Neo-Western "The Homesman" Das war's dann mit der Männlichkeit

So konsequent wie Tommy Lee Jones in "The Homesman" hat das Kino schon lang nicht mehr mit den Mythen des Western aufgeräumt - als lumpiger Bürgerkriegsveteran soll er einen Treck von Frauen anführen, für die das Siedlerleben zum Albtraum geworden ist.

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Die Helden des Western-Genres sind um ihren Alltag nicht zu beneiden: Das Land urbar machen, Indianer massakrieren und die Banditen die Härte des Gesetzes spüren lassen, so geht die Zeit ins Land. Frauen, gleich ob als edelmütige Verlobte, verruchte Saloon-Damen oder jungfräuliche Töchter, die vor Rothäuten gerettet werden müssen, sind dem Helden nicht viel mehr als ein Anlass, die nächste Schießerei in die Wege zu leiten und so den eigenen Beschützerinstinkt zur Schau zu stellen. Tommy Lee Jones, einer der wenigen passionierten Grantler Hollywoods, hat mit seiner dritten Regiearbeit "The Homesman" einen Film gemacht, der an diesem ewigen Genregesetz so nachdrücklich rüttelt, wie es das Kino schon lang nicht mehr getan hat.

Drei Frauen einer kleinen Siedlung in Nebraska Mitte des 19. Jahrhunderts werden durch das lebensfeindliche Klima und die Gewalt oder Lieblosigkeit ihrer Männer verrückt. Kurze, beklemmende Rückblenden zeigen, was sie in den Wahnsinn getrieben hat: Die eine wird von ihrem Gatten misshandelt und vergewaltigt, während ihre Mutter wach neben ihr liegt, die andere erkrankt, nachdem die gesamte Viehherde ihrer Familie an einer Seuche verendet ist. Die Kinder der dritten sterben an Diphtherie, ihre Leichen werden in einer beiläufig grausamen Szene in der Latrine entsorgt. Nach den ersten zwanzig Minuten von "The Homesman" ist die Erzählung von der opferreichen, aber ruhmvollen Besiedlung des Westens erst einmal kaputt.

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"The Homesman": Unverheiratet und bei Verstand geblieben
Die Farmbesitzerin Mary Bee Cuddy soll die drei Frauen durchs noch unbesiedelte Gebiet in den Osten des Landes bringen, die Männer, die sie loswerden wollen, haben nicht den Mut. Hilary Swank spielt Cuddy als resoluten, aber einfühlsamen Menschen - die einzige Frau der Siedlung, die unverheiratet geblieben und wohl auch deswegen noch bei Verstand ist.

Eine Ladung Sprengstoff

Demgegenüber gebärdet sich ihr männlicher Counterpart zuerst eher kläglich. George Briggs (Tommy Lee Jones, der nicht nur die Regie, sondern auch die Hauptrolle übernommen hat) hat sich illegalerweise in einem leerstehenden Haus der Siedlung eingenistet, wenig später lassen die lokalen Ordnungshüter eine Ladung Sprengstoff durch den Schornstein fallen. Es knallt gewaltig, Briggs schwankt rußverschmiert in einem sagenhaft unansehnlichen Pyjama vor die Tür, um sich erst einmal verträumt am Hintern zu kratzen. Wenig später schneidet Mary Bee Cuddy den versoffenen Nichtsnutz vom Strang herunter und rettet ihm so das Leben. Sie bringt ihn dazu, sie zu begleiten.

Die Reise des ungleichen Paares dient als Aufhänger, um das Stereotyp des Westerners porös werden zu lassen. Briggs ist ein traumatisierter Bürgerkriegsveteran, bindungslos wie fast alle Westernhelden. Auf seinem Weg, so viel Idealismus gestattet sich Tommy Lee Jones dann doch, lernt Briggs allerdings, was es bedeutet, sich um andere Menschen zu sorgen.

Gleichwohl bleibt von den genretypischen Inszenierungen von Männlichkeit, die bislang noch alle Zyklen von Anti-Western vergleichsweise schadlos überstanden haben, nicht mehr viel übrig. Wie bereits die Romanvorlage von Glendon Swarthout dekliniert "The Homesman" verschiedene Klischees durch: den Indianerüberfall, die Schlägerei um eine Frau, die romantische Bande zwischen zwei gegensätzlichen Figuren, die gerechte Rache. Von einer Ausnahme abgesehen endet jede Standardsituation mit einer Antiklimax, immer bleibt die Inszenierung karg und schmucklos. Am Ende steht kein Triumph, sondern nur der Trotz der von der Geschichte Zurückgelassenen.

Mit seinem Versuch, von der Besiedlung des Westens nicht mehr als Aneinanderreihung von Heldentaten viriler Hutträger zu erzählen, steht der bis in die Nebenrollen großartig besetzte Film zurzeit recht allein da. "Johnny Guitar" von 1954 mit Joan Crawford fällt einem ein, der in Deutschland mit dem hübschen Untertitel "Wenn Frauen hassen" versehen wurde. In den Neunzigerjahren gab es einen kleinen Zyklus von Western wie Sam Raimis "The Quick and the Dead" oder "Bad Girls" von Jonathan Kaplan, die Frauen zu schlagkräftigen Heldenfiguren werden ließen.

Nun ist "The Homesman" mit Sicherheit keine feministische Revision des Genres und will auch keine sein, dazu hat Jones die zweite Hälfte des Films allzu sehr als eigene One-Man-Show konzipiert. Nichtsdestotrotz überzeugt der Film durch seine Konsequenz: Der wilde Westen ist hier eine vollkommen trostlose Welt, wenn überhaupt bevölkert, dann nur von Menschen, die einander nicht lieben können.

Filmtrailer: "The Homesman"

Universum
"The Homesman"

    USA, Frankreich, 2014

    Regie: Tommy Lee Jones

    Drehbuch: Tommy Lee Jones nach dem gleichnamigen Roman von Glendon Swarthout

    Darsteller: Tommy Lee Jones, Hilary Swank, Grace Gummer

    Verleih: Universum Film

    Länge: 123 Minuten

    Start: 18. Dezember 2014

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insgesamt 14 Beiträge
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Cine Ast 17.12.2014
1. Meek's Cutoff
"Mit seinem Versuch, von der Besiedlung des Westens nicht mehr als Aneinanderreihung von Heldentaten viriler Hutträger zu erzählen, steht der bis in die Nebenrollen großartig besetzte Film zurzeit recht allein da (...)" Da hat der Autor aber EINEN, wenn nicht gar DEN Film vergessen: den erst ein paar Jahre alten, großartigen "Meek's Cutoff" von Kelly Reichardt. Bei etlichen Bildern aus dem Trailer von "The Homesman" musste ich sofort an "Meek's Cutoff" denken, der "an diesem ewigen Genregesetz so nachdrücklich rüttelt, wie es das Kino schon lang nicht mehr getan hat" (und das sicherlich um einiges konsequenter & eindringlicher als die "One-Man-Show" von Tommy Lee Jones) "Meek's Cutoff" lohnt, wenn man sich drauf einlassen will und das Triste & Bedrückende & Hoffnungslose einer nicht-glorifizieren, bitter realistischen Besiedlungsgeschichte des Wilden Westens quasi fast hautnah miterleben / mitfühlen / ertragen möchte.
t dog 17.12.2014
2. Sehr realistisch
Der Film kommt sehr realistisch. Eine Geschichte mit Herz und Action. Sehr sehenswert. Der Film zeigt, wie schwer, hart und absolut unromantisch diese Zeit war.
DerSponner 17.12.2014
3. Solche und solche Geschichten
Daß der Film jetzt die Geschichte geraderücken soll erscheint mir doch sehr überzogen. Ich bezweifele daß Kinderleichen standardmässig in der Latrine entsorgt wurden. Der Film ist eben auch nur frei erfunden, wie andere Filme auch. Manche haben vermutlich schlimmes im wilden Westen überlebt, andere besseres. Immerhin leben dort auch heute noch Menschen, also sind nicht alle wieder entnervt geflüchtet.
adama. 17.12.2014
4. Aneinanderreihung von Heldentaten
Der Film erzählt die Geschichte der Verlierer und der Versager. Diejenigen die aufgegeben haben und in den Osten zurück gehen. Die grausame Härte, auch wenn meist durch die Handelnden selbst verursacht, macht die Sieger, die Siedler, die geblieben sind, noch mehr zu Helden, als es ein klinisch sauberer "Hoo, Westwärts" Film zeigen könnte. Moral war dem Überleben untergeordnet und moralisch war was das eigene Überleben erforderte. Und erst wenn man seinen Platz im Westen gesichert hatte und sich auch sicher fühlte, konnte Moral das eigene Handeln in gerechte Bahnen lenken.
joann 17.12.2014
5.
zu allen Zeiten so krass gehyped wie im Medienzeitalter ;)
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