»The Batman« mit Robert Pattinson Die neuen Leiden der jungen Ledermaus

Ist er das jetzt, der ultimative Batman-Film? Robert Pattinsons erster Einsatz als maskierter Rächer ist so episch, bildgewaltig und düster, wie es der Zeitgeist verlangt. Aber »The Batman« ist auch eine Geduldsprobe.
Robert Pattinson als »The Batman«: Flirt mit der dunklen Seite der Macht

Robert Pattinson als »The Batman«: Flirt mit der dunklen Seite der Macht

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Jonathan Olley / Warner Bros.

Je unsicherer die Zeiten, desto größer die Sehnsucht nach Superhelden, die das Übel der Welt mit ihren muskulösen Armen Schultern, die im gut gepanzerten Fledermauskostüm Kriminelle verprügeln und Diktatoren in die Fresse hauen. Wie stark der Wunsch nach moralischer Übersichtlichkeit und Eskapismus gerade ist, zeigte sich zuletzt am dauerhaften Kassenerfolg des Blockbusters »Spider-Man: No Way Home« von Marvel und Sony. Die Konkurrenz von DC/Warner schickt nun ihrerseits die populärste Figur aus ihrem Heldenuniversum ins Spiel um den Box-Office-Thron – ebenfalls zum wiederholten Mal in einer neuen Leinwandinkarnation.

Anders als im Marvel Cinematic Universe folgt »The Batman« jedoch keinem über mehrere Filme angelegten »Avengers«-Narrativ, sondern ist ein eigenständiger Film, der in vielerlei Hinsicht dem »Joker« ähnelt, dem harten Soziogramm des gleichnamigen Comicschurken, für das Hauptdarsteller Joaquin Phoenix einen Oscar bekam. Für seinen »Batman« konnte Regisseur Matt Reeves den britischen Schauspieler Robert Pattinson gewinnen, nachdem der eigentlich auf die Rolle abonnierte Ben Affleck sich von dem Projekt zurückgezogen hatte. Im DC-Kino wird es daher in nächster Zeit zwei Batmans geben, denn Affleck wird die Figur zumindest noch im kommenden »Flash«-Film verkörpern.

Batman (Robert Pattinson) mit Polizei-Lieutenant Jim Gordon (Jeffrey Wright): Held oder Freak?

Batman (Robert Pattinson) mit Polizei-Lieutenant Jim Gordon (Jeffrey Wright): Held oder Freak?

Foto: Jonathan Olley / Warner Bros.

Pattinson, bekannt geworden als romantisch zerquälter Vampir in der »Twilight«-Saga, hat sich seit seinen Erfolgen als Teenie-Idol ein Renommee als versierter Charakterdarsteller in Arthouse-Genrefilmen wie »Good Time« oder »High Life« erspielt, zuletzt kehrte er mit Christopher Nolans »Tenet«  ins Blockbuster-Fach zurück. Ob der oft fragil und verzagt wirkende Engländer eine markige Rolle wie Batman glaubhaft ausfüllen könnte, wurde unter Fans lange bezweifelt. Nun ist klar: Für Matt Reeves ist der Antisuperheld Pattinson ein Glücksfall, denn auch sein Film ist kein gewöhnliches Superheldenkino, sondern ein nihilistischer Film Noir mit Anleihen an psychologische Gruselkrimis wie »Sieben«. Dass es darin auch Faustkämpfe und Verfolgungsjagden mit Motorrädern und einem furiosen Batmobil gibt, wirkt fast wie ein Zugeständnis an die Konventionen des Genres. Das Spektakel von »The Batman« ist jedoch – neben der exorbitanten Länge – ein anderes: die fast vollständige Demontage seines Helden.

The Bat (Robert Pattinson) und The Cat (Zoë Kravitz): Knisternde Romanze

The Bat (Robert Pattinson) und The Cat (Zoë Kravitz): Knisternde Romanze

Foto: Jonathan Olley / Warner Bros.

Batman, seit 1939 im Einsatz, hat den Weg von der klar umrissenen Heros-Gestalt ins Zwielicht der Postmoderne durch zahllose Comics und Filme schon oft beschritten: Seit über acht Jahrzehnten dient der einst integre Detektiv mehr und mehr als dunkle Folie für die Abgründe, die sich hinter den Motiven jener selbst ernannten Rächer verbergen, die sich mit handfester Gewalt neben oder über das Gesetz stellen. »The Batman« ist der vorläufige Endpunkt dieser Dekonstruktion im Kino.

Fledermausfetisch und schweres Kindheitstrauma

Er stellt die Figur mit dem Fledermausfetisch und dem schweren Kindheitstrauma auf einen schmalen Grat zwischen Psychotiker und Profiler: Was ist, wenn der komisch kostümierte Kerl, der am Tatort so stoisch und wortkarg neben Polizei-Lieutenant Jim Gordon (Jeffrey Wright) herumlungert, in Wahrheit kein Kämpfer für Licht und Aufklärung ist? Sondern ein genauso durchgeknallter Freak wie der »Riddler« genannte Serienkiller, der den Bürgermeister von Gotham City getötet hat und weitere Würdenträger ins Visier nimmt.

Gotham, diese ewig finstere, regennasse und mit gotischen Türmen und Kathedralen vollgestellte Megalopolis, war immer schon das grotesk überzeichnete Abbild aller realen und imaginierten Abgründe innenstädtischer Strukturen. Der »Riddler« (Paul Dano) hat sich genau wie Batman in ein kinky Kostüm gewickelt und nimmt die tief im System der Stadt verwurzelte Korruption in Angriff, allerdings mit mörderischen Methoden, die sich sein mit der Polizei zusammenarbeitender Kollege (noch) versagt.

