"The Accountant" mit Ben Affleck Batman kann auch Rain Man

Im Kinothriller "The Accountant" spielt Ben Affleck einen Top-Buchhalter mit Asperger-Syndrom, der auch als Actionheld hochbegabt ist. Tolle Idee, leider mies umgesetzt.
"The Accountant" mit Ben Affleck: Batman kann auch Rain Man

"The Accountant" mit Ben Affleck: Batman kann auch Rain Man

Foto: ddp images/ interTOPICS/ Warner Bros

Man muss es so brutal sagen: Spielte nicht Ben Affleck die Hauptrolle des hochbegabten Buchhalters in "The Accountant", wäre dieser Thriller von Regisseur Gavin O'Connor ("Warrior"), basierend auf einem Originaldrehbuch von Bill Dubuque ("The Judge") eine Katastrophe. Der Film montiert Rückblenden, Parallelhandlungen, Plot-Wendungen und wortreiche Enthüllungen so wild aneinander, dass dabei ganz offenbar vieles auf dem Schneidetisch liegen blieb, zum Beispiel Plausibilität und Logik. Es ist fast schon zum Lachen, wie löchrig die Story ist, die mit allerlei Rasanz, Nahkampf-Action und Schießerei ihre inhärente Absurdität zu übertünchen versucht.

Aber auch ein schlechter Film kann sehenswert sein, wenn ihm eine gute Idee zugrunde liegt. "The Accountant" ist der erste Hollywood-Actionfilm, dessen Held unter einer neurologischen Störung leidet. Ben Affleck, neuerdings im Blockbuster-Universum als Batman unterwegs, spielt Christian Wolff, einen zwar gut gebauten, aber scheu und verschlossen wirkenden Finanzberater, der ein kleines Büro im Mittelwesten betreibt, wo er verarmten Farmern bei der Steuererklärung hilft. Doch das ist nur Fassade: In Wahrheit ist Wolff ein Top-Buchhalter für Mafia, Drogenkartelle und andere Konzerne und Organisationen, die viel Dreck am Stecken haben und noch mehr Geld, das sie gerne in ihren Bilanzen verstecken wollen.

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"The Accountant": Autismus als Superpower

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Wolff sieht seinem Gegenüber nicht in die Augen und scheint auch sonst keine nennenswerten sozialen Fähigkeiten zu besitzen. In seinem Haus gibt es kaum Möbel und genau ein Besteck. Mit Zahlen jedoch ist Wolff ein As. Die Gangster bezahlen ihn mit Geld oder teuren Objekten: In seinem jederzeit zur Flucht bereiten Caravan hängt ein echter Pollock an der Decke, in der Schublade lagern wertvolle Erstausgaben von "Action Comics" und "Batman". Der schon wieder.

Es gibt aber auch Waffen, Granaten und ein ganzes paramilitärisches Arsenal in diesem Trailer, der in Wahrheit so etwas wie Wolffs Festung der Einsamkeit ist, seine Bat-Cave. Denn Der Buchhalter ist nicht nur ein Rechengenie, er ist auch ein versierter Killer. Gejagt wird er alsbald von Bösewichten (Jon Bernthal als launiger Mordbube Brax) wie den vermeintlich Guten (J.K. Simmons als kauziger Steuerfahnder). Warum? Da wird's kompliziert. Ist aber auch nicht so wichtig.

Interessanter ist der Grund für Wolffs schlagkräftige Doppelbegabung. Eine Rückblende verrät, dass er bereits als Kind an einem ausgeprägten Asperger-Syndrom litt. Der kleine Christian löst jedes Puzzle in Windeseile, aber wehe, es fehlt ein Teil, dann löst sich seine ruhige Konzentration in purer Panik auf. Wolffs Vater, ein Militär, trainiert das hochbegabte, aber kommunikationsgestörte Kind zum Nahkampfprofi, damit er sich gegen Rowdys in der Schule zur Wehr setzen kann. Eine fast schon klassische Origin-Story, wäre dies ein Superhelden-Comic: Batman und Rain Man verschmelzen zum unglaublichen Brain Man.

