Oscar-Liebling "The Favourite" Aus der Kloake ins Bett der Königin

Grandiose Schauspielerinnen und virtuose Dialoge machen "The Favourite" zum Oscar-Liebling. Doch die Historienfarce über eine lesbische Ménage-à-trois am Hof von Queen Anne bietet auch grausame Abgründe.

20th Century Fox

Auf dem Weg zum Hof der Königin Anne landet die neue Dienerin Abigail (Emma Stone) erstmal im Dreck. Aus der Kutsche gestoßen, mitten hinein in die Hinterlassenschaften des Volks, das aus politischem Protest der Königin vor den Palast scheißt.

So taucht sie dort auf, vor ihrer Cousine Sarah (Rachel Weisz), der engsten Vertrauten der Monarchin, und dem Premierminister: von ihrer Herkunft gezeichnet, von Fliegen umschwirrt. "Freunde von Ihnen?", fragt die Cousine spitz, und schon ist klar, dass die Kloake nicht vor den Toren des Palasts endet und Abigail direkt in der nächsten Scheiße gelandet ist.

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"The Favourite": Ananas und Gerüchte

Am englischen Hof, Anfang des 18. Jahrhunderts, herrscht ein Klima kleiner Grausamkeiten. Die gichtgeplagte Königin (Olivia Colman, "Broadchurch") tritt selten in Erscheinung, die Politik überlässt sie einem Haufen von Tölpeln: Im jungen Zweiparteiensystem gibt es Whigs und Tories, die einen sind für weiteren Krieg mit Frankreich und haben dunkle Perücken, die anderen sind dagegen und haben weiße Perücken auf. Am Hof versuchen sie sich in offenen Debatten oder versteckten Intrigen, bewerfen sich etwa nackt mit Granatäpfeln. In die Scheiße fliegt hier jeder mal. Und zwischendurch gibt es Ananas und Gerüchte von Aufständen des kriegsmüden Volks.

Nach der Premiere in Venedig wurde "The Favourite" vielfach als zugänglichster Film von Arthouse-Liebling Yorgos Lanthimos ("The Lobster") gefeiert. Das könnte daran liegen, dass Lanthimos erstmals keinen eigenen Stoff verfilmt hat, sondern ein Drehbuch von Deborah Davis, an dem die Debütantin über 20 Jahre arbeitete, zur Basis genommen hat. Dem hat Lanthimos allerdings zusammen mit Tony McNamara seine typische Kälte verliehen, denn in "The Favourite" gibt es kein Identifikationsangebot.

"Jetzt fick' mich!"

Die depressive, unsichere und unmäßige Königin, deren Leben ausschließlich von Gicht- und Überforderungsattacken strukturiert scheint, die geschäftsführende Meisterintrigantin Sarah, die vom Sahneverbrauch in der Küche bis zum jüngsten Manöver auf dem Schlachtfeld alles im Griff hat, und die kloakenresistente Abigail, die ihren Weg von ganz unten ins Bett der Königin macht - sie alle sind der Kamera von Robbie Ryan gleichermaßen ausgeliefert. Diese mag mit ihren extremen Weitwinkelaufnahmen und Reißschwenks kein menschliches Auge nachempfinden, erzeugt aber permanent das Bedürfnis nach Orientierung.


"The Favourite - Intrigen und Irrsinn"
UK 2018
Regie: Yorgos Lanthimos
Buch: Deborah Davis, Tony McNamara
Mit: Olivia Colman, Rachel Weisz, Emma Stone
Produktion: Element Pictures, Scarlet Films, Film4, Waypoint Entertainment
Verleih: 20th Century Fox
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 24. Januar 2019


Dass sich bisher alle Rezensionen auf das Schauspiel von Stone, Weisz und Colman gestürzt haben (letztere hat nach dem Gewinn des Golden Globes gute Aussichten, den beiden anderen als Oscar-Preisträgerin nachzufolgen), ist verständlich. Wie sie es schaffen, diesen keinen Augenblick lang sympathischen Figuren ein menschliches Antlitz zu geben, ist bewundernswert.

Dass Königin Anne lesbische Beziehungen zu Sarah Churchill und Abigail Masham unterhielt, ist nicht bewiesen, bleibt aber im nicht allzu ausgeprägten geschichtswissenschaftlichen Interesse an der "guten Königin" ein immer weiter fortgeschriebenes Gerücht. Der Film nähert sich diesem - wiederum als Machtspiel choreografierten - Begehren aus seiner nicht-menschlichen Perspektive: Untersicht, Halbschatten, verzerrte Gesichter, gekrümmte Körper, deutliche Sprache: "Jetzt fick mich!", befiehlt Anne ihrer Freundin, während die neue Dienerin sich das sehr genau ansieht.

Kühler Draufblick auf die Schlechtigkeit

In der letzten Einstellung findet die Perfidie ihren Höhepunkt: Aufnahmen der drei Frauen in verschiedenen Zuständen der Erregung und Erniedrigung werden übereinander geblendet; die Übergänge sind so buchstäblich fließend. Hinzu kommt ein visueller Gag, den sich Lanthimos für die Kinderlosigkeit der Königin überlegt hat - fertig ist ein selten scheußliches Bild lesbischen Begehrens.

Was Lanthimos an dieser Geschichte eigentlich interessiert, wird nicht ganz klar. Die Virtuosität der Dialoge, die drastisch ausgeführten Befreiungen aus dem Korsett des Historienfilms, das Interesse an der Macht böser Frauen, die harten Schnitte zwischen den unerbaulichen Szenerien und der kühle Draufblick auf die Schlechtigkeit der Welt bereiten zwar ein zweistündiges, kurzweiliges Vergnügen.

Am Ende geht es einem vielleicht aber so wie der Königin, die in ihrem Zimmer ein Wettrennen zwischen Hummern veranstaltet und diese anschließend verspeist: Auch wir bleiben auf die Lust reduziert, die Machtverschiebungen zwischen drei Figuren eine Weile zu konsumieren - um anschließend diesen Anblick schnell zu verdauen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
wiispieler 21.01.2019
1. oscarbait
Der Film schreit ja grade so nach oscarbait
Anandamid 21.01.2019
2. Grandios
Das Drama am englischen Hofe erinnert tatsächlich an einen schlecht gemachten Film ;-)
pecos 21.01.2019
3. Hört sich an als ob der Film ...
... ein Freudenfest toxischer Weiblichkeit ist (womit ich NICHT das Lesbischsein meine, sondern die Intrigen von Frauen gegen Frauen)
Bwana Shida 22.01.2019
4. Kritiker versus Publikum
Wie immer unterscheidet sich die Beurteilung von Kritikern und Besuchern deutlich, wobei davon auszugehen ist, dass sich unter den bewertenden Besuchern ganz überwiegend Arthouse-Kino-Besucher befinden. Trashfilm-Liebhaber gucken sich so einen Film ja niemals an. The Favourite ist eine Zeitlang ganz amüsant (wenn man das Genre mag), dann aber passiert kaum noch irgendetwas Nennenswertes. 90 statt 120 min hätten dem Film ausgesprochen gut getan. Ein wahrer Spannungsbogen besteht vor allem in der letzten halben Stunde nicht mehr (was ich für einen wirklichen handwerklichen Fehler halte), so dass man unwillkürlich immer wieder zur Uhr schaut und auf ein baldiges Ende hofft. Dass in jeder, wirklich JEDER Kritik, die ich bislang zum Film gelesen habe, mantraartig der Hinweis auftaucht, dass es sich um den "bislang zugänglichsten Film des Regisseurs handelt", lässt nebenbei so einige Schlüsse auf das Kritikerwesen zu....die jeweils erste Kritik gilt als gesetzt und alle anderen folgen dann, z.T. offensichtlich mit identischen Satzbausteinen.
cobaea 22.01.2019
5.
Zitat von Bwana ShidaWie immer unterscheidet sich die Beurteilung von Kritikern und Besuchern deutlich, wobei davon auszugehen ist, dass sich unter den bewertenden Besuchern ganz überwiegend Arthouse-Kino-Besucher befinden. Trashfilm-Liebhaber gucken sich so einen Film ja niemals an. The Favourite ist eine Zeitlang ganz amüsant (wenn man das Genre mag), dann aber passiert kaum noch irgendetwas Nennenswertes. 90 statt 120 min hätten dem Film ausgesprochen gut getan. Ein wahrer Spannungsbogen besteht vor allem in der letzten halben Stunde nicht mehr (was ich für einen wirklichen handwerklichen Fehler halte), so dass man unwillkürlich immer wieder zur Uhr schaut und auf ein baldiges Ende hofft. Dass in jeder, wirklich JEDER Kritik, die ich bislang zum Film gelesen habe, mantraartig der Hinweis auftaucht, dass es sich um den "bislang zugänglichsten Film des Regisseurs handelt", lässt nebenbei so einige Schlüsse auf das Kritikerwesen zu....die jeweils erste Kritik gilt als gesetzt und alle anderen folgen dann, z.T. offensichtlich mit identischen Satzbausteinen.
Da vermute ich mal eher, dass dieser Halbsatz im PR-Text der Filmverleihfirma steht, die ihn damit den KritikerInnen schmackhaft machen wollte (die ihn dann brav übernommen haben). Nach dem Motto: "Leute, die anderen Filme dieses Typen mögen ja kaum zum Aushalten gewesen sein - aber diesen solltet ihr euch trotzdem anschauen, der hat was" :-) Da bestand wohl die Furcht, der Ruf, der dem Regisseur vorauseilte, könne womöglich verhindern, dass KritikerInnen sich das Ding überhaupt anschauen.
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