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"The Irishman": Ein Handlanger fürs Gröbste

Foto: VALERIE MACON/ AFP

Martin Scorseses "The Irishman" Alter, weiser Mann

Zwei Hollywoodveteranen kommen zu Netflix: Regisseur Scorsese und Robert De Niro haben "The Irishman" gedreht, wohl das letzte ihrer großen Mafia-Epen - und ihr teuerster, längster und traurigster Film.

Am Ende seines Lebens blickt Frank Sheeran auf die vielen Menschen zurück, die er getötet hat. Der Pfarrer fragt ihn, ob er Reue empfinde. Sheeran schüttelt den Kopf. Er habe die Familien seiner Opfer ja nicht gekannt, meistens jedenfalls nicht. Für Reue könne man sich auch dann entscheiden, wenn man sie nicht empfinde, erwidert der Pfarrer. Sheeran denkt nach: wirklich?

Der Mafiakiller Sheeran, der hier siechend im Rollstuhl sitzt, wird von Robert De Niro gespielt. Sheeran ist der Held von Martin Scorseses neuem Film "The Irishman", ein braver Fußsoldat, der jeden Drecksjob sauber erledigt.

Das dreieinhalb Stunden lange Epos wurde vom Streamingdienst Netflix produziert und kommt nun kurz ins Kino, bevor es dann nur noch online zu sehen sein wird. Für einige Szenen kehren der 76-jährige Regisseur und sein gleichaltriger Star an die Stätte ihres ersten Triumphes zurück: New Yorks Stadtteil Little Italy.

Ein elegischer Epilog, ein letztes Hurra

Hier begann die Karriere der beiden, 1973 mit dem Film "Mean Streets", der den deutschen Titel "Hexenkessel" trägt. Er handelt von schäbigen kleinen Gangstern, die sich durch ihr schäbiges kleines Viertel quasselten, prügelten und schossen, die versuchten, sich hochzubeißen in der blutigen Nahrungskette der Mafia.

1990, in Scorseses und De Niros Meisterwerk "GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia", brachten es die Kinogangster mit ungeheurer Gewalt zu ungeheurem Reichtum. Ein fiebriges Epos über Männer, die mal im Geld baden und mal im Blut, die Koks schaufeln, als wäre es Mehl.

Im Jahr 1995 dann "Casino" mit Sharon Stone. Scorseses kriminelle Helden waren nun in Las Vegas im Glücksspielgeschäft. Teure Anzüge, schöne Frauen, Glamour statt Gosse. Doch gleich am Anfang des Films flog der von De Niro gespielte Held in seinem Auto in die Luft - und überlebte nur mit knapper Not.

Jetzt also "The Irishman", ein elegischer Epilog, ein letztes Hurra, das schon auf den Lippen erstirbt. In der ersten Szene bewegt sich die Kamera im Tempo eines Rollators durch ein Pflegeheim und erfasst am Ende den klapprigen Helden.

Das ist, wie vieles in "The Irishman", ein Zitat aus einem früheren Scorsese-Film: In "GoodFellas" durchmaß der Regisseur in einer ähnlichen Einstellung einen Nachtklub. Sie wirkt wie eine Feier der Lebenslust und des Triumphes, ein gefürchteter Gangster zu sein.

In "The Irishman" muss sich der Mafiakiller Sheeran seinen Sarg selbst aussuchen, weil seine Kinder nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Er sitzt in seinem Rollstuhl und erzählt aus seinem Leben, doch kaum jemand scheint ihm zuzuhören. Ein selten trostloser Gangster.

Auch Scorsese ist eine Marke

"The Irishman" basiert auf dem 2004 erschienenen Buch "I Heard You Paint Houses", das auf Berichten des irischstämmigen Mafioso Frank Sheeran beruht. Der hatte unter anderem behauptet, den legendären Gewerkschafter Jimmy Hoffa (im Film: Al Pacino) ermordet zu haben.

Manches spricht dafür, dass Sheerans Schilderungen großteils nicht der Wahrheit entsprechen, dass er sich selbst zu einem Killer stilisierte, um seine Memoiren verkaufen zu können. Doch De Niro war von dem Buch begeistert.

2008 kündigten er und Scorsese die Verfilmung an. Das Projekt war allerdings extrem aufwendig und technisch kompliziert. Weil viele Szenen in den Sechzigerjahren spielen, als Sheeran in seinen Vierzigern war, entschloss sich Scorsese, seinen Star durch digitales Facelifting zu verjüngen.

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"The Irishman": Ein Handlanger fürs Gröbste

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Als 2016 einer der Investoren absprang, stoppte das Studio Paramount das auf 100 Millionen Dollar budgetierte Projekt. Netflix sprang ein. Der Streamingdienst suchte händeringend nach Stoffen und renommierten Filmemachern. Bald darauf kostete "The Irishman" 150 Millionen. Niemand weiß genau, wie viel Geld es am Ende war.

Es ist Scorseses teuerster, längster und traurigster Film geworden. "The Irishman" steht für das Ende einer Ära, die von Filmemachern wie Scorsese und Francis Ford Coppola geprägt wurde. Sie hatten Hollywood in den Sechziger- und Siebzigerjahren verändert und fühlen sich dort heute wie Randexistenzen.

Superheldenspektakel seien kein Kino, sondern eher verfilmte Freizeitparks, taten Scorsese und Coppola unlängst kund. "The Irishman" ist Scorseses trotziger Versuch, allen zu zeigen, dass auch sein Name eine Marke ist, die noch etwas zählt.

Er machte fast alles anders, als es heute im Blockbusterkino üblich ist. Ruhe statt Tempo, mäandernde Erzählweise statt plotgetriebener Spannungsdramaturgie, schmutzige Morde statt heroischer Action.

Hält der Regisseur den Zuschauer für begriffsstutzig?

Es ist rührend und traurig zugleich, einen Film zu sehen, der oft wie eine Rohschnittfassung wirkt. Alles musste rein in dieses vielleicht letzte große Werk, alles musste erzählt werden, einmal, zweimal, dreimal. Scorsese zeigt es in seinen Bildern und erklärt es noch mal in Worten.

In einer Szene wirft De Niro nach einem Mord seine Pistole in einen Fluss. Der Zuschauer sieht sie langsam auf den Grund sinken - wo schon viele andere Waffen liegen. Ein starkes Bild, das alles sagt. Warum muss der Off-Kommentar noch hinzufügen, dass dieses Arsenal reichen würde, einen Bürgerkrieg zu führen?

Im Video: Der Trailer zu "The Irishman"

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Hat Scorsese das Vertrauen in seine erzählerische Meisterschaft verloren? Oder dachte er, das Publikum sei beim Streamen weniger konzentriert als im Kinosaal? Der Zuschauer hat bisweilen den Eindruck, der Regisseur halte ihn für begriffsstutzig.

Aber natürlich verstellen Scorseses frühere Meisterwerke etwas den Blick auf "The Irishman". Bei allen Schwächen ist es immer noch ein ziemlich wuchtiges Epos. Dem Regisseur vorzuwerfen, dass er vor 30 Jahren bessere Filme gedreht habe, ist etwas ungerecht, wenn man bedenkt, wie gut diese Filme sind.

Illusionslose Weltsicht

Vielleicht muss man sich auf "The Irishman" einlassen wie auf ein Treffen mit inzwischen etwas betagten Freunden, die von den alten Zeiten reden und mit denen man Geduld haben sollte, weil sie viel erlebt und Wichtiges zu erzählen haben.

"The Irishman" ist vom Bewusstsein durchdrungen, dass Korruption und Verrat allgegenwärtig sind. Er handelt nicht nur von der Unterwelt, sondern von Amerika und seinem Raubtierkapitalismus. Scorsese zeigt ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem jeder seines Glückes Schmied sein kann, wenn er bereit ist, mit dem Hammer seine Konkurrenten zu erschlagen. Die illusionslose Weltsicht eines alten, weisen Mannes.

Im Lauf des Films hält Scorsese immer wieder das Bild an, verweilt auf einer Figur und blendet einen Text ein, der den Zuschauer informiert, wann und wo diese Person ermordet wurde. Wenn Sheeran im Pflegeheim seine Pillenbox öffnet, hat man das Gefühl, dass er der einzige all dieser Gangster ist, der noch lebt. Er hat einfach Pech gehabt. Jetzt muss er als Gottes einsamster Mann sterben.

Ganz am Ende bittet er eine Krankenschwester, die Tür zu seinem Zimmer nicht ganz zu schließen. Vielleicht ist das auch die Tür, die sich Scorsese und De Niro dann doch noch offen lassen.


"The Irishman" ist ab Donnerstag in den Kinos zu sehen und ab 27. November bei Netflix.