Inselbegabung als Superpower

Menschen, die das Asperger-Syndrom aufweisen, einer vergleichsweise milden Form des Autismus, werden in Hollywoodfilmen gerne wohlmeinend verschnulzt: "A Beautiful Mind", "I Am Sam" und eben "Rain Man" sind prominente Beispiele. Erst in den vergangenen Jahren, analog zur Durchsetzung der Nerd-Kultur im Mainstream, wird die Inselbegabung bei gleichzeitiger Soziopathie als Genius und Superpower gefeiert - von den X-Men-Filmen über "The Social Network" und "Sherlock" bis hin zu "Mr Robot" und "The Imitation Game".

"The Accountant" schließt nun die Lücke zum klassischen Actionthriller. Das Genre wurde bisher von physisch-virilen Machos wie James Bond oder "Mission Impossibles" Ethan Hunt dominiert, auch ein psychisch Derangierter wie Jason Bourne war zuletzt dabei. Christian Wolff aber ist ein Actionheld völlig neuer Prägung, ein Asperger-Patient, der zwanghaft Ordnung hält und seine mentalen Dämonen nachts mit peinvoller Selbstgeißelung bei pulsierendem Strobolicht in Schach halten muss, damit er tagsüber funktioniert.

Wie dürftig das manchmal gelingt, zeigt sich in einigen charmanten Szenen, die Wolff mit der jungen Dana (Anna Kendrick) hat. Das zierliche Mauerblümchen, das nur Kendrick ("Up In The Air") so keusch-kokett spielen kann, ist fasziniert von Wolff, als der in ihrem Konzern über Nacht ein ganzes Glaskastenbüro mit Zahlenreihen vollkritzelt, um einen Bilanzbetrug zu ermitteln - eine aktenwälzende Arbeit, für die ein normaler Mensch Wochen gebraucht hätte.

Meister der spitzbübischen Nuance

Ihre Annäherungsversuche beim Brotdosen-Lunch wie auch später beim Beinahe-Knutschen auf dem Sofa prallen jedoch an Wolffs Roboterhaftigkeit ab. Erst als Dana durch Wolffs Verfolger in Gefahr gerät, setzt er seine Mordsfähigkeiten ein, um sie zu retten. Anders kann er seine Gefühle nun einmal nicht zeigen.

Andere Schauspieler, die sich an autistischen oder ähnlichen Rollen versucht haben, darunter Sean Penn oder zuletzt Christian Bale in "The Big Short", hätten gerade die leisen, charakterbildenden Szenen mit Kendrick benutzt, um übertriebene Tics oder andere Method-Acting-Mätzchen zu etablieren. Ben Affleck jedoch zeigt einfach sein blankes, großflächiges Schmollgesicht. Schon oft warf man dem US-Schauspieler sein monochromes Spiel vor, hier passt es perfekt - und schützt seine Figur dafür, als Freak denunziert zu werden.

Vor allem, weil Affleck ja längst nicht mehr die unbespielte Gesichtsleinwand ist, als die er früher oft gescholten wurde. Mit fein ausbalancierten Rollen in "Gone Girl", Terrence Malicks "To The Wonder" und nicht zuletzt auch als weltmüder Batman zeigte Affleck zuletzt, dass er ein Meister der spitzbübischen Nuance sein kann. Seiner Minimal-Mimik und einigen hinreißend spröden Einzeilern verdankt "The Accountant" viel, wenn nicht alles.

Die tolle Idee des Films gerät jedoch ebenso in einen inszenatorischen Fleischwolf wie die Story, die vielschichtiger und verwinkelter wirkt als das, was ein Zweistundenfilm unter einer sichtlich überforderten Regie auffächern kann. Als TV-Serie wäre der Stoff grandios.

Im Video: Der Trailer zu "The Accountant"

The Accountant

USA 2016

Regie: Gavin O'Connor

Drehbuch: Bill Dubuque

Darsteller: Ben Affleck, Anna Kendrick, Jon Bernthal, J.K. Simmons, Jeffrey Tambor, John Lithgow

Produktion: Electric City Entertainment, Zero Gravity

Verleih: Warner

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 16

Start: 20. Oktober 2016

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