"The Claim" Nastassja Kinski unter den Goldgräbern

Mit ihrem letzten Streifen knüpft die Berlinale an den Eröffnungsfilm an - in Michael Winterbottoms "The Claim" watet endlich wieder jeder nach Herzenslust in eisigem Matsch.

Von Cristina Moles Kaupp


Darstellerinnen Nastassja Kinski (r) und Sarah Polley im Goldgräberdorf
DPA

Darstellerinnen Nastassja Kinski (r) und Sarah Polley im Goldgräberdorf

Die Zeit dreht sich zurück ins Jahr 1867 in eine schneebedeckte, lebensfeindliche Sierra Nevada. Kingdom Come heißt ein Nest inmitten von Felsen, Fichten und Eis, das Goldschürfer, Huren und neuerdings auch Landvermesser bevölkern. Letztere suchen nach der besten Route für die interkontinentale Eisenbahn, und Kingdom Come stünde eine reiche Zukunft bevor. Einer würde davon besonders profitieren: Major Dillon (Peter Mullan), der streng über seine Gemeinde wacht. Bis eines Tages plötzlich die todkranke Elena (Nastassja Kinski) mit ihrer Tochter Hope in das Städtchen wankt und Dillon mit dunklen Jugendtagen konfrontiert: Kurz nach Hopes Geburt hatte er im Suff Frau und Kind verschachert, für ein paar Klümpchen Gold und einen Claim. Angesichts seiner wohlgeratenen Tochter übermannen Dillon jedoch lang verdrängte Schuldgefühle, kein sühnender Kraftakt ist ihm zu schade. Er lässt ein hübsches Häuschen bauen, das Pferde und Menschen auf den schönsten Platz des Ortes hieven; winkt da aus der Ferne leise Werner Herzogs "Fitzcarraldo"?

Interessant, wie Regisseure ihre Plots verfilmen - und vor allem wo. Ausgerechnet der Brite Michael Winterbottom beschäftigt sich mit einem uramerikanischen Thema - dem wilden Westen. Warum auch nicht? Auf dieser Berlinale wagen viele einen Seitensprung: Franzosen huldigen den Streets of London, Schweden spinnen Märchen in Frankreich, Senegalesen verschlägt es nach Harlem, Dänen nach Venedig und Griechen nach Berlin.

Schön, wenn sich viel bewegt. Doch Winterbottoms episches Familiendrama enttäuscht, da es nicht wirklich zu fesseln vermag und sich letztlich auf einen lapidaren Satz reduziert: "Die Pioniere bauten die Städte und waren Könige", sprach der Landvermesser. Und da Könige auch Vollstrecker sind, wird Dillon seine Stadt vernichten. Leider serviert Winterbottom auch die Randkonflikte - Mut zur Gefühlen, Entscheidung für den Richtigen, Vergebung aller Schuld im Namen der Liebe - nur als fades Sorbet.

Spannender ist ein anderer Aspekt: "Enemy at the Gates" und "The Claim" zelebrieren eine neue Gangart: Filmen als Extremsport. Kälte von Minus 30 Grad, beißende Winde, klamme Klamotten, karge Kost - davon erzählen Regisseure mit leuchtenden Augen. Und davon, wie hart die Statisten rangenommen wurden. Echtes Holz hacken war in "The Claim" noch die leichteste Übung - manche sollten sogar Schweine schlachten und zerteilen. Dafür stimmen dann die Resultate: Bilder von unglaublicher Härte und Rohheit. "The Claim sollte wie ein Dokumentarfilm aussehen, zeigen, wie es damals wohl gewesen sein mochte", bestätigt der 39-jährige Regisseur. "Die dramatische Rohheit der Landschaft und Menschen sollte sich auf den Film übertragen so hart wie möglich."



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