Gesellschaftssatire "The Square" Nichts Menschliches fremd

Ein feiner Kunstkurator erlebt eine höllische Woche, und Ruben Östlund macht daraus einen Heidenspaß: Endlich startet der Cannes-Gewinnerfilm "The Square", eine einzigartige Komödie über Mitleid und Menschlichkeit.

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Dauernd wird in "The Square" um Hilfe gerufen. Erst von einer Frau, die in der Stockholmer Innenstadt von einem Mann verfolgt wird, später von einem kleinen Jungen, der eine Treppe heruntergefallen ist, zwischendurch von einer Frau, die während einer Kunstperformance von einem Affenimitator angegriffen wird, und irgendwann muss auch Christian, Hauptfigur des Films und Chefkurator des Stockholmer Museums für Moderne Kunst, in einer Shoppingmall um Hilfe bitten.

Es geht um Mitleid und Mitgefühl in "The Square" und um die Bedingungen, wann man auf einen Hilferuf reagiert und wann man sich von der Not des anderen abwendet und nichts tut. Gleichzeitig ist "The Square" unglaublich unterhaltsam, verblüffend in seinen Wendungen und fantasievoll in seinen kleinen Verschiebungen unserer Realität. Der Film ist die Komödie des Jahres, und er ist das, weil Autor und Regisseur Ruben Östlund moralische Zwiespälte nicht nur aushalten kann, sondern ihnen so viel abgewinnt wie kein zweiter Filmemacher zurzeit sonst.

Abgewinnen ist hier buchstäblich zu verstehen: Östlund, 43 Jahre alt und in Göteborg ansässig, hat mit "The Square" die Goldene Palme in Cannes gewonnen und ist damit in die Riege der internationalen Regiegroßmeister aufgestiegen. Man könnte auch sagen, dass er von den Nöten, in die er seine Figuren bringt, profitiert. In "Play - Nur ein Spiel?" (2011) ist es eine Gang von nichtweißen Jungs, die weiße Jungs so geschickt abzieht, dass sich diese nicht wehren können, ohne rassistisch zu erscheinen. In "Höhere Gewalt" (2014) ist es ein Familienvater, der während eines Skiurlaubs im Angesicht einer Lawine seine Kinder im Stich lässt, nur sich selbst in Sicherheit bringt und sich so vor seiner Familie als Egoist entblößt.

"Ich liebe Dilemmata"

Bei "The Square" gibt es nun nicht die eine Krise, die den Film strukturiert. Es kommt zwar zu einem Trickbetrug, dessen Folgen den gesamten Film über immer wieder thematisiert werden. An diesen Vorfall knüpfen sich aber verschiedene Episoden an, die lose durch die Hauptfigur Christian und seinen Arbeitsplatz, das fiktive Kunstmuseum X-Royal, miteinander verbunden sind.

Ruben Östlund
Getty Images

Ruben Östlund

Ein Mann mit Tourette-Syndrom mischt eine Gesprächsrunde mit einem berühmten Künstler auf. Ein One-Night-Stand endet mit einem Streit darüber, wie das benutzte Kondom entsorgt werden soll. Die PR-Agentur, die die neueste Ausstellung von X-Royal bekannt machen soll, überlegt sich einen provokanten Werbeclip. Die Episoden stehen für sich, sie sind jede für sich unglaublich lustig und detailreich. Gleichzeitig ergeben sie auch eine Woche im Leben von Christian, an deren Ende er, der erfolgreiche und blendend gut aussehende Kurator, gebeutelt und beschämt ist.

"Dauernd werde ich gefragt, ob ich ein Sadist bin", sagt Östlund beim Interview in Berlin. "Ich will aber niemanden bestrafen oder leiden sehen, das interessiert mich gar nicht. Ich würde nie einen Massenmörder dabei zeigen wollen, wie er Dutzende von Menschen umbringt. Schließlich weiß ich schon, dass das falsch ist. Ich liebe vielmehr Dilemmata - wenn du eine oder mehrere Optionen hast und keine davon einfach ist. In solchen Situationen kann man wirklich etwas über sich selbst lernen und sich infrage stellen."

Keine Verantwortung

Es ist diese Art von Neugier und Offenheit, die Östlund von anderen Filmemachern abhebt. Michael Haneke oder Lars von Trier arbeiten mit ähnlichen Versuchsanordnungen, sie bringen ihre Figuren in Bedrängnis und bieten ihnen keine Fluchtmöglichkeiten. Bei Haneke ist die moralische Grenzziehung zwischen gut und böse jedoch eindeutig, und von Trier findet vor allem Vergnügen daran, an seinen Figuren die genialische Zwangsläufigkeit seiner Ausgangsidee vorzuführen.

