenzkrankheit so krass verschoben, dass deren politisches Leben kaum mehr als die Hälfte des Films einnimmt. Vielleicht wollte sich Morgan damit von Filmen wie "The Queen" oder "The Special Relationship" abgrenzen, in denen ihr Namensvetter Peter Morgan die jüngste politische Geschichte Großbritanniens brillant, aber auch konventionell linear erzählt. Anders erschließt sich das Ungleichgewicht in "The Iron Lady" jedenfalls nicht, denn der Film versagt sowohl als Porträt einer Spitzenpolitikerin als auch einer Demenzkranken.

Mit ein paar hingewischten Szenen wird der Aufstieg der jungen Margaret (gespielt von Alexandra Roach) skizziert. Im Krämerladen ihres Vaters lernt sie die praktischen Grundlagen des Unternehmertums kennen, der ideologische Überbau stammt ebenfalls von Papa Roberts - und nicht etwa von Friedrich von Hayek. Kaum hat Margaret ihr Chemiestudium in Oxford abgeschlossen, sitzt sie auch schon mit Denis Thatcher bei Fish and Chips und versucht, ihre erste Niederlage im Wahlkreis Dartford zu verarbeiten. "One must matter", man muss bedeutsam sein, erklärt sie ihrem zukünftigen Ehemann. Das war es dann auch schon an Erklärung, was die Frau antreibt, deren Name eigentlich für ein ganzes Set an Überzeugungen und Entscheidungen steht.

Mit Mäusezähnchen und fleckig geschminktem Mund

Die Gehetztheit, mit der Thatchers Anfänge erzählt werden, schmerzt umso mehr, als sich die Filmemacherinnen im Gegenzug unendlich viel Zeit nehmen, um die alte Thatcher im imaginierten Zwiegespräch mit ihrem längst verstorbenen Ehemann zu zeigen. Jim Broadbent ("Iris") spielt hier Denis als herzigen Clown, mit dem an ihrer Seite Thatcher keinesfalls die hartherzige Spalterin gewesen sein kann, als die sie die längste Zeit gebrandmarkt wurde. Entsprechend fröhlich geht es auch zwischen Geister-Denis und Oma Margaret zu. Demenz, so scheint es hier, muss kein unangenehmer Zeitvertreib sein.

Unter Lloyds Regie, mit der sie bereits den Kassenknüller "Mamma Mia!" gedreht hat, gibt sich auch Streep genussvoll der Mimesis hin. Mit Mäusezähnchen und fleckig geschminktem Mund führt sie ihre Thatcher aber ein ums andere Mal über die Grenze der Nachempfindung hinaus in die Parodie. An ihrer eisernen Lady ist nichts kalt und glatt, geschweige denn erotisch. Mit lustig gepresster Stimme spielt sie Thatcher eher als eine Schwester im Geiste der schrulligen TV-Köchin Julia Child aus "Julie & Julia" denn als Patin der kühlen Miranda Priestly aus "Der Teufel trägt Prada".

Streep beim Thatcher Spielen zuzuschauen, macht zwar großen Spaß, weitet aber letztlich die Kluft zwischen der Film- und der historischen Figur. Auf freundliches Seniorenmaß zurecht gestutzt, bietet "Die Eiserne Lady" dem Zuschauer keinen Anreiz, sich mit ihrem politischen Erbe auseinanderzusetzen. Kopfsteuer und Privatisierungen, Nähe zu Augusto Pinochet und zum südafrikanischen Apartheidsregime: All diese Geister sollen möglichst in der Flasche bleiben.

Man hätte sich ein kämpferischeres Porträt von Thatcher gewünscht, eines, das die Politikerin politisch sein lässt und das zur Gegenrede auffordert. Stattdessen steht nun zu befürchten, dass Margaret Thatcher für die nächsten Jahre filmisches Tabu sein wird und sich Filmemacher durch Streeps Oscar-Krönung entmutigt fühlen, sich der Person nochmals anzunehmen.

Zum Glück ist Alan Hollinghursts "Die Schönheitslinie" bereits 2006 von der BBC kongenial verfilmt worden. Online ist die DVD für weniger Geld als ein Kinoticket zu haben.

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