Der Film beginnt mit einer Szene, in der man nicht sofort weiß, wer den Bürgermeister und seine Familie durch das Fenster seiner Wohnung observiert und dabei schwer atmet. Ist es Batman, der Voyeur, der später im Film auch Catwoman Selina Kyle (Zoë Kravitz) bespannert? Vordergründig natürlich, weil sie etwas über die Morde zu wissen scheint, aber in Wahrheit natürlich auch, weil er sie in ihrem hautengen Latexdress ziemlich scharf findet. Leider findet die knisternde Romanze zwischen Bat und Cat im Film nicht viel Raum, sondern beschränkt sich auf wenige, allzu keusche Szenen.

»I am the shadow«

Wichtiger ist Reeves die psychologische Reise seines Helden, der zu diesem Zeitpunkt schon ein, zwei Jahre als Ledermaus in Gothams Abseiten unterwegs ist – sich seiner Motive aber noch gefährlich unklar ist. Einem Trupp Tunichtgute stellt er sich nicht klassisch als »I'm Batman« vor wie noch Pattinsons Vorvorgänger Christian Bale in Nolans erfolgreicher Trilogie, stattdessen sagt er: »I am vengeance« – ich bin die Vergeltung.

Zu rächen gilt es, wie inzwischen wohl allseits bekannt, den Mord an seinen Eltern in einer dunklen Gasse, den Bruce »Batman« Wayne als kleiner Junge miterleben musste. Aus dem Off philosophiert er über die Angst, die er bei Kriminellen dadurch erzeuge, dass er sich in jedem der zahlreichen Schatten der Straßenschluchten verbergen könnte. »I’m not hiding in the shadow«, murmelt er nicht ohne morbiden Stolz: »I am the shadow«. Wenn da mal nicht ein Borderliner allzu riskant mit der dunklen Seite der Macht flirtet.

Pattinsons Bruce Wayne alias Batman: Hagerer Emo-Vampir

Pattinsons Bruce Wayne alias Batman: Hagerer Emo-Vampir

Foto: Warner Bros.

Der Soundtrack von Michael Giacchino macht deutlich, welche cineastischen Vorbilder Reeves gerne evozieren möchte. Das neue Batman-Thema erinnert an Chopins dräuenden Trauermarsch, der auch schon in den »Imperial March« von »Star Wars« einfloss: Der »Dark Knight« ist hier auch ein bisschen »Darth Vader«. Wenn Gothams Mafiaboss Falcone (John Turturro) ins Spiel kommt, führt die Musik auf sinistre Weise in Nino Rotas Motiv aus »Der Pate«, in einer Szene wird sogar Al Martinos »I Have But One Heart« gespielt, das auch im ultimativen Mob-Epos von Coppola eine Rolle spielt.

All diese Anklänge machen Reeves’ Film nicht zum ultimativen Batman-Film, dafür ist die Story letztlich zu dünn und die Dramaturgie zu statisch und schleppend – ganz ähnlich wie bei den beiden »Planet der Affen«-Sequels, mit denen sich der ehemalige Indiefilmer als Blockbuster-Regisseur empfahl. Er habe sich vor den in Hollywood üblichen Testscreenings gesorgt, ob die Detektivgeschichte, die er erzähle, nicht vielleicht zu komplex für das Superheldenpublikum sei, sagte Reeves in einem Interview.

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Nun, sagen wir so: Weder für die Entschlüsselung der Rätselbotschaften, die der »Riddler« hinterlässt, noch für das Entwirren des kriminellen Geflechts der City-Institutionen, in das neben Falcone und Catwoman auch der Nachtklubbesitzer Oswalt Cobblepot (unkenntlich: Colin Farrell) verstrickt ist, sollte ein Weltklassedetektiv wie Bruce Wayne knapp drei Stunden brauchen. Als Zuschauer hat man jedenfalls genug Zeit, abseits des Plots die umwerfenden, blutrot und nachtschwarz getönten Silhouetten, Bilder und Noir-Tableaus von Kameramann Greig Fraser (»Dune« ) und Produktionsdesigner James Chinlund auszukosten. Mag es an Tempo und Dynamik auch mangeln, visuell ist dieser »Batman« eine Wucht.

Und auch Robert Pattinson, der Unwahrscheinliche, macht eine gute Figur als psychisch labiler Bat-Freak. Er bekommt nur leider, Schicksal fast aller Batman-Darsteller, zu wenig Zeit ohne seine starre Spitzohrrüstung, die er nutzen könnte, seinem Charakter Tiefe zu verleihen und damit eine emotionale Bindung zum Publikum zu schaffen. In einer dieser Szenen sitzt er traurig und erschöpft vom inneren Zwiespalt in seinem Man-Cave, um die Augen noch verschmierte Reste vom schwarzen Augen-Make-up, das er unter der Maske trägt. Nirvanas manisch-depressive Ballade »Something in the Way« läuft dazu auf der Musikspur.

Fast glaubt man, dieser hagere Emo-Vampir würde im nächsten Augenblick in irres, verzweifeltes Gelächter ausbrechen wie vor drei Jahren der »Joker«. Doch ganz so weit gehen Reeves und Drehbuchautor Peter Craig nicht. Für seinen Batman gibt es am Ende doch noch so etwas wie Hoffnung. Ob sich allerdings auch die hohen Erwartungen von DC und Warner an den Kassenerfolg dieses schmerzhaft ambivalenten – und weitgehend humorfreien – Superhorrorfilms erfüllen werden, bleibt abzuwarten.