Östlund hingegen gibt nicht vor, was man am Ende von einer Szene zu denken oder zu fühlen hat, er entscheidet nicht, ob es okay ist, über den Mann mit Tourette zu lachen oder man sich besser respektvoll beherrscht. So unterschiedliche Dinge wie Haltungslosigkeit oder bloße Heuchelei von Toleranz sind ihm deshalb schon vorgeworfen worden.

Doch wer so etwas vorbringt, will es sich buchstäblich zu leicht machen. Der Witz von Östlunds Kino besteht nämlich darin, dass er die Verantwortung für seine Ideen und Figuren von sich weist und es stattdessen dem Publikum überlässt, sich zu ihnen zu verhalten, sie hinzunehmen oder empört abzuwehren. Das macht "The Square" zu so einem beiläufig fordernden und seiner losen Struktur zum Trotz auch packenden Film.

Tränen während der Dreharbeiten

Östlunds Fordern beschränkt sich aber nicht nur auf das Publikum: "Schauspieler wollen oft erkunden, was ihre Figuren in einer bestimmten Situation tun würden. Mich interessiert aber viel mehr, was sie als Menschen tun würden." Er will deshalb, dass sich seine Schauspieler so ungeschützt wie möglich in die Szenen begeben. "Das macht die Arbeit mit ihm so hart", sagt Hauptdarsteller Claes Bang, ebenfalls beim Interview in Berlin. "Du sollst tief in dich gehen und das in die Szene einbringen - da kann es schnell sehr persönlich werden."

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"The Square": Gebeutelt und beschämt

Bang, 50 Jahre alt, ist in seiner Heimat Dänemark ein bekannter Theater- und Fernsehschauspieler, "The Square" hat ihm nun den Durchbruch im Film beschert samt Branchengeflüster, dass er dank seiner Statur und seines Aussehens auch der nächste James Bond sein könnte. Für solche neuen Perspektiven ist Bang Östlund offenkundig dankbar, trotzdem scheinen ihm die Dreharbeiten noch in den Knochen zu stecken - von 70 Drehtagen musste er an 68 arbeiten. "Nach der Hälfte der Zeit bin ich abends zurück in meine Wohnung gekommen und habe angefangen zu weinen. Ich wusste nicht, ob ich es weiter aushalten könnte - diese ewig langen Einstellungen und dann auch noch so viele davon..."

Bis zu 50 Mal soll Östlund bestimmte Szenen wiederholt haben, eine Zahl, wie man sie sonst nur von Setdiktator Stanley Kubrick kennt. Er ließ die berühmte Szene aus "The Shining", in der sich Shelley Duval mit einem Baseballschläger Jack Nicholson gegenüber zu wehren versucht, 127 Mal spielen. Bei "The Square" war es die Pressekonferenz, die Bangs Christian zum Ende des Films gibt, die Östlund über zwei Tage hinweg immer wieder neu inszenierte.

Komplex wie bei Kubrick

Von 80 Journalisten, davon 40 echten, muss sich Christian löchern lassen - bis etwas in der ohnehin bröckeligen Fassade des Kulturmanagers wegbricht und seine Verletzlichkeit vollends zu Tage tritt. "In dem Film steckt wirklich viel von mir selbst drin", sagt Bang. "Vielleicht macht das die Figur des Christian auch nahbarer."

Genau diese Durchlässigkeit zwischen Schauspielern und ihren Rollen wollte auch Kubrick erzielen, wenn nötig auch auf Kosten des Wohlbefindens der Schauspieler. Der Vergleich zwischen Östlund und Kubrick ist aber auch auf anderer Ebene erhellend. Mit "The Square" gelingt es Östlund nämlich, Tableaus zu erschaffen, die ganz ähnlich komplex wie bei Kubrick gebaut sind.

Wo Kubrick durch seine detailversessene Ausstattung Tiefe und Vielschichtigkeit in seine Totalen brachte, sind es bei Östlund jedoch soziale Konstellationen, die seine Bilder ausfüllen. In fast jeder Szene entspinnt sich ein Spiel zwischen Geschehnissen im Vorder- und im Hintergrund, drängelt sich eine Person vom Rande in die Mitte des Bildes vor oder klingt in einer Unterhaltung unvermutet ein Subtext an.

Bei aller persönlichen Unnachgiebigkeit, die Östlund bei seiner Arbeit mitunter an den Tag legt, ist es dann doch sein feines Gespür für die Verzwicktheit gesellschaftlicher Beziehungen, das "The Square" erfüllt. Am besten tut man es dem Filmemacher wohl gleich und versucht nicht, dieses Dilemma aufzulösen. Man würde sonst einen großen Film verpassen.

Im Video: Der Trailer zu "The Square"



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