Indie-Film "The Forbidden Room" Ein Traum in einem Traum

Kanadas Independent-König Guy Maddin beschwört in "The Forbidden Room" die Geister verschollener Stummfilme zu einem Fiebertraum der Bilder.

Von Thomas Willmann


Zu den aufregendsten Filmen eines Cineasten-Lebens gehören die ungesehenen. Jene verschollenen, verbotenen, nicht verfügbaren, von denen man nur gelesen oder gehört hat. Jene, von denen man nichts kennt außer ein paar Zeilen in einem Filmlexikon und ein, zwei Standbilder vielleicht.

Was jedoch genügt, um sich daraus in der Vorstellung ein Leinwanderlebnis zusammenzubasteln, dem die Sichtung des realen Werks selten das Wasser reichen kann.

"The Forbidden Room" von Guy Maddin und Evan Johnson fühlt sich an, als wäre es endlich einmal gelungen, solche Kopf-Filme direkt in bewegte Bilder zu bannen. Ein Film, der geradewegs aus dem Halbbewussten stammt - ohne narrative Vernunft und filmische Anstandsregeln.

Das Reservoir, aus dem sich "The Forbidden Room" bedient, sind jene geschätzt Dreiviertel aller Stumm- und frühen Tonfilme, die unrettbar verloren sind: Schon der Titel stammt aus einem verschollenen Lon Chaney-Film. Und ihn durchspuken abhanden gekommene oder nie realisierte Werke von F.W. Murnau, Ernst Lubitsch, Alfred Hitchcock - aber auch der erste philippinische Spielfilm oder ein Sexploitation-Streifen von Dwain Esper.

Absurd und surreal

All das wirft Guy Maddin in seinen Hexenkessel und verrührt es zu einem Leinwand-Strudel ohne die Absicht einer rein intellektuellen, akademischen Übung: Auch wenn man immer wieder ästhetische Eigenheiten diverser früher Filmtraditionen wiedererkennt, gibt es keine konkreten Stilparodien, kein munteres Zitateraten. Seinen Film interessiert keine rationale Rekonstruktion der verlorenen Vorbilder.

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The Forbidden Room:
"The Forbidden Room" zapft die Tiefen der Gedächtnisschichten an, bohrt seine Brunnen bis ins Unterbewusste. Er wirkt wie ein Fiebertraum, ein Überkochen von Bildern und Erzählungen - er hat die Hitze von Kino, das als (durchaus auch erotische) Obsession und (durchaus auch religiöser) Fetisch betrieben wird.

Wie eine Sheherazade im Drogenrausch schachtelt er Geschichten in Geschichten, potenziert Poes "Traum in einem Traum": Von darbenden U-Boot-Besatzungen und mutigen Holzfällern erzählt er; von Tintenfisch-Dieben, zornigen Vulkanen und entlaufenen Mördern; von Pilotinnen und von Ärzten, die Besessenheit aus dem Hirn schaben oder Leiber flicken, in denen jeder Knochen gebrochen ist.

Den expressiven Gestus vieler Stummfilme reaktiviert Maddin halb lustvoll, halb augenzwinkernd, um ihn zum Teil seiner generellen Übersteigerung zu machen: Der Grund-Tonfall des Films ist einerseits das Melodramatische. Andererseits ein absurder, surrealer Humor, wo Pancakes als Sauerstoffspeicher dienen, tanzende Skelettfrauen hauptberuflich Versicherungsbetrug betreiben, oder Monster die Gestalt matschiger Bananen annehmen.

Guy Maddin selbst beschreibt das, was er und Evan Johnson (vom Recherche-Assistenten zum Co-Regisseur befördert) da veranstalten, als eine Art Geisterbeschwörung. Wie ein Medium will er etwas von den unwiederbringlich verlorenen Filmen aus dem Äther zurückholen ins Diesseits.

Auf Französisch kann "Séance" eine spiritistische Sitzung bedeuten - aber auch schlicht "Kinovorstellung". Und "Séances" ist auch der Name des Geschwisterprojekts zu "The Forbidden Room": Beide wurden sozusagen in Tateinheit gedreht, für jeweils rund zwei Wochen im Centre Pompidou in Paris und dem Centre PHI, Montreal. An offenen Sets, die für die Museumsbesucher zugänglich waren, und mit Stars wie Geraldine Chaplin, Charlotte Rampling, Mathieu Amalric und Udo Kier in Mini-Rollen.

Bilder schmelzen und morphen

"Séances" folgt dem gleichen Grundprinzip wie "The Forbidden Room", doch statt als Spielfilm sollen seine Episoden einerseits im Rahmen einer Installation als Video-Loops dienen. Andererseits auf einer geplanten Website allen Nutzern eigene Remix-Erlebnisse erlauben.

Für einen Regisseur, dem immer das Materialhafte von Film wichtig war - die Schrammen, Kratzer und Sprünge, das Vergängliche von Zelluloid -, hat Guy Maddin sich erstaunlich früh für das Digitale begeistert. Aber eben genau nicht wegen des Versprechens von makelloser HD-Optik. Sondern als Werkzeug, nach Gusto über die (Zer-)Störungen zu verfügen.

Mit "The Forbidden Room" haben er und Evan Johnson darin nun ihr Virtuosendiplom abgelegt. Die ganze Bandbreite von frühen Farbfilm-Verfahren, Viragen, 2-Streifen-Technicolor imitieren sie; täuschen Flickstellen vor, Flimmern, Rauschen und Schimmelbefall; lassen die Bilder schmelzen und morphen, als seien sie im Projektor hängen geblieben: Film als etwas Organisches, Verwesendes, Film als Körper.

Bei aller Präsenz des Formalen aber: Vielleicht ist dieses gerade deswegen so stark, weil es eine ebenso starke, tiefsitzende Emotion widerspiegelt und einkleidet.

Mit jener Ironie, die mehr verrät als barer Ernst, stellt Maddin dem Film ein Bibelzitat zum letzten Abendmahl voran: "Sammelt die übrigen Brocken, dass nichts umkomme." Maddin zelebriert ein schwarzes Hochamt, das mehr zum Gegenstand hat als nur filmhistorische Lücken.

In allen Geschichten von "The Forbidden Room" geht es letztlich um Verlust. Geht es wieder und wieder um Abwesenheit und Amnesie, um Verschollene, Verlorene, Verstorbene, Vergessene. In einer der zugleich witzigsten und rührendsten Episoden versucht ein kleiner Junge, seiner blinden Mutter allein durch einen zurückgelassenen Schnurrbart und eine Sprach-Schallplatte die Anwesenheit des toten Vaters vorzugaukeln. Dann aber lässt Maddin (dessen erster Kurzfilm schon "The Dead Father" hieß) den Verblichenen selbst wieder und wieder zum - nun aber wirklich letzten! - Abschied hereinspazieren.

Spuk ist für "The Forbidden Room" nichts Beängstigendes. Spuk ist für diese filmische Geisterbeschwörung auf jeder, auch auf menschlicher Ebene eine Hoffnung: Das nichts und niemand, von dem noch irgendein Fitzelchen erhalten ist, wirklich unrettbar verloren sei.

Im Video: Der Trailer zu "The Forbidden Room"

The Forbidden Room

    Kanada 2015

    Regie:Guy Maddin, Evan Johnson

    Drehbuch: Guy Maddin, Evan Johnson, Robert Kotyk

    Darsteller: Clara Furey, Grégory Hlady, Louis Negin, Mathieu Amalric, Roy Dupuis, Udo Kier, Adèle Haenel, Alexander Bisping, Alexandre Skeret, Amira Casar, Andreas Apergis, André Wilms, Angela La Muse Senyshyn, Anthony Lemke, Ariane Labed, Arthur Holden, Caroline Dhavernas, Catherine Treskow, Charlotte Rampling, Christophe Paou

    Verleih: Arsenal Institut

    Länge: 130 Minuten

    FSK: keine Einschränkung

    Start: 7. April 2016

  • Offizielle Webseite zum Film



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