The Matrix Actionfilm mit Fußnote

"The Matrix" ist ein intellektueller Actionfilm zweier No-Name-Regisseure und bricht trotzdem in den USA Besucherrekorde. Das Werk wird als der erste gelungene Cyber-Film anerkannt. Aber auch die mordenden Schulkinder von Littleton nahmen sich eine der bildkräftigen Szenen zum Vorbild.

Von Tilman Baumgärtel


Cool: Neo (Keanu Reeves) ist mit Trinity (Ex-Model Carrie-Anne Moss) unterwegs
Warner Bros.

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Es kommt nicht oft vor, daß das "Time"-Magazin Artikel mit Fußnoten veröffentlicht. Bei "The Matrix" hielt die Redaktion es für notwendig: auf einer halben Seite erläutert das amerikanische Nachrichtenmagazin einige Motive des Films, als wäre er ein Literaturklassiker: die Anspielungen auf "Alice im Wunderland", auf die Bibel, die Psychoanalyse C.G. Jungs, die griechische Mythologie.

Selbst damit hat "Time" nur einen kleinen Teil der Referenzen in dem mit Anspielungen und Zitaten vollgepackten Film entdeckt. Auch die postmoderne Philosophie Jean Baudrillards, der Taoismus, Nietzsche und Jean Cocteaus "Orpheus" streift der Film. Und dabei ist "The Matrix" kein philosophischer Essayfilm. Ganz im Gegenteil: "The Matrix" ist ein Science-Fiction-Streifen, bei dem jeder auf seine Kosten kommt, der gerne klirrende Fensterscheiben, Shoot-Outs, Kung-Fu-Duelle, Verfolgungsjagden und die allerneusten Special-Effects im Kino sieht. Um es mit den Worten eines anonymen Websurfers zu sagen, der seine Meinung in der "Internet Movie Data Base" veröffentlicht hat: "'The Matrix' rocks!"

Laurence Fishburne als "Morpheus"
Warner Bros.

Laurence Fishburne als "Morpheus"

Seit der Film am 31. März in den USA gestartet ist, haben schon knapp 900 Netizens ihre Meinung über "The Matrix" auf der Site gepostet - die meisten von ihnen anerkennend bis begeistert. Zum Vergleich: über den Gassenhauer "Titanic" haben sich an gleicher Stelle in zwei Jahren nur gut 450 Filmfreunde geäußert. Daß der Film bei Netizens gut ankommt, ist kein Wunder: nach den mißlungenen Internet-Filmen der letzten Jahre (wie "Johnny Mnemonic", "Sneakers" oder "The Net") hat "The Matrix" es erstmals geschafft, den Cyberspace und die Figur des Hackers in eine dem Kino gemäße Form zu übersetzen. Der Film wird in den USA als der erste gelungene Cyber-Film gehandelt.

Aber nicht nur im Internet ist der Film ein rasender Erfolg, sondern auch im Kino: in seiner ersten Woche spielte er seine Produktionskosten von 60 Millionen Dollar ein und war der bestbesuchte Film in den USA. Inzwischen haben seine Produzenten weit über 130 Millionen mit dem Opus verdient, viele Fans haben den Streifen bereits mehrmals gesehen. Und das bei einem Werk, das seine Regisseure, die Brüder Larry und Andy Wachowski, einen "intellektuellen Actionfilm" nennen.

Trinity im Latex-Kleid tippt Nachrichten ins Netz
Warner Bros.

Trinity im Latex-Kleid tippt Nachrichten ins Netz

Einen was? In der Tat gründelt der Film tief, und seine Story ist so kompliziert, daß man sie kaum nacherzählen kann: "Unfortunatly, no one can be told what the Matrix is. You have to see it for yourself", sagt der geheimnisvolle Hacker Morpheus in dem Film. Daß ein Film mit so kryptischer Geschichte ein Kassenschlager werden kann, ist ein Ausnahmefall.

Liegt es an den Hauptdarstellern Keanu Reeves und Laurence Fishburne? An den atemberaubenden, digitalen Special Effects? An der opulenten Website, auf der animierte Computerspiele und Comics den Film fortsetzen? Ganz sicher hängt der Erfolg des Films nicht mit der Bekanntheit seiner Regisseure zusammen, die schon jetzt mit den Coen Brüdern verglichen werden. Sie machten bisher lediglich unter Cineasten auf sich aufmerksam - mit dem Lesben-Film-Noir "Bound" .

"The Matrix" kommt am 17. Juni in die deutschen Kinos.



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