Ausstellung "The Sound of Disney" Wie die Maus zu ihrer Stimme kam

Walt Disney ist bekannt als Pionier der Animation. Wie er gleichzeitig auch den Ton in den Trickfilm brachte, zeigt nun eine Ausstellung in Frankfurt am Main. Sehenswert? Nein, hörenswert!
Disney-Figur Micky Maus in einer Szene aus dem Kurzfilm "Steamboat Willie" von 1928

Disney-Figur Micky Maus in einer Szene aus dem Kurzfilm "Steamboat Willie" von 1928

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LMPC / Getty Images

Zur animierten Ente Donald Duck gehört das quakende Zetern und zu Micky Maus ganz selbstverständlich die fiepsige Stimme: Man kann sich im Rückblick nur schwer vorstellen, dass das einmal nicht so war. 1928 schien es aber noch keineswegs ausgemacht, dass wenige Jahre später im Namen von Walt Disney animierte Geflügel- und Mäusehorden oder Straußenballette lautstark über die Leinwand tanzen und die Menschen dafür ins Kino gehen würden. Denn das Publikum war bis dahin den Stummfilm gewohnt. Würde es sich der Illusion hingeben können, dass gezeichnete Figuren all diese Geräusche erzeugen - die "Boings!", die ab- und aufsteigenden Glockenspielfolgen, das Sprechen gar?

Selbst Walt Disney war skeptisch, erinnert sich der Geräuschemacher Jimmy MacDonald, dessen Beruf damals regelrecht im Entstehen war - und berichtet von den weitgehend improvisierten Vertonungen dieser Anfangstage des Trickfilms. Seine Erzählungen kann man jetzt in Frankfurt am Main hören, wo das Deutsche Institut für Film mit "The Sound of Disney 1928-1967"  den akustischen Spuren des Film- und Entertainmentimperiums nachspürt.

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Überall im Tonstudio, so MacDonald, waren Spucknäpfe verteilt, gegen die mit dem Bleistift geschlagen wurde - "schepper!", "boing!". Auch Zigarrenkisten wurden auf ihren Soundgehalt geprüft, und dazwischen verlieh Walt Disney höchstpersönlich einer kleinen Cartoon-Maus ihre bald schon ikonische Fistelstimme. Im Vorführraum sahen und hörten Disney und sein Team dann, was kurze Zeit später ein Millionenpublikum begeistern würde: Die gezeichneten Bilder und der damals noch in einem einzigen Take synchron aufgezeichnete Ton vermählten sich auf magische Weise zu einem neuen, bald selbstverständlichen Ganzen.

Der Disney-Kurzfilm "Steamboat Willie" von 1928, in dem Micky Maus und seine Freundin Minnie ihr Debüt geben, war nicht der allererste animierte Cartoon mit synchronisiertem Sound, bereits einige Jahre zuvor gab es zum Beispiel die "Song Car-Tunes" der Gebrüder Fleischer. Aber der knapp achtminütige Film, in dem Micky und Minnie auf einem Raddampfer über den Mississippi schippern, sollte einer der Meilensteine des animierten Tonfilms werden. Für Walt Disney, den ehemals mittellosen Künstler aus Kansas City, bildete der Publikumserfolg von "Steamboat Willie" die Grundlage für sein Unterhaltungsimperium.

Neben Filmausschnitten und zahlreichen Original-Zelluloidtafeln sind es vor allem die aufgezeichneten Anekdoten und Arbeiten der Disney-Mitarbeiter aus jenen Pioniertagen, die den Ausstellungsbesuch lohnen - darunter die KomponistInnen Carl Stalling und Peggy Lee oder die Synchronsprecherin Marcellite Garner. Während im Hintergrund also der Anthropomorphismus fröhliche Revuen feiert, kann man an den Mediastationen nachhören und anschauen, wie Walt Disney und Co. jene belebte Welt zum Beispiel aus den - nomen est omen - "Silly Symphonies" im Studio entstehen ließen.

Warum gibt es überhaupt so ungewöhnlich viele Aufzeichnungen aus den Wektstätten des Animationsfilms? Marketing! Disney wusste, dass ein gelenkter Einblick hinter die Kulissen der Faszination des Publikums keinen Abbruch tun, sondern sie im Gegenteil erst noch befeuern konnte. So ließ er bereits 1939 eine Dokumentation über die Entstehung der Disney-Cartoons anfertigen.

Von hier aus geht die Ausstellung mit großen Schritten voran. Der titelgebende Sound wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet; nicht nur kurze Cartoon-Dialoge und Foley Art, also Geräuschkunst, sondern auch die tatsächlichen Soundtracks prägen das Micky-Maus-Imperium: Songs aus Disney-Klassikern, die es als Musikalben weit über den Film hinaus schaffen und bis heute im Ohr hängen. Aber ist das ein Disney-Alleinstellungsmerkmal? Gibt es ihn, den unverwechselbaren Klang des Disney-Films?

Hier hätte ein wenig Kontextualisierung das Ausstellungsthema vertiefen können. Der Vergleich mit anderen Animationsfilm-Giganten wie Hanna-Barbera beispielsweise, den Erfindern von Yogi-Bär und Familie Feuerstein. Oder schlicht einige Stimmen zeitgenössischer Geräuschemacher und Filmkomponisten, die wie die Ausstellungsbesucher aus heutiger Sicht auf Disneys Tonfabrik blicken.

"The Sound of Disney" endet mit dem "Dschungelbuch" von 1967, und spätestens hier wird es wieder aufschlussreich: Wie geschmeidig sich einer der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten jeder Kindheit anzupassen wusste! Wie die hohe Kunst der Synchronisation schließlich weltweit zelebriert wurde - und regionales Vokabular liebevoll in Dialogzeilen und Gesangslinien eingeflochten wurde. Nachvollziehbar wird das am berühmtem Faulenzersong "Probier's mal mit Gemütlichkeit" des Bären Balu, den der Musiker und Synchronregisseur Heinrich Riethmüller aus dem US-amerikanischen "The Bare Necessities" fürs deutsche Familienpublikum transformierte.

Eine Original-Zelluloidtafel aus "Das Dschungelbuch" von 1967

Eine Original-Zelluloidtafel aus "Das Dschungelbuch" von 1967

Foto: Disney/ DFF

Zwei Videoarbeiten neueren Datums haben die Ausstellungsmacherinnen den Disney-Werken außerdem zur Seite gestellt. Der französische Künstler Pierre Bismuth schneidet die mannigfaltigen Synchronfassungen des "Dschungelbuchs" zu einem babylonischen Sprachgewirr zusammen, während David Claerbouts "The Pure Necessity" die animierten Dschungelbewohner in ihr animalisches Dasein zurückbefördert und den Film damit auch von jeglichem Singen und Tanzen befreit. Mühevoll hat der belgische Künstler hierzu eine einstündige Filmsequenz Bild für Bild per Hand abgezeichnet - und eine neue Version geschaffen, in der Balu, Panther Baghira und die Schlange Kaa sich wie ganz normale Dschungelbewohner verhalten - was dann im Vergleich ziemlich unspektakulär wirkt.

Erst an diesen beiden Stellen tritt man kurz heraus aus der bis dato göttlichen Einheit aus Bild und Ton, bevor man schließlich mit einem beschwingten "Schubiduuu"-Affenchoral gern wieder eintaucht.