Coen-Brüder bei Netflix Der wilde, wilde Streaming-Western

In Venedig gewannen die Coen-Brüder mit "The Ballad of Buster Scruggs" den Drehbuch-Preis. Ins Kino kommt die tollkühne Western-Anthologie hierzulande aber nicht: Sie startet heute auf Netflix.

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Mythen und Legenden ranken sich um das Westerngenre, dem sich die US-amerikanischen Brüder Joel und Ethan Coen nach ihrem Remake von "True Grit" nun schon zum zweiten Mal widmeten. Mit einer Legende räumten die stets im Tandem arbeitenden Drehbuchautoren und Regisseure jetzt in einem Interview mit der "Los Angeles Times" auf: "The Ballad of Buster Scruggs", ihre sechs Episoden umfassende Anthologie über den Wilden Westen, die ab heute auf Netflix abrufbar ist, sei nie als Fernsehserie geplant, sondern von jeher als zusammenhängende Abfolge von filmischen Kurzgeschichten gedacht gewesen.

Im Vorwege der Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig im September, wo die Coens den Drehbuchpreis gewannen, hatte es Gerüchte gegeben, die "Buster Scruggs"-Geschichten seien als Serie geplant gewesen und dann zu einem Film umgearbeitet worden. Die Coens jedoch sagten, sie hätten der Produktionsfirma Annapurna alles genau so geliefert, wie es jetzt zu sehen ist.

Der Streamingdienst Netflix sei der logische Co-Finanzier und Vertrieb, weil es - so die Einschätzung der Regisseure - bei einem normalen Studio schwierig geworden wäre, eine Finanzierung für ein so ungewöhnliches Projekt zu bekommen. Die Konflikte, die es bezüglich einer Auswertung ihres Films im Kino nun gebe, seien ihnen bewusst, sagten sie der Zeitung.

Einsatz für die Oscars

Denn "The Ballad of Buster Scruggs" wird hierzulande ausschließlich über Netflix zu sehen sein. In den USA gab es in den vergangenen Wochen vereinzelte Kino-Ausspielungen in sehr wenigen und sehr kleinen Kinos in wenigen Großstädten. Das hat damit zu tun, dass Netflix den Film nicht bei den Oscars einreichen kann, wenn er nicht ein Minimum an Einsätzen im klassischen Lichtspielhaus gehabt hat.

Auch "Roma", der neue Film von "Gravity"-Regisseur Alfonso Cuarón, der in Venedig den Goldenen Löwen gewann und seitdem als einer der heißesten Oscar-Anwärter gilt, ist eine Netflix-Co-Produktion und wird für sehr kurze Zeit in ausgewählten Kinos zu sehen sein.

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"The Ballad of Buster Scruggs": Coen on the Prairie

So große Oscar-Chancen wie "Roma" dürfte "Buster Scruggs" nicht bekommen, aber das soll das Vergnügen am neuen, bitter-humorigen Mini-Meisterwerk der Coen-Brüder nicht schmälern. Es gibt viel zu lachen in den sechs Episoden des Films, aber wie immer bei den Coens bleibt es einem oft auch gleich wieder im Halse stecken. "The Ballad Of Buster Scruggs" ist kein revisionistischer Neo-Western, sondert suhlt sich prall und lustvoll in den Klischees des Genres. Es gibt sogar Indianer in Kriegsbemalung, Planwagentrecks und Tim Blake Nelson als titelgebende, weißgekleidete Roy-Rogers-Hommage.

Mit dem Holzhammer

Herausragend ist eine Episode in der Mitte, in der Grummelsänger Tom Waits einen greisen Goldsucher spielt, der mit Hacke und Spaten in ein idyllisches, minutenlang abgefilmtes Tal der reinsten Natur einfällt, wo Fischlein im Bach schwimmen und das Reh grast - bis der schürfwütige Alte alles aufbuddelt und dem Uhu die Eier aus dem Nest klaut.

Dass solche Zivilisationskritik mit dem Holzhammer funktioniert, liegt an dem ungebrochenen Talent der Coens. Die Pioniere des jungen Nordamerikas, zwei Frauen sind auch dabei, werden hier in all ihrer tragikomischen Vergeblichkeit hinreißend dekonstruiert, bis das aus Gewalt, Gier und Übervorteilung bestehende Skelett der amerikanischen Gesellschaft, der "neuen Welt", bleich und bloß freigelegt ist.

Den Coens gelingt dieser wilde und burleske Balanceakt nicht auf die billige "Western von Gestern"-Tour, sondern mit viel Gefühl für schwierige Zeiten auf unbekanntem Terrain. Womit diese beiden klugen Filmemacher dann wieder in der politischen, gesellschaftlichen - und medialen - Wildwest-Landschaft angekommen wären.


"The Ballad of Buster Scruggs" ab 16. November bei Netflix

Disclaimer: Teile dieses Textes erschienen in anderer Form bereits am 2. September zur Premiere von "The Ballad of Buster Scruggs" beim Filmfestival in Venedig.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
derneugrabener 17.11.2018
1. Genial
Ein Wahnsinnsfilm! Schon toll, was Netflix so alles finanziert für ein paar Mark im Monat Abogebühren.
speedg 22.11.2018
2. Buster Scrubbs
Absolut sehenswert. Jede Episode lies sich in die Länge ziehen und verwurschten. Das die Coehen zum Glück das nicht gemacht haben, kann man Ihnen garnicht stark genug danken